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Oheims Händen? – E d u a r d ! du, der zärtlichste Jüngling, konntest eine andre Geliebte wählen, mich vergessen? Und doch kann ich dich nicht hassen; doch bringt noch dein blosser Name eine Erschütterung in mein ganzes Wesen?
O du, den ich sonst so heiss, so unaussprechlich liebte, wüsste ich nur, dass du glücklich wärest: ich wollte dir verzeihen, wollte meine Tränen trocken. Aber gewiss! du bist es nicht. Fremde Reize rissen dein weiches Herz hin, – ach, das meinige hätte sich nicht hinreissen lassen, wärst du auch zehn Jahre von mir entfernt gewesen; denn selbst der untreue E d u a r d sass noch zu tief in meinem Herzen, als dass ich je in eine andre Verbindung hätte willigen können. Aber das Dringen einer sterbenden Mutter besiegte mich – Man eilte wohl, dich zu verbinden. Aber gewiss dachtest du bald nachher an dein armes Mädchen, wie sie jammerte, die Hände ringend nach dem fernen Geliebten seufzte, der nun – das Eigentum einer andern war! Und ach, ich fürchte, dein Herz, für jedes Leiden gefühlvoll, empfand nur zu tief das meinige; und dieses Andenken verbittert dir gewiss dein ganzes zukünftiges Leben.
O Gott! straf ihn nicht so hart für den Fehler, den er beging; ach! es war das Versehen eines schwachen, nicht eines boshaften Herzens. Möchte er doch beruhigt sein, keine Gewissensbisse fühlen! Dieser Wunsch sei noch das Gebet meiner letzten Stunde. Wenn schon Todesschauer mich ergreift, wenn schon meine Seele den letzten Kampf der sterbenden Natur zwischen Tod und Leben kämpft, dann noch wird dein Bild in meiner Brust sein, und meine kalten Lippen werden noch Wünsche für dein Wohl zu Gott hauchen!
O Sophie! Wenn ich die seligen Tage unsrer Liebe mir denke! – Wenn ich so den Tag mit Geschäften mancherlei Art zugebracht hatte, und dann der Abend kam, und ich ans Fenster trat, und mich nach ihm umsah; wenn ich ihn dann erblickte: o wie wallte mein Herz ihm entgegen! mit welchem Entzücken schloss er mich dann in seine Arme! wie war unsre Liebe so rein, ein so heiliges Feuer!
Ich weiss, ich fühle, dass es Sünde ist, mich diesem Gedanken zu überlassen, sträfliches Vergehen gegen A l b r e c h t . Aber ich kann sie nicht los werden, die reizenden und quaalvollen Bilder; sogar wenn meine Augen, vom Weinen abgemattet, endlich sich schliessen, verlassen sie mich nicht. Bei Tage suche ich mich zu zerstreuen, suche meinen Kummer vor A l b r e c h t zu verbergen, und heiter zu scheinen. Aber was mein armes Herz dabei leidet, ist unbeschreiblich; oft dünkt mich, es müsste unter seiner Last zerspringen. Wissen Sie Trost für mich, S o p h i e , o! so schreiben sie ihn der unglücklichsten Ihrer Freundinnen.
Marie.
Dreiundzwanzigster Brief
Sophie an Marien
Ihr Brief, liebste M a r i e , hat mich sehr gerührt. Unzählige Tränen habe ich dabei vergossen. Aber wie lehrreich ist er nicht auch für mich! Meine M a r i e erträgt das schwerste Leiden mit unaussprechlicher Sanftmut und Geduld. Ihr sanftes Herz, weit entfernt an ihrem untreuen Geliebten Rache zu nehmen, ist noch besorgt für sein Wohl. Wie beschämt mich Ihr Beispiel, meine Freundinn! Wie brausete ich nicht bisher auf, wenn mir etwas unangenehmes begegnete! Wie ungeduldig machten mich nicht gleich kleine Leiden! Aber ich will an mir arbeiten, ich will mich bemühen, die Sanftmut meiner M a r i e nachzuahmen.
Meines Geliebten schönes Herz entdeckt sich mir mit jedem Tage mehr. Gestern waren wir in einer Gesellschaft, in der sich auch Herr F r i t z l e b e n befand. Sie wissen, dass dieser sonst den Anbeter von mir machte. Er konnte es nicht verschmerzen, dieses Amts durch K a r l s h e i m so ganz entledigt zu sein; er nahm also sein Bisschen Witz zusammen, und wagte verschiedne Ausfälle auf K a r l s h e i m . Dieser liess sie anfangs ganz unbemerkt hingehen. Da aber F r i t z l e b e n es zuletzt gar zu auffallend machte, schlug er ihn mit einer einzigen geistvollen Antwort nieder. Aber weit entfernt, nunmehr, da F r i t z l e b e n beschämt schwieg und die Gesellschaft dem Sieger Beifall lächelte, eine triumphirende Miene anzunehmen, lenkte er auf eine so feine Art ein andres Gespräch ein, dass bald der ganze Vorfall vergessen wurde.
Eins nur befremdet mich an ihm. Seine Blicke scheinen zuweilen einen gewissen Kummer zu verraten, den er zwar sorgfältig zu verbergen sucht, der aber doch oft hervorscheint. Ich werde die Ursache davon zu erforschen suchen.
Leben Sie wohl, beste Freundinn. Möchte doch Beruhigung in Ihr leidendes Herz fliessen, und Ihre Seele wieder so unbefangen und heiter werden, wie sie es vorher war, ehe der – (verzeihen Sie, M a r i e , bald hätte ich gesagt verwünschte Brief; denn so wenig ich auch Ihren Kummer vergrössern will, so kann ich Ihnen doch mein Misfallen, dass Sie ihn lasen, nicht bergen –) unglückliche Brief in Ihre Hände kam.
Sophie.
Vierundzwanzigster Brief
Wilhelm an Karlsheim
Unglücklicher Weise war ich verreist, und erhielt deine Briefe erst heute. K