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Eben als ich ihr darüber Fragen tun wollte, kam Madame G** mit von O**, dessen Stimme wir zuerst hörten, da er den Bedienten sehr lebhaft fragte: Ob Julie von U** noch da wäre! und ich sagte ihr noch geschwind: "Julie, dass ist bedeutend, dass von O** gleich in dem Augenblick kommt, da Sie von dem Gegenstande Ihrer edlen Liebe reden! Aber ich verliere dabei die Geschichte Ihrer Lehrmeisterinn." – Sie versicherte mich, sie aufzuschreiben und mir zu geben. Da waren meine zwei andre Frühstücksgäste im Zimmer! Madame G** gleich beim Tisch! Sie lobte uns Mädchen, dass wir mehr geschwatzt, als gegessen hätten, weil sie noch gute Sachen fände! – Von O** war einfach, aber doch prächtig geputzt. Glückseligkeit war in seinem Gesichte, so oft er Julien ansah, oder sie reden hörte; und niemals vorher hatte ich ihn so sanfte und kluge Sachen sagen gehört, wie heute früh. – Madame G** ass; redte eine Weile mit mir, unterbrach auf einmal, aus Schalkheit, das kleine Gespräch zwischen Julien und O**, indem sie diesem sagte, uns die hübschen Bilder zu zeigen, die er in seiner Brieftasche habe – Er zuckte die Achsel und sagte: "Ich will gern gehorchen, aber Sie müssen mir bei Julien meine Vergebung erhalten helfen!" – Nun wies er ein Miniaturstück, worauf der Teil des Gartens mit der Grasbank war, wo Julie gesessen, ihre ganze Figur, Kleidung und Reiz, über die andern Mädchen erhaben, mit dem Griffel an die Urne schreibend; in einer kleinen Entfernung der Baum, und von O** mit den auf sie gehefteten Augen. – Julie war rot; lächelnd; ernstaft; je nachdem sie das Bild, O**, oder eine von Uns ansah. Madame G** nahm selbst das Zweite und legte es vor Julien hin. Hier war meine Gestalt, neben Julien stehend, die mich mit äusserster Anmut am Arm hielt. Von O** mit einer edlen Stellung die Urne umfassend, eine Hand auf seiner Brust, das Gesicht gegen Julien gewendet. Auf dem Fusse der Urne stund: Nur hier, o Julie! wird meine Liebe enden.
Das edle Geschöpf war schon vorher, durch die Erinnerung des Fräulein von Schleebach, in eine zärtliche Wehmut gestimmt gewesen. Staunen, Vergnügen, etwas Verschämtsein, und die ihr so nah dringende Liebe des von O**, gewiss aber auch die hie und da mutwilligen Blicke der Madame G** störten ihre Fassung ganz. Sie zog die zwei Bilder vor sich hin; stützte ihren Kopf mit einer so sichtbaren Verlegenheit auf eine ihrer Hände, dass sie mich jammerte, und ich daher ein Papier aus meiner Tasche nahm, und Madame G**, die die Bedrängniss des artigen Mädchens nicht so sehr fühlte, wie ich, in ein Fenster führte, um ihr, wie ich sagte, den versprochenen Brief von Marianen zu weisen. Sie sagte mir leise: "Rosalia! ich bin noch besser, als sie da, mit ihrer Feinheit!" Riss mir den Brief aus der Hand, indem sie laut sagte: "Diesen Brief will ich den Abend lesen. Aber, die arme Frau, die auf Sie wartet, und die ich vergass, die sollen Sie gleich sprechen." Und damit zog sie mich nach der Türe, und führte mich in ein Zimmer gegenüber. "Nun" sagte sie, "weiss ich den Leuten nicht besser zu helfen, als Sie?" – "Ja, ja! aber Sie haben auch die arme Julie geplagt." – "O, Sie weises Mädchen sehen immer mit Ihrem feinen Beobachtungsgeiste über die Sachen hin, die vor Ihnen liegen! Juliens Stunde ist gekommen. Sie hat O** Erklärung gewünscht, um die ihre dagegen zu geben, und jetzt wird all ihre Verlegenheit vorbei sein."
Nach einiger Zeit rauschte sie mit mir durch die zwei Nebenzimmer wieder zu den beiden guten Liebenden zurück, die nun am Fenster gegen den Garten stunden. Von O** das wahre Bild ehrerbietiger Zärtlichkeit, und Julie das, vom Glück der tugendhaften Liebe. O Mariane, dieser Anblick rufte mir die feierliche Stunde zurück, wo ich meinem Freunde auf ewig mein Herz versprach. Seine edle Gestalt war auch ganz Liebe- und Ehrfurchtsvoll. – Wenn ich nur Juliens ihre gehabt hätte, um seiner Seele den Eindruck zu lassen, dass ich der vorzüglichen Achtung würdig bin, mit welcher er unter so viel liebenswürdigen Personen mich Glückliche wählte! – Julie bat mich um Erlaubniss, ein Paar von den Zwergrosen zu pflücken, die in einem Stock vor dem Fenster waren. Ihre Stimme und Miene waren so rührend, dass man deutlich sehen konnte, wie die Bitte um Blumen nichts als der schöne Umweg war, auf welchem die Liebe gegen die Freundschaft zurücklehren wollte. Julie ward bald hernach abgeholt, und sagte mir bei der Abschiedsumarmung ins Ohr; "Rosalia! in Ihrem Zimmer habe ich Gelübde abgelegt; tun Sie auch welche für meine Glückseligkeit und für O** seine!" – Dieser ging nicht von der Türe, bis er sie die lange Strasse durch gesehen hatte. Dann kam er voll Entzücken über Juliens Geist und feine Empfindung zurück. Ich hätte gern ein Dutzend Mädchen da zuhören lassen, um ihnen die Idee von dem wahren, Reiz zu geben, der den Mann von Verdiensten fesselt; denn, gewiss, in diesem Moment redete von O** mehr von Juliens Charakter, als von ihrer Person. Er sagte zu