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, denn es lag noch viel gegen Cleberg in mir. Ich konnte ihm noch immer nicht vergeben. Mein Oheim und sie würden mich für übertrieben empfindlich gescholten haben; und ich konnte mir durch nichts als durch mein Schweigen eine Art von Rache aufbehalten. Ich bratzte doch nicht mit ihm; wie man es hier zu Lande heisst,) ich war gut, freundlich, artig, munter und gewiss, eine recht gefällige Frau. Aber das herrliche Bild süsser ehelicher Liebe, des daurenden Friedens, daurender vorziehender Achtung, das war verschwunden. Ich sagte mir wohl, warum willst denn du fodern, dass für dich ein Hirngespinst vor Vollkommenheit, Fleisch und Blut bekommen soll, es ist nicht im Menschen und nicht im Schicksal. Aber, ich hatte es von Cleberg erwartet, und ich konnte es ihm nicht so bald vergeben, dass er mich betrogen hatte. Ich bemerkte, dass er mich mehr beobachtete, als jemals. Mag er doch! dachte ich, und verdoppelte meine Aufmerksamkeit auf alles, was man immer von einer Frau fodern kann. Mein Cleberg war anfangs etwas stutzig darüber; ich um so sanftmütiger, wohl mitunter auch zärtlich; hatte aber mehr ausser meinen Zimmer zu tun, als sonst, und als nötig gewesen wäre, weil mir in Wahrheit die Luft schwer und drückend vorkam, so bald wir allein mit dem Oheim oder Hannchen Itten waren. Unsre Schlafzimmer blieben so seit seiner Rückkunft geschieden; denn da mir mit meinen Unmut in der Seele unser Wohnzimmer und Garten zu eng schien, was würde aus einem Cabinet geworden sein? Niemals wird mein Hauswesen und Gesinde besser und liebreicher geführt werden, als diese zwei Wochen über geschehen ist; niemals werde ich mehr arbeiten und vollkommener als diese Tage und auch niemals weniger und vernünftiger sprechen; meine Stimme so gar hatte einen süssern Ton. Aber ich ass weniger und wurde etwas hagerer und auch blässer. Gewiss, Liebe, uns ist nicht wohl, wenn wir irgend jemand in der Welt übel wollen. Denn ich genoss mein Leben, mein Glück, meine Freunde und meine Talente nur halb. Mein Herz war dem Vertrauen und der Freude verschlossen. Ich liebte niemand als mich; aber auf eine sehr unedle und verkehrte Weise. Cleberg wandte sich wieder auf den Weg des Liebhabers, und das nach einer Unterredung, wo mir nur wenige auf die Geschichte mit Lisetten zielende Worte entfallen waren, und vielleicht ist das nie für eine bessere Frau geschehen was der artige Mann für mich tat. Ohne Zwang und gesuchtes Wesen umgab er mich mit einer so galanten Sorgfalt, als ob er um meinen Beifall werben wollte. Ich fand mich zum Vergessen meiner Klagen verbunden, und ihn zu meiner vorigen Liebe verdient und berechtigt. Dennoch floss es noch nicht rein aus dem Herzen; ich musste mir Mühe geben, seine Zärtlichkeit mit Anmut zu erwiedern; aber, ich vermied nun keine Gelegenheit mehr, ihn allein zu sehen, besonders da er anfing, etwas Nachdenkendes und dann und wann Unruhiges zu zeigen. Da fühlte ich den glimmenden Tocht der ersten Liebe in meiner Sorge um ihn, und wünschte nicht so weit von meinem Wege abgewichen zu sein, weil mir das Zurückgehen etwas hart ankam. Sie sehen alles, was verwundete Zärtlichkeit und Eigenliebe für Krümmungen machten, und mich in einem Kreis herumführten, aus dem ich so bald nicht gekommen wäre, wenn nicht der Zufall das Gefühl von Gerechtigkeit in mir erwecket hätte, dem ich nachgab und glücklich auf den Pfad der Wahrheit und des Wohlseins zurückkam. Ach, was für Seligkeit liegt in Vergebung, im Aussöhnen und in dem Gedanken, dass wir uns selbst eben so streng, als den Nächsten beurteilten. Beste, beste Freundin, dieses habe ich erlebt und geübt; wünschen sie mir Glück dazu? Es kann für mein künftiges Leben und Betragen recht nützlich sein. Und nun denken sie sich alles zurück, was ich ihnen von Latten und seiner schnellen Abreise geschrieben, und wie der Mann uns alle an sich gezogen und interessirt hatte. Wir sprachen nicht mehr so oft von ihm, besonders ich und Cleberg, ich glaube, beide aus Delikatesse, weil sie alle sagten, seine Liebe für mich wäre Ursache seiner Entfernung gewesen. Cleberg besorgte, ich möchte endlich Vergleichungen zwischen ihm, und Latten und Lisetten machen, da diese auch weggereiset sei, und ich wollte nicht von einem so vollkommenen und mich liebenden Manne sprechen, während das etwas Kälte für meinen Mann in mir lag. So war ungefähr gestern Vormittag noch die Lage von Cleberg und mir. Ott war verreist, kam gegen Mittag wieder und liess Cleberg gleich um zwei Uhr rufen. Er blieb lange weg, so wie auch mein Oheim. Ich arbeitete noch eine Weile, und ging endlich in mein Zimmer um alleine zu sein und etwas zu lesen. Gegen Abend kam auf einmal Cleberg mit dem kleinen Fritzgen Latten in mein Zimmer gestürzt, halb ausser Atem, ohne Hut und mit glühendem Gesichte; kniete mit dem Knaben im Arme vor mich hin, gab mir ihn auf den Schooss und sagt mit halbem Keuchen: "Da Salie!" Er bebte, ich zitterte vor Staunen, und fragte auch abgebrochen: ob Latten wieder da wäre? Nein, er hätte uns nur das Liebste zum Pfande des Wiederkommens geschickt, und nun erzählte er mir kurz und mit Tränen im Auge, dass der edle gute Mensch sich noch weiter entfernte, und endigte mit der Bitte, Latten zu lieben, wie er es