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Den nennten Tag war ich allein. Herr von P** trat in mein Zimmer, näherte sich mir mit wankenden Schritten. Ich stund bebend auf. Er fasste meine Hand, sah mit schwermutsvoller Zärtlichkeit mich an, konnte nicht gleich reden. Endlich sagte er: 'Beste, edelste Seele! Einmal, ach, nur einmal lassen Sie michs sagen, dass ich diese Leidenschaft niemals, als für Sie, gefühlt habe. Gott mache Sie glücklich! – O, wie sehr wird es der sein, der Ihnen Hand und Herz anbieten kann! – Hofen, teure Hofen, warum hab' ich Sie kennen lernen!' – Und dann umarmte er mich, und ich ihn, mit einem: Gott segne Sie! – Dann riss er sich los, und reisete den Augenblick ab. – Zween Monat hernach erfuhr ich die, nach dem Willen der Seinigen, vollzogene Verbindung; aber keine Briefe, keinen Laut von ihm. – Rosalia! man muss meine Seele haben, um alle das Zerreissende zu fühlen, so ich fühlte. Alles vorher besessene und genossene Glück war für mich hin. Ich hatte Sympatie und Liebe kennen lernen: mittelmässig konnte keine Bewegung in mir sein. – O, Rosalia! möge es keine Seele mehr erfahren! – Wir kamen nach Holland. Dort lernte ich van Guden kennen. Dieses erzähle ich Ihnen das nächstemal, und dann werden Sie mich selbst ganz kennen." – Ich verliess sie traurig, aber sie sagte, es wäre ihr doch süss. Adieu! Fünf und funfzigster Brief "Liebe Rosalia!" sagte Frau Guden, als sie mich wieder sah, "zu was haben Sie mich gebracht, dass ich Ihnen alles so erzähle?" – Ich wollte antworten, aber sie liess es nicht zu. "Sagen Sie mir nichts darüber. Habe ich nicht die Erleichterung genossen, zu reden? von meinen Talenten und meinen Leidenschaften zu reden? Ich bin überzeugt, es tut unserer Seele eben so wohl, von den Fesseln des Zwangs und des Verbergens ihrer eigentlichen Gesinnungen befreit zu sein, als es den Händen und Füssen eines unglücklichen Kettenträgers gut tun muss, wenn er auf einige Zeit sich losgeschlossen fühlt." – "Liebe Madame Guden! Das Gleichniss, dessen Sie sich bedienen, macht mir Schauder. Ketten und Fesseln verwunden oft stark. Ich hoffe, dass es mit Ihrer Seele nicht so sein möge." – Sie lächelte und sagte: "Wer weiss, was für Striemen Sie finden würden, wenn sie sichtbar wäre." – Sie zeigte mit den übrigen Vormittag ihre Sammlung von Kupferstichen, die ganz entzückend schön ist; lauter Charakterstücke, Landschaften, und alles, was im Griechischen Geschmack heraus gekommen ist. Alle Stücke, die sie doppelt hatte, gab sie mir. Nach dem Essen, da ich sie den Caffee so langsam und tiefsinnig einschlürfen sah, dachte ich, es würde ihr hart sein, mir weiter zu erzählen, und sagte, ich wolle bis ein andermal warten. "Nein, Rosalia! Ich will Ihre Begierde und Erwartung nicht täuschen. Kommen Sie mit mir auf meine kleine Bank am Fenster in den Garten. Wenn er schon entlaubt und welk aussieht, so ist doch ein grosses Stück freies Feld und freier Himmel vor uns, deren Anblick mir sanfte Erinnerungen geben wird, wenn ich über Etwas herbe Empfindungen haben sollte. Ich hätte letztin gern gewünscht, Alles auf einmal gesagt zu haben, denn ich bin die zwei Tage über nicht glücklich gewesen. – Nun, Rosalia! wir durchreiseten Holland. Da wurde meine liebe Dame krank, und dieses gleich anfangs bedenklich. Der Arzt, den man rufte, war ein sehr geschickter, aber etwas alter und kränklicher Mann, den wir aber bei Erzählung der Lebensart der Dame, wonach er sich erkundigte, ganz ungemein munter und freundlich machten. Er dächte einige Augenblicke nach, und sagte dann: Die Krankheit der schätzbaren Dame wird stark werden. Sie wird alle Momente meine Sorge nötig haben, die ich auf das treueste für sie tragen werde. Aber ich bin seit einigen Jahren kränkelnd, und habe daher bei Nacht für keinen Menschen mehr einen Fuss aus dem Hause gesetzt. Es würde meine Mitbürger verdriessen, wenn ichs für Fremde tun wollte. Aber ich weiss ein Mittel. Mein Haus ist gross, und wohl eingerichtet. Ziehen Sie, bis die Kur vollendet ist, zu mir; da kann ich zu allen Stunden meinen Rat erteilen, und Sie werden die meinigen durch Ihren Umgang verschönern; denn Sie haben Ihre Reisen auf die nemliche Art gemacht, wie ich. Sie sollen meine alten, und ich will Ihre neuen Tagebücher lesen. Da wird unsere liebe Kranke zerstreut werden, und ich sehr glücklich leben. Er machte dabei einen so grossmütigen Preis für Kost und Wohnung, dass wir sein Anerbieten von Herzen annahmen, und über zween Monat bei ihm recht sehr zufrieden waren. Die Dame hatte sich langsam erholt, und war noch sehr schwach, als sie die Pocken bekam, und daran starb. Ich war untröstlich; denn sie war äusserst liebenswürdig, und ihr hatte ich die süsseste Freude meines Lebens zu danken. Sie hatte mich mit Edelmütigkeit behandelt. Ich war ihre Vertraute und an ihren Umgang gewöhnt. Durch sie hoffte ich auch wieder in Verhältniss mit Herrn von Pindorf zu kommen, denn ich wollte nicht mehr von ihr, sondern unverheirater bleiben. Aber Ruhm war mein Plan, um immer in der Hochachtung des