highChunks/1779_La_Roche_065_3313.txt -- topic 82 topicPct 0.344117641449
viel kleine Pfeile gegen mich, dass ich auf einmal wegging."
Sieben und funfzigster Brief
"Der Zufall brachte mich in die Residenz des Fürsten von ***, und ich nahm mir vor, den Winter da zuzubringen. Herr von P** kam auch dahin. Er war Wittwer. Ich beobachtete ihn in der Oper, beim Ball und Concert; aber ich hatte den Schmerz, ihn mit der tändelnden Artigkeit bei Damen zu sehen, die jeder alltägliche junge Mann in der grossen Welt zeigt. Es schien mir der hohen Würde, die ich seiner Seele beilegte, unanständig. Von P**, den ich verehrte, anbetete, zum galanten Schwätzer erniedrigt! o, meine Freundinn! es zerriss mein Herz, und war mir Ueberzeugung, tödtliche Ueberzeugung, dass er mich nicht mehr lieben, ich ihn nicht mehr anbeten könne. – Hätte er dieses Betragen, diesen Ton seiner Gesinnungen gehabt, als ich ihn kennen lernte, so würde mein Glück und meine Ruhe nicht in die Gewalt meiner Leidenschaft für ihn gekommen sein. Meine verfeinerten Empfindungen und meine Eigenliebe litte die Marter. – Beleidigter Stolz und Zärtlichkeit führten mich auch von dort hinweg. – Ich wollte mich wieder Aachen nähern; im Durchreisen gefiel mir die Lage dieses kleinen Vorstädtchens. Ich sah die Dürftigkeit der Einwohner. Ach, sagte ich, diese fühlen keine andere Uebel, als Mangel an Nahrung und Kleidern. Glückliche! ich will eure Wünsche erfüllen, aber nichts geben, als was in euren kleinen Gesichtskreis gehört. – Ich blieb hier, und tat, was Sie gesehen haben. Die grosse Geschäftigkeit, in der Sie mich fanden, kann Sie von der innern Unruhe meiner Seele urteilen lassen; denn die Stärke der Hülfsmittel ist der sicherste Beweis von der Grösse des Uebels. –
Sie werden ganz natürlich finden, dass die Empfindung für das Schmerzhafte und Schlechte eben so stark in mir sein muss, als der Entusiasmus für das Gute und Edle ist. – Die grosse Welt hatte das Götterbild meines Geliebten verstümmelt. Mein Unmut suchte den Tempel zu zerstören, den ihm meine Verehrung in meiner Seele erbauet hatte; aber die Grundlage des Glücks meines Herzens ging zugleich damit verlohren. – In dem Kreise meines Standes war ich misskannt und verwundet. Ich wollte nichts von beiden mehr sehen: – Das Gebiet der Kenntnisse und Empfindungen war mir zuwider geworden, weil meine Rechnung auf Ruhm, Liebe und Freundschaft, die sie mir erwerben sollten, auf nichts herunter gekommen war. Ich musste mich aber beschäftigen, mich aus, mir selbst hinausführen, und einen Gegenstand haben, dem ich meine Liebe geben konnte. Der bittre Verlust alles dessen; worauf ich bisher das Gepräge meiner Glückseligkeit und meines Vergnügens gesetzt hatte, machte mich um so viel mitleidiger gegen die Seufzer des Mangels, die ich aus der Brust dieser guten Leute empor steigen sahe. Die herzliche Erleichterung, so ich bei dem Entwurf meiner Hülfe fühlte, und die ersten Tränen der Freude, die über die Wangen meiner Wirtinn flossen, als ich ihr davon redte, befestigten mich darinn. Ich weinte mit; und glauben Sie, meine Freundinn, die Tränen, die wir über fremdes Elend weinen, sind lindernder Balsam auf die Wunden unsers Herzens. – Der gute Fortgang aller meiner Anstalten gefiel mir. Ich konnte wieder singen und Clavier spielen. Den Tag über besuchte ich meine Leute, Abends las ich und übte meine Musik. Ich wollte nichts, als Reisebeschreibungen, weil ich nur die physische und materielle Welt vor mir wissen wollte; denn ich war mit jedem moralischen Begriff der andern missvergnügt und im Streite. Dennoch fing ich an, mir zu sagen, dass, wenn das Schicksal die Wünsche meiner Liebe befriediget hätte, so wäre dieses das Glück einer einzelnen Person gewesen; diese dreizehn Familien würden noch darben, und ich würde von meinem Wohlstand keinen so entzückenden Genuss von Seeligkeit empfunden haben, als mir jetzo jeder Blick auf Eltern und Kinder giebt. – Aber als das letzte Haus in Ordnung war, und ich meinem Geben und meinen Arbeiten ein Ziel setzte: so entstund aus der Ruhe wieder das Gefühl von Leere. – Sie erschienen mir. Ich bemerkte in Ihnen alle Eigenschaften, die ich bisher vergebens gewünscht hatte. Dennoch kämpfte ich gegen meine Neigung für Sie. – Ich las zu meiner Zerstreuung, und als Probe eines neuen moralischen Hülfsmittels, einen Auszug der Kirchen- und Staatsgeschichte. Hier schöpfte ich Stärke und vernünftige Befriedigang, und ich söhnte mich mit der ganzen Erde aus. – Der zu allen Zeiten ungleiche Gang des menschlichen Geistes auf dem Wege der Wahrheit und Natur; das Abweichen davon und Beharren auf Irrgängen; das traurige Schicksal so vieler edlen Menschen; die grosse Gewalt, welche ganz kleinen Ursachen gegeben war, und der Beweis, den ich fand, dass in der physischen und moralischen Welt alles mögliche Gute und Böse, in einem gleichlaufenden Zirkel des Entstehens, Wachsens, Abnehmens und Verwandelns, unsern ganzen Erdball umgiebt; – diese Betrachtung besänftigte mich ganz, und führte mich zum Nachdenken über mich selbst. Ich gestund mir, dass ich gewiss vieles in meinem Wesen hätte, so Andern eben so stark gegen ihre Begriffe des Liebenswürdigen und Angenehmen liefe, und ihnen auch eben so viel Missvergnügen geben müsse, als sie mir. Diese Gedanken setzten und ordneten sich je mehr und mehr in meiner Seele, und näherten mich Ihnen. Mein Herz war freilich von der übenden Wohltätigkeit und dem Glück, so ich geniessen machte, erfüllt; aber es