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hätten Sie denn die Glückwünsche hören sollen. Neid und Unmut verbargen sich unter so mancher tiefen Verbeugung; einige gratulirten mir mit gezwungnem Lächeln, und schielten dabei mit einem unterdrückten Seufzer verstohlen nach meinem neuen Ringe hin. Mehr als alle andere dauerte mich die gute W . Von früher Jugend an liebte sie einen Jüngling, den nun vor einem Jahre seines Vaters Härte von ihr trennte, und dem man eine andre Frau aufzwang. Vor vier Wochen reisete er heimlich hierher, um in dem Wäldchen, welches sonst der Ort ihrer Liebe war, sie noch einmal zu sehen, und auf ewig Abschied von ihr zu nehmen. Alle diese Erinnerungen wachten bei dem guten Mädchen auf, da sie mich in meiner jetzt so glücklichen Lage sah. Der Gedanke an ihren ehemaligen Geliebten drang mit Macht in ihre Seele. Sie entfernte sich, und sprach, mich umarmend: "O S o p h i e , ich wünsche Ihnen ein glücklicheres Schicksal, als das meinige war." Dieses durchdrang mich, ich warf es mir als eine höchst sträfliche Unvorsichtigkeit vor, dass ich sie hatte bitten lassen, und ein kalter Schauer überlief mich.
Als ich wieder herein kam, sagte die älteste Mamsell B e r g – ein Frauenzimmer von sieben und dreissig Jahren, die jetzt, da sie sich nicht mehr für einige zwanzig jährig ausgeben kann, wie sie sonst noch immer tat, anfängt die Prüde zu spielen –:
"Ich dächte, die W . könnte doch nun auch das Winseln sein lassen, und sich vielmehr freuen, dass sie noch mit so gnädiger Strafe für ihre Torheit davon gekommen ist. Das frühzeitige Versprechen der jungen Leute taugt gar nichts. Man muss die Frucht erst reif werden lassen, ehe man sie vom Baum abbricht."
"Ja, Mamsell B e r g – sprach eine junge lebhafte Brünette – wenn man sie aber so lange sitzen lässt, bis sie wurmstichig wird, und vom Baum abfällt, so ist auch niemanden mehr damit gedient."
Die ganze Gesellschaft belachte diesen Einfall; nur Mamsell B e r g , so rot wie ein gereizter Puter, der eben auffliegen will, antwortete:
"Sie sind wohl sehr besorgt, mein Kind, dass das einmal Ihr Schicksal werden möchte, sonst würden Sie nicht so viel Mühe anwenden, sich bei jeder Gelegenheit den Mannspersonen aufzudringen."
"O, wenn das Aufdringen nur hilft, so geht es doch noch an; aber, Mamsell, es giebt Leute, die sich immer aufdringen, und denen doch nichts dafür zu Teil wird."
Nun war unsre alte Schöne in Feuer und Flammen; denn sie hielt diess für eine Anspielung auf eine Geschichte, die sie kürzlich mit einem jungen Magister hatte, der ihr ihm angetragnes sieben und dreissig jähriges Herz, in ein niedliches Körbchen gepackt, ihr zurückschickte. Der Streit wurde nun so laut, und so allgemein, – denn der geheime Groll aller anwesenden Frauenzimmer war froh, eine Gelegenheit zum Ausbruch zu finden – dass mein Onkel von seinem Studierzimmer herunter kam und Frieden gebot; die Ausfälle gegen einander währten aber doch noch immer fort – denn alle Zungen waren nun einmal im Gange – und hörten auf, mich zu belustigen, weil sie gar zu pöbelhaft wurden; so dass ich froh war, als die Zeit des Aufbruchs kam, und alle sich entfernt hatten, mich in meines K a r l s h e i m s Armen von diesen Langweiligkeiten erholen zu können. Ich bin sehr besorgt, meine liebe M a r i e , weil ich so lange keinen Brief von Ihnen gehabt habe, und sehe mit Ungeduld einer Nachricht von Ihnen entgegen, auf die ich schon so lange gewartet habe.
Sophie.
Zweiundzwanzigster Brief
Marie an Sophien
Es ist ungerecht, dem Glücklichen seine Freude durch Klagen zu verbittern, und das ist die Ursache, warum ich so lange nicht schrieb. Ich bin in einer so melancholischen Stimmung, dass nichts mich zu erheitern fähig ist. Ich wollte meine Traurigkeit bekämpfen, aber ich vermag es nicht.
Das Teilnehmen des Freundes mildert den Schmerz, und meine S o p h i e soll ihn mir tragen helfen.
Ich suchte neulich nach einem alten Briefe einer meiner Freundinnen ein Kästchen durch, das ich in einigen Jahren nicht geöffnet hatte. Und da fand ich einen Brief von E d u a r d , den er einst im Entzücken der Liebe mir schrieb, wie er von mir gegangen war, und die erste Versichrung meiner Neigung mit sich genommen hatte. Blass und zitternd wollte ich ihn zerreissen, aber es war mir unmöglich; ich wurde hingerissen, ich las ihn.
Und, o Gott! welch ein Brief! Meine Seele wurde von allen den Erinnerungen niedergedrückt, die nun mit Macht in mich drangen. Matt, mit wankenden Knien, mit Tränen, die gewaltsam aus meinen Augen brachen, sank ich auf einen Stuhl.
Und nun sah ich ihn vor mir stehen, den liebenswürdigen Jüngling, wie er furchtsam um meine Liebe bat, wie ich mit gesenktem Blick ihm nicht zu antworten vermochte, wie er wonnetrunken an meine Brust sank, und nun unaussprechliche Gefühle uns durchdrangen.
Und du, den ich so innig liebte, der du so oft die heiligsten Beteurungen ewiger Liebe mir gabst, du konntest untreu werden? Gott! Unmöglich! – Und doch muss ich es glauben. Schrieb er wohl ein einzigesmal nach seiner Abreise? Sah ich nicht die Beweise seiner neuen Liebe in meines