highChunks/1779_La_Roche_065_3315.txt -- topic 82 topicPct 0.364312261343
in einem Charakter der alten Geschichte, oder in Nachrichten von Jetztlebenden finde, die so weit von mir entfernt sind, dass ich sie niemals antreffen, oder ihnen bekannt werden kann." –
"Auf diese Art ist ihre Liebe eigentlich nur Dank für das Vergnügen, so man Ihnen giebt, einen schönen moralischen Charakter darzustellen?"
"Sie können Recht haben, meine Liebe; denn ehemals hasste ich auch, sobald ich einen starken moralischen Mangel bemerkte. Aber ich habe mich nun von dem Eigensinn befreiet, alles nach meinen Modellen gestaltet zu sehen; und die Mannigfaltigkeit in der moralischen Welt giebt mir eben so viel Zufriedenheit, als die, so ich in der physischen bewundre. Ich werde es in Zukunft mit meinem Geist und Herzen, wie mit meinem Körper machen. Wenn ich, in meinem ruhigen Gange, an einen Stein stosse, oder mich an einem Dorne ritze, so wäre mein Zorn unvernünftig. Die Natur des erstern ist Härte, des zweiten stachelicht. Wenn meine Empfindlichkeit ihnen zunahe kommt, so leidet sie; ich muss mich also in Acht nehmen, wenn ich sie noch öfter in meinem Wege antreffe." –
"Liebe Madame Guden! Sie lehren wich da sehr Vieles, was mir mein Leben erleichtern kann." –
"Und auch das Leben derjenigen, die um Ihnen sind. Denn wir üben niemals keine kleine, oder keine grosse Tugend aus, ohne andern Gutes und Vergnügen damit zu geben." –
"Das ist wahr; aber es giebt auch viele Tugenden, zu deren Ausübung ein grosses Vermögen gehöret." –
"Warum fällt Ihnen just diese Betrachtung ein?" –
"Weil ich niemals keine von den grossen Tugenden werde ausüben können, die ich an Ihnen verehre." –
"Ich dachte wohl, dass mein Reichtum diese Idee hervorgebracht hätte. Aber wie wäre es, Rosalia, wenn ich Ihnen bewiese, dass Sie mehr Gutes tun können, als ich; und mehr innern Frieden geniessen werden?" –
"Dies scheint mir nicht möglich!" –
"Wenn Sie, meine Liebe es ganz eigen auf das deuten wollen, was ich hier in der Vorstadt getan habe, so haben Sie Recht. Aber da es ausgemacht ist, dass niemals zwo Sachen einander vollkommen gleich waren: so können es unsere Handlungen auch nicht sein; so wenig es unsere Umstände sind. Sie werden also die Güte Ihres Herzens auf eine andere Art weisen, und das Meiste aus dem Reichtum Ihrer edlen Gesinnungen und ihres feinen Geistes schöpfen müssen. Und dabei ist mehr Mühe, aber gewiss auch ein höheres Vergnügen, als wenn der freigebige, gute Reiche, Geld für die Leidende giebt." –
"Vergeben Sie, werte van Guden, wenn ich Ihnen freimütig bekenne, dass es mich auch leichter dünkt, mich an Ihren Platz zu stellen, als es Sie dünken würde, wenn Sie den meinigen einnehmen müssten." –
"Das ist noch eine Frage; denn Sie wissen die Fabel mit den Bindeln, da ein jeder glaubte, dass der andern ihre leichter wären." –
"Ach! Sie wissen es nicht so, wie ich." –
"Das ist wahr; aber Sie haben mir auch noch nichts gesagt." –
"Sie waren mir wichtiger, als ich mir selbst." –
"O, Rosalia! wünschen wir nicht auch das ganz Neue zu hören anstatt dessen, was wir schon lange wissen?" –
"O, Madame Guden, warum strafen Sie mich so oft über die Neugier, welche, Sie müssen mich es sagen lassen, der ausserordentliche Ton Ihres Charakters notwendig hervorbringen musste." –
"Vergeben Sie diese Art Strafe, wenn Sie eine zweite Ursach anstatt der ersten sagen." –
"Ja, aber ich will mich auch rächen; denn ich will Ihnen sagen, was mein vermutliches Loos sein wird; und sie sollen mir seinen Gebrauch entwerfen." –
"Das tue ich sehr ungern; denn just dieser Leichtigkeit, mit welcher ich ehmals Umrisse von dem zeichnete, was ich an der Stelle dieses oder jenen machen würde, just dieser hatte ich den Grund der Abneigung zuzuschreiben, die ich mir zuzog; und ich möchte Ihre Liebe nicht verlieren." –
"Das wird auch mit mir nicht geschehen. Erlauben Sie mir, dass ich Sie bei dieser Gelegenheit nur auf der Seite des Talents ansehe, das Sie haben, schöne Zeichnungen zu machen; und mir von Ihnen, wie man oft bei dem Vorsatz zu bauen tut, einen Riss nach Ihrer Einsicht machen lasse, wenn Sie den Raum des Bodens wissen, den ich dazu verwenden kann." –
"Ich will es, Rosalia. Aber Sie müssen mich dann auch die Anmerkungen wissen lassen, die Kunstverständige darüber machen werden."
Dies versprach ich ihr; und das nächstemal erzähle ich ihr meine vorläufige Verbindung mit C**, meine Aussichten und den Wohnplatz, den ich haben werde.
Neun und funfzigster Brief
Meine heutige Unterredung mit Frau van Guden war sonderbar, weil sie auf alle meine Fragen auf so abgebrochen antwortete, wie zum Beweis, auf die von der Religion: "Sie ist meinem Hetzen nicht nur um meinetwillen sondern auch des Nächsten wegen schätzbar, weil sie allen Menschen, sie mögen grosse oder kleine Verstandskräfte besitzen, deutliche und hinreichende Mittel und Bewegungsgründe zu guten Handlungen varbietet, Trost im Leiden verschaft, und wahre Zufriedenheit auch bei geringen Umständen lehret. Aber sie ist nicht