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ist es, wenn Sie bekennen, dass Sie Liebe und Dankbarkeit gegen mich fühlen? – Du stolzer Bettler! wem bist du dein ganzes Wohlsein schuldig als mir. Wer hat dich aus dem Kramladen herausgezogen? Wer hat dich mit glänzenden Kleidern, mit anständiger Wohnung, mit Bedienung, Bequemlichkeit und Wohlleben bisher versorgt? Wer hat dir deinen rohen kleinstädtischen Geist gebildet? Wer hat dich aus deiner schulmässigen Denkungsart herausgerissen? Wer dich von pedantischen Stubengrundsätzen und linkischen Meinungen befreit? Wer hat dich mit den Artigkeiten der Welt, mit einnehmenden Manieren, mit gefälligen Sitten und dem Tone der guten Gesellschaft bekannt gemacht? Wer als ich? sage mir! Du bist meine Kreatur: ich will dich dein ganzes Nichts einmal fühlen lassen; und nunmehr nennst du es Unsinn, Dankbarkeit gegen die Frau zu bekennen, die dich geschaffen hat? – Wenn dir dein knurrender Präzeptor lieber ist als deine Wohltäterin, wohl! gehe zu ihm! wirf mir alle meine Geschenke und Wohltaten vor die Füsse! gib mir verächtlich alle Kleider und Wäsche zurück, die du von mir empfingst, und eile, nackt, wie du aus Mutterleibe kamst, in die liebreichen Arme deines ökonomischen Landpredigers!
Herrmann. Ja, Vignali, ja! ich will gehn: ich mag nicht das Insekt sein, das ein Weib zerdrücken oder leben lassen kann. Alle Geschenke und Gütigkeiten, die Sie mir so entehrenderweise vorrücken, sollen Ihnen durch meinen Freund bezahlt werden. Danken will ich dir, stolzes Weib, und dich verachten.
Vignali. Unsinniger! trotzest du also meiner Liebe? – Alle meine Geschenke sind nichts: verachte sie! Aber eins – wag es, dies einzige zu verachten, wenn du nicht der ärgste Bösewicht der Erde sein willst! Ist dir die heisse, brennende Liebe eines Weibes nichts? Die elenden Lumpen, womit dich das stolze Weib behing, kannst du bezahlen: aber sage mir, Trotziger, womit willst du meine Liebe bezahlen? Und wenn du einem Könige seine Schätze abborgtest, gegen die Liebe einer Frau wären sie immer eine leichte Feder. Nur Liebe vergilt Liebe. – Verblendeter Tor! bedenk einmal, was Vignali aus Liebe für dich tat! Wer bot dir mit zuvorkommender Güte die süssesten Vergnügungen der Liebe an, die du, Undankbarer, verschmähtest? Wer liess dich die berauschenden Freuden der Zärtlichkeit aus vollem Becher geniessen? Wer liess dich, wenn du wie ein Durstender vor Liebe schmachtetest, an seinem Busen wie ein Kind ruhen und dich mit dem seligsten Entzücken laben? Welche Lippen eilten deinem Kusse entgegen! In wessen Umarmungen starbst du voll trunkner Wonne dahin? Wer machte dir mein Haus zum Paradiese und deine Tage zu Tagen der Seligkeit? Wer tat dies alles als die stolze Vignali, die dir noch unendlich mehr anbot, als du annahmst? die dir alle ihre Delikatesse, alle Rechte ihres Geschlechts, ihre ganze Person aufopferte! die mit ihrem Blicke an den deinigen hing, keine Freuden kannte, wenn du nicht Teil daran nahmst, mit zärtlicher Schwachheit Tag und Nacht vor dir, ihrem Abgotte, auf den Knien lag, auf jeden deiner Winke von fern merkte, dich wie eine Magd bediente, deinen Willen ausforschte und ihn tat, ehe du noch wolltest! – Glaubst du, dass Vignali ein Weib ist, das für elenden Lohn liebt? ein Weib, das Liebhaber durch Schmeicheleien ankörnen muss? – Nein, unter den vielen wählte nur dich mein Herz aus. Überdenke dies, Wahnsinniger! und dann wag es, solche Geschenke zu verachten! Wag es, wenn dir nicht der Schlag die Zunge lähmen soll, sobald sie noch ein undankbares Wort ausspricht!
Herrmann. Vignali, schonen Sie meiner. Sie vernichten mich. – O Sie verführerisches Weib könnten mich mit Ihren Reden in die Hölle locken.
Vignali. Denke nicht, dass ich Dich wie eine Buhlschwester überreden will! Nein, ich will dich bloss ermahnen, gerecht zu sein: aber wenn ich es gegen dich sein wollte? – doch was red ich von Gerechtigkeit gegen dich? Gegen dich, du kleiner Herzensbezwinger, kann ich an nichts als Liebe denken. – O wie gefährlich ist es, mit Ihnen zu zanken! Mit einem Blicke entwaffnen Sie gleich den fürchterlichsten Zorn. – Wenn Sie ja meine Liebe nicht achten –
Herrmann. Leider, Vignali! acht' ich Sie mehr, als ich sollte. Sie haben Saiten in meinem Herze berührt, die ich nie so tönen hörte. – Vignali, warum zwingen Sie nun die Leute zur Liebe, wenn man alle Ursache hätte, Sie zu hassen? Die eine Hälfte meines Herzens möchte Sie für Ihre Beleidigung zerfleischen und die andere vor Liebe Ihnen um den Hals fliegen.
Vignali. Was das für ein schneidender Blick war, mit dem Sie das sagten! – Ich bitte Sie, sehen Sie mich nicht so wildverliebt an! Sie schmelzen mir das Herz.
Herrmann. Vignali, ich bin ein Undankbarer: ich habe Sie durch meinen Trotz beleidigt.
Vignali. Sie mich beleidigt? – Liebes Kind, Sie irren sich. Ich machte Ihnen ja übereilte Vorwürfe über ein paar armselige Geschenke, die kaum des Redens wert sind. Herrmann. Und ich war der Elende, der Ihr grösstes Geschenk, Ihre Liebe, verkannte: – aber, Vignali, wo ich Sie wieder verkenne: dann stossen Sie mich aus dem Hause!
Vignali. Nein, gewiss! In der Hitze haben Sie vergessen, was wir redeten: Sie sind von