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sie mich in Kahnberg kennen und lieben würden.
Herr Kahn horcht sehr genau auf den Ton der Stimme. Es dünkte mich auch, dass er nach dem Lobe, so Ott von mir machte, mich ganz besonders belauschte, und sie hingegen auf meine Miene und Wesen Achtung gäbe. Hätten sie nur beide merken können, wie viel Anteil ich an ihnen nahm! Denn, jedes Gefühl von Vergnügen, das meine Augen, durch die von der Abendsonne vergrösserte Schönheit des Gartens und der Gegend umher genossen, der Anblick lauter frölicher Menschen, führten mich auf die Idee seines Verlustes zurück: und dann sah ich, dass das Auflehnen seines Herzens auf die Liebe seiner Frau, alles, alles für ihn war, und das Glück seiner Empfindungen und Kenntnisse verdoppelte. Ach, wie viel kann ein Mensch für den andern sein! Und wie viel sind Sie mir!
Neun und vierzigster Brief
Ich bin vier Tage in Kahnberg gewesen, und hier hat mir Ott eine Probe seiner wahren Achtung für mich, und seiner feinen Empfindung für das Vergnügen seiner Freunde gegeben. Das Erste, weil er mir bei dem Aussteigen aus unsere Kutsche sagte: "Nun, Rosalia, kommen Sie in eine Gesellschaft, die allein für Sie ist! Lauter aufgeklärte edle Empfindungen des Herzens!" Madame Kahn war mit ihrem kleinen Sohn unten an den Stiegen und umarmte Julien und mich ganz herzlich. Ott war voraus, um seinen Freund an seine Brust zu drücken. – Das Haus ist nicht gross, aber sehr artig; hat auf einer Seite, so breit es ist, einen offenen auf Säulen gestützten Saal, dessen Fussboden der mit vieler Mühe geebnete und polirte Felsstein des Bergs ist, der just allein an dieser Ecke zu finden war; denn das Uebrige alles ist ein sich weit erstreckender fruchtbarer Hügel. Dieser Saal ist mit einem schön gehauenen Steingeländer eingefasst, welches zwischen den Säulen hinläuft, denn ausserhalb ist keine Spanne breit Platz gegen den jähen Abhang des Felsens. Vom ersten Stockwerk geht aus dem Hauptzimmer wieder ein Balcon heraus, der an sich die Decke dieses untern grossen Saals ausmacht. Alle die schöne und grosse Aussicht von hier ist aber für den liebenswürdigen Besitzer verlohren! Die Zimmer sind alle mit Geschmack eingerichtet; aber nirgend kein Gemählde; hingegen in allen schöne Abgüsse der besten Statuen, Brustbilder und Vasen der alten Zeiten, und alles Gerät und alle Verzierungen von den schönsten und mannigfaltigsten Formen, weil der gute Herr Kahn den Begriff und das Vergnügen von Ehenmaass und anmutiger Gestalt allein durch das feine Gefühl seiner Finger erhält. Die grosse Ordnung und Reinlichkeit in allem, Unterhaltung und Versorge ist die Arbeit seiner Lioba. Er hat zwei grosse Zimmer, worinn lauter Modelle von hunderterlei Sachen und Erfindungen sind, die er sich kommen lässt, untersucht, vergleicht, beurteilt, und über die Beschreibung ihres Nutzens oder ihrer Schönheit mit vielem Geiste spricht. Von Pflanzen hat er eine grosse Kenntniss, aber Sie können nicht glauben, wie viel ich dabei litte, als ihm ein ganzer Korb voll Blumen, Gemüse Baumblätter und kleine Zweige gebracht wurden, die er aussuchte und mit unendlicher Feinheit befühlte, nannte, und auf einem grossen Tisch in Linien nach der richtigsten Ordnung legte. Er besorgte die Blumentöpfe, die unter den Spiegeln stehen, und ich versichre Sie, dass er sie in einer sehr reizenden symmetrischen Vermischung aufstellt; die Blätter und Köpfe der Blumen so artig wendet, als je ein Frauenzimmer ein Bouquet an ihrem Busen, oder ihrem Kopfe, mit Grazie und Leichtigkeit anbringen könnte!
Bei diesen Statuen und Vasen war ich glücklich. Sie wissen, dass ich Winkelmanns Geschichte der Kunst mit so viel Eifer gelesen habe, und immer den Wunsch hatte, einige der grossen Meisterstücke der Bildhauerei zu sehen. Ott hatte bei verschiedenen Anlässen diesen herrschenden Geschmack bei mir bemerkt. Er wusste auch, dass sein Freund Kahn vorzüglich die Annehmlichkeiten der Formen liebte. Wir waren des Rachmittags zum Evffeetrinken in dem Garten, wo in einem schönen runden Tempel die Statue der mediceischen Venus steht, und in der Nähe dieses Tempels verschiedene Urnen nahe an Grasbänken ausgeteilt sind. Ott erblickte eine davon die ihn an diejenige erinnerte, auf welche Julie, auf der Hochzeit ihrer Schwester, die rührende Aufschrift gemacht, und sein Herz erobert hatte. Diese Erinnerung kam so lebhaft in sein Herz zurück, dass er mit grosser Zärtlichkeit seine Julie rief, an die Urne führte, um diese einen Arm, und den andern um seine Frau schlang: "Julie! Sieh, dieser Aschentrug gleicht dem, bei welchem ich Deine schöne Seele ganz kennen lernte!" – Hier drückte er Julien an sein Herz und küsste die Tränen von ihrem Auge, welche die Freude über ihres Orten Liebe aus ihrem Herzen gebracht hatte. Wie glücklich sah sie ihn an! "Mit so viel Güte denkst Du daran, mein Ott! Weisst Du aber auch, dass Du mir, bei der nemlichen Urne, ewige Liebe versprachst?" – "Ja, mein Kind! Dir, und der Tugend! Ich werde sie mit gleicher Treue halten." –
Kahn, seine Frau und ich, sassen auf der Rasenbank, nah dabei; sie horchten mit mir mit Rührung zu. "Mein Ott ist also auch glücklich!" sagte Kahn, und küsste die Hand seiner Lioba. "Ganz gewiss," fiel ich ein; aber ich muss Ihnen, fuhr ich fort, "den Ursprung dieser zärtlichen Unterredung erzählen!" Und, da Ott und