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gekränkt, oder gar den Grund meines Unglücks gelegt hat." –– "Auch," – wurde wieder gesagt, "vergibt man eher dem, der uns hasst, als dem, der unser spottet." ––
Madame G**, die immer die Lust und Geschicklichkeit hat, eine Unterredung, wenn sie ihr zu ernstaft wird, ins Muntre zurück zu führen, fing an: "Da bin ich Euch allen recht gram, dass Ihr von den Pastellgemählden auf alle die fürchterlichen Ideen gekommen seid. – Ich hatte so was Artiges zu sagen; – und nun muss ich es ungenuzt nach Hause tragen, und verliehr es vielleicht gar unter Wegs." – Nun waren wir alle mit Bitten da, sie möchte es noch sagen; wir wolten es aufheben. – Es dauerte lange, eh sie heraus kam. – "Nun, ich denke, ein Teil Frauenzimmer in Frankreich schützet die Pastellmahlerei, weil sie meistens selbst lauter solche Gemählde vorstellen." ––
Sagen Sie, Mariane, sind nicht die Tage, die man mit diesen Frauenzimmern verlebt, glückliche, angenehme Tage? Ich will sie auch recht benutzen, –– so wie Julie Otten es verspricht, wenn sie nun auch in ihrem neuen Hause, nicht weit von dem Meinigen, wohnen wird. – Bin ich nicht ein gesegnetes Geschöpf, durch die Bekanntschaft mit so viel guten Menschen? – Ich will auch, aus Dankbarkeit gegen die Vorsicht, bemüht sein, eins von den besten Menschenkindern zu werden.
Achzigster Brief
Rosalia an Madame Guden.
Sie lieben edle Menschen – und tragen immer so viel bei, Glückliche zu machen, dass ich gewiss bin, Ihr gutes Herz zu erfreuen, wenn ich Sie versichre, dass mirs bei meinen alten Freunden und Bekanten wohl ergeht – und dass ich Ihnen danke, meine Aufmerksamkeit auf das Gute so sehrverstärkt zu haben. – Madame G**, die mit mir hier ist, sagt zwar, was man gern glaube, sehe man leicht; – und wünscht mit einem gottlosen Mutwillen, dass irgend ein Zufall den Ton meines Herzens, ins Argwönische stimmen möchte, und dass mein Kopf dadurch zu nichts als Kritiken und Tadelsucht gebracht würde. – Das sollte ihr eine Lust sein, meine jetzige lebhafte Empfindung für jedes geringste Gute, in einen immerwährenden Kampfe gegen das Schlechte und Böse zu sehen. Sie denkt es würde ein ganz besonderer Grad Witz und Rachdruck in meinem Tadel liegen, wenn er nach dem Verhältniss meiner entzückten Redensarten bei dem Schönen, sich in Bitterkeit und stachlichten Gedanken bei Hässlichen zeigte. – Sie sagte, ich würde erst darinn die Stärke meines Scharfsinns geniessen und kennen lernen. ––
Scharfsinn geniessen, in dem Tadel meiner Nebenmenschen! Ich will nicht! – Lieber keinen Scharfsinn haben. Alles, was sie mir da noch sagte, fiel mir schmerzlich und sie trieb mich bis zu einem Anfall von Unmut; wo sie dann endlich mit offnen Armen gegen mich ging und mit Zärtlichkeit sagte: "Vergeben Sie mir, Rosalia! Dies war die einzige Seite Ihres Charakters, die ich noch nicht ganz kannte. – Ich habe Ihre Lieblingsideen angegriffen, um Sie böse zu machen; weil ich erst kurz vor unsrer Abreise in einem Schriftsteller las, dass man den Grund einer Seele nur in wichtigen Bewegungen der Eigenliebe ganz sehen könne, und dass ganz allein bei diesen Erschütterungen, das Wahre, so in uns liegt, an den Tag komme. – Edelmütigkeit liegt hier tief;" – sagte sie, indem sie eine ihrer Hände auf mein Herz hielt, "ihre Wurzeln haben sich in alles verbreitet. Bleiben Sie immer Entusiastinn, wie ich Sie so oft nennen hörte. Es ist die beste Gattung Gespenster, die uns Menschen erscheinen können." –
Ich wurde sehr gerührt, diese Frau so sprechen zu hören; ob ich schon vorher in hundert Gelegenheiten gefunden hatte, dass ihr anscheinendes rauhes Wesen nicht aus Mangel wahrer Güte entstand, sondern aus zu grosser Lustigkeit, mit der ein hoher Grad feinen Gefühls nicht in gleichen Schritt gehen kann. Ich wolte Ihnen diesen Zug aus dem Charakter der Frau G** gleich schreiben, weil Sie doch jetzo die Sammlung meiner Briefe, und der würdigsten Freundinn ihre, bei sich haben, worin Madame G** oft vorkommt. –– Diese soll von Ihnen geschätzt werden, wie sie es verdient.
Und nun hören Sie mich auch etwas von den Ueberresten eines Schlosses erzählen, an dessen Mauren ich einen seligen Tag hinbrachte.
Mein Oheim, der als geschickter und rechtschaffner Rechtsgelehrter, und durch seine Stelle, als fürstlicher Geheimer Rat, sehr bekannt und geschäzt ist, wurde zu einer angesehnen adlichen Familie, auf ein Paar Tage auf das Land geladen. – Er bat sich die Erlaubniss aus, mich mitzunehmen, und wag in seinem Briefe mit vieler Liebe von mir gesprochen haben, denn ich wurde mit grösster Güte aufgenommen. Unterwegs erzählte er mir die Eigenschaften der Personen die ich da sehen würde – und setzte unter andern hinzu: "Ich würde mich sehr betrügen, Rosalia, wenn die Eindrücke, welche dies Haus auf Dich machen wird, nicht auf dein ganzes Leben dauren." ––
Indem er meine Erwartungen so erregte, bemerkte ich, dass wir einen ganz sonderbaren, für mich aber höchst angenehmen Weg reisten, der recht dazu gemacht schien, alle Gedanken des Kopfs und alle Gefühle des Herzens, zusammen gedrängt zu halten, um sie desto stärker sehen und empfinden zu lassen. – Man kommt erst über einen hohen, unbewohnten Berg,