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Julie mit einander in der Allee auf mein Winken fortgingen, machte ich Herrn Kahn und seiner Frau die Beschreibung der Historie bei der Urne. Beide wurden dabei bewegt und segneten nochmals das Bündniss ihrer Freunde. Kahn wollte gleich zu der Urne, um sie besonders zu merken. Seine Frau machte ihm Platz, er betastete mit äusserster Achtsamkeit jeden ihrer Teile; endlich stützte er sich auf sie, und einige Auganblicke hernach fielen ein paar Zähren auf sie herunter. Lioba verliess mich, mischte diese Tränen von seinen Wangen: "Kahn! mein Lieber, was ist dieses?" "Ach Lioba! der Gedanke, dass ich nichts von dem lesen kann, was dein edles Herz irgend geschrieben hätte." – "Ach, Duweisst, dass ich seit dem Tode meiner Eltern niemand schreibe! und das Beste, so meine Seele denkt, ist, für Dich und mit Dir zu reden." Er lächelte hier, und sagte ziemlich munter: "Ich hab eine Idee! Diese Urne soll einen eigenen Platz in unsern Garten haben. Ottens, Juliens, Dein und mein Name sollen darein gegraben werden, und auch Grasbänke dazu kommen, wohin wir uns in Erinnerung ihres Besuchs und ihrer Freundschaft setzen wollen." Ott und Julie waren leise über den Grasboden zurückgekommen und hörten dieses, sagten auch zugleich, das freue sie sehr! aber mein Name müsse auch dazu. Nun folgte ein Gespräch über das verschiedene Verdienst des Mahlers und Bildhauers. Ott neckte mich ganz fein und widersprach mir, bis ich am Ende, mit allem Feuer und Stärke meiner Empfindung, auf seine behaupteten Reize der Täuschung des Mahlers sagte: "Freilich ist es Täuschung! denn wenn die Aehnlichkeit der Abbildung meines Freundes mich so an ihn erinnert, dass jede Gesinnung meiner Seele für ihn so lebhaft wird, dass ich aufstehe und ihn umarmen will: so treffen meine ausgestreckten Hände auf ein Stück senkrechtes glattes Leinen, glitschen davon ab, und mein ihm entgegen gewalltes Herz, anstatt sich an seinen Busen zu schwingen, verschliesst sich traurig in meine Brust zurück; alle Tränen der Liebe und Freundschaft fliessen davon ab, zur Erde; anstatt, dass die Bildsäule meines Geliebten, ja selbst die Urne, welche seine Asche fasst, mir die Seeligkeit gewährt, meine Arme darum zu schliessen, meinem Kopf an seinen Hals zu legen, mein Herz an seine Brust zu drücken, und in einer Falte des Gewands, einer Muskel seines Gesichts, oder auch auf einem Cypressenblatte des Aschenkrugs, eine aus meinem Herzen gequollene Zähre ruhn, und sich mit vereinigen zu sehen! Sagen Sie Ott, sagen Sie! giebt es nicht Tage, wo dieses Genuss der Seligkeit wäre? wogegen Sie alle Titiane und Raphaele geben würden?" – Ott lächelte nur; aber Kahn war aufgestanden, und reichte mit der Hand gegen den Platz, wo ich sass, und sagte gerührt: "Edle! eifrige Rednerinn des Gefühls der Seele, geben Sie mir ihre Hand zu küssen, ich bitte Sie!" – Ich ging zu ihm, gab ihm meine Hand und drückte sanft die seinige. Etlichemal küsste er meine Hand, bog sie gegen sein Herz, erhob einen Moment seine Augäpfel gen Himmel, wo er selbst einer seufzenden Statue glich; denn sie sind weiss überzogen. Dann setzte er sich, fasste den Arm seiner Lioba, und sprach zu Ott: "Meine neue Freundinn hat mich mehr getröstet, als Du, mein sonst so treuer Ott! Denn sag', was hätt ich auf Erden was wäre das Leben für mich, wenn ich nicht meiner Lioba Arm umfassen, und an ihrer Brust mich lehnen könnte? Aller Reiz des Lichts und der Farben ist für mich hin! Meine Kinder! Ach, wenn ich diese nicht auf meinem Schoosse, an mein Vaterherz drücken könnte! Dich selbst, mein Ott, es wäre mir nicht genug, nur den Laut Deiner Stimme zu hören, um Dich zu unterscheiden." – "Also," sagte Ott, indem er seinen Kahn mit der herzlichsten Liebe des männlichen Freundes umfasste, "also ist der Bildhauer der Künstler für unser Herz, und der Mahler für den Verstand! Und ich habe dem Manne und dem Frauenzimmer, die ich beide gleich hochschätze, durch meine Widersprüche das Vergnügen gegeben, sich nach ihrem Herzen kennen zu lernen." Funfzigster Brief Zwei Familien, deren Landgüter etliche Stunden weit von hier entfernt sind, haben sich wieder in die Stadt begeben, und dadurch bin ich mit vier Personen bekannt worden, die mir sehr schätzbar sind. – Ein würdiger Mann von funfzig Jahren, der in einem grossen, dem Fürsten gehörigen Dorfe, vier Bauerhöfe besitzt. In der Nähe dabei ist ein grosser Wald; Eisenbergwerke und ein Bad, zu seiner abwechselnden Belustigung. Aber das ganze Maass seines Gefühls und aller seiner Achtsamkeit ist für das Rutzhare und Schöne der physikalischen Welt. Stadtleute, ihrer Beschäftigungen und Vergnügen, sind ihm gleichgültig, wohl gar widrig, wenn sie sich zu nah an ihm drängen. Ich gewann seine volle Freundschaft, als ich mit vieler Aufmerksamkeit der Erzählung seiner ländlichen Freuden und Arbeiten zuhörte. Ein Bauer ist ihm das schätzbarste Geschöpf auf der Erde. Und dieser Entusiasmus ist eine Quelle von Glückseligkeit für die umliegenden Landleute geworden. Er macht sie nicht gelehrt; er führt sie nicht über die Gränzen ihrer Bestimmung, um ihnen fremd Land zu weisen, wo sie mehr, als Zufriedenheit und Notdurft haben könnten: nein, er redet