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Ja! die darf es tun; eben so wie es Mannsleuten erlaubt ist, die alles dies in sich vereinigt haben. Denn da wird gewiss ein Ganzes aus dem Kopf entstehen. Aber da dieser Fall selten ist, so will ich bei Euch lieber eine vollkommene Hauswirtinn, als eine halbe Gelehrte haben; wie ich aus Buben lieber vortrefliche Künstler und Handwerker, als einen Haufen gestickelter Teologen, Juristen, und Mediciner erzogen haben will. Aber da so viel mittelmässigen Leuten Ehren- und Glücksstellen zugefallen sind, so haben sich auch Andre Hoffnung darauf gemacht, und sich ohne hinreichende Kräfte auf den Weg begeben." –
"Da liegt aber auch der Fehler an unserm Deutschland, wo wir dem geschickten Künstler und Arbeiter keine so vorzügliche Ehre, als dem sogenannten Gelehrten beweisen. Vorzug ist aber doch immer ein Gegenstand der menschlichen Wünsche gewesen, und wird also auch gesucht, wo man seinen Wert bestimmte. In Frankreich wird nicht allein der Gelehrte jeder Gattung, nebst dem Mahler, Bildhauer und Baumeister, sondern auch der Schlösser, Zimmermann und Becker, von den Akademien erforscht, gelobt und mit Achtung genannt, wie ich in der Beschreibung der Denkmähler Ludwigs des Funfzehnten fand; und ich denke wohl, dass dieses eine grosse Ursache ist, warum sie so schöne und mannigfaltige Werke der Künste in allen Arten haben, weil jeder junge Mensch, der sich Talente zutrauet, sicher ist, dass er auf jedem grossen oder kleinen Wege des Gewerbes oder der Verwendung seiner Fähigkeiten, ein gewisses Maass Ruhm und Glück erhalten wird." –
Mein Oheim lächelte. "Ei Rosalia, ich habe geglaubt, dass Da dieses Buch nur wegen der schönen Kupfer durchblättertest. Da Du es aber auch durchlasest, so hättest Du zugleich die Ursache finden können, warum es bei uns nicht so sein kann, und wenigstens lange nicht so sein wird." –
"Aber das schmerzt mich, mein lieber Oheim. Warum ist denn das so?" –
"Rosalia, ich sage weder bei kleinen, noch grossen Anlässen empfindliche Wahrheiten, wenn sie nichts nützen. Ich müsste über National. Charakter und Verfassung reden, und zu was hülfe Dirs viel? Suche die Ursache zu erraten, warum in Frankreich grosse Provinzstädte so geschwind den Gedanken der Hauptstadt annahmen und auch ausführten. Sie fühlten, dass sie eins sind. Bei uns ist die Zeit lange vorbei, wo wir dieses selige Gefühl hatten. Deutschland! Ach, was ist das Schönste und Grösste, wenn es in Stücke gerissen, und dann so wie es sein konnte, wieder zusammen gelegt wird!" –
"Aber wir ahmen doch so gern Frankreich alles nach." –
"In was? im Kleinen! seine Kleinigkeiten! Und, mein gutes Mädchen, das, was gross heisst, entsteht niemals aus Nachahmung, sondern aus innerer Kraft. Sammle alle Beispiele von edler Güte, Grösse und Stärke der Seele zusammen; lege sie einen Haufen Menschen vor, denen das Schicksal eine Gelegenheit zugemessen, sich se zu zeigen: sie werden Deine schönen Beispiele loben und bewundern. Aber nachahmen wird nur der, so den nemlichen Keim in seiner Seele hat. Aber sei zufrieden; das Gleichgewicht ist da. Denn das Schlechte und Böse findet auch nur Wenige, die einen Wettlauf nach dem höchsten Grade unternehmen." – "Sie wollen mich also auf allen Seiten mit dem Mittelmässigen aussöhnen?" – "Das ist eine Mädchenfrage! Soll ich Dir in dem nemlichen Ton antworten?" – "Versuchen Sie es, Herr Oheim; ich bitte Sie." – "Nun! ich habe Dir Anlass gegeben, mit Deinen Tugenden und Fehlern zufrieden zu sein." – "Da ist auch Gleichgewicht, weil die Letzten so mittelmässig sind, als die Erstern. Legen Sie nur immer das Uebermaass in Ihre Güte für mich." – Er versprachs. Was sagen Sie zu dieser Unterredung?
Zwei und sechzigster Brief
Von Frau von Guden.
Rosalia! auch nach dem, was Ihr so rechtschaffener Oheim Ihnen vom Wissen der Mädchen sagte, und worinn alles Nötige begriffen ist, was zum sichern Leitfaden auf dem Wege des deutschen weiblichen Verdienstes dienen kann; auch da noch wollen sie meine Gedanken und das geschrieben wissen, was ich von Ihnen, als Mädchen, denke?
Als Tochter und Richte eines Rats; in den vorteilhaften Umständen eines hinreichenden Vermögens, und bei so viel Unabhängigkeit sind Sie, nach Geist und Herzen, wie ich Sie verlange. Meine vertrauten Unterredungen und meine Liebe haben Sie, hoffe ich, davon überzeugt. Ob aber auf dem Grunde Ihres jetzigen Glücks auch die Keime Ihres künftigen Wohlstandes aufwachsen, weiss ich nicht; weil ich ihren Cleberg nicht kenne, und mit ihm, um es freimütig zu sagen, eben weil sie so wenig von ihm reden, und mir auch keinen Brief von ihm weisen, ganz unbekannter weise unzufrieden bin, und gewiss glaube, dass der Ton seines Kopfs sehr verschieden von dem Ihrigen und Ihres Oheims seinem ist. Eben auch hier mein Kind, liegt mein Zweifel an Ihrem künftigen Glücke. Nur au sich, nur an Ihren Oheim gewöhnt; so lange gewöhnt – Sie werden Opfer machen müssen. Rosalia! Lieben Sie stark genug, um dieses ohne bittern Schmerz, ohne heimlichen Widerwillen zu tun? Der Uebergang aus der väterlichen Gewalt, unter die Obermacht eines Manns, dünkt mich nicht so schwer, als der, von Ihrem Oheim zu Clebergen: wenn es nicht das völlige Hingeben der