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Madame Fr** wünschte kinderlos zu sein, um dem doppelten Elend zu entgehen, ihre Kinder leidend, oder übeltätig zu sehen: und mir kam es höchst traurig vor, dass das mütterliche und menschenfreundliche Herz der Frau Fr** für das Glück und die Tugend ihrer Kinder keinen andern Zufluchtsort erblickte, als das Grab. Unsere muntere Madame G** konnte den Tiefsinn, der uns alle mehr oder weniger befallen hatte, nicht zu lange ansehen, sondern wandte sich gegen ihren Mann und den Herrn von O**, und verlangte zu wissen, wie sich eine gute wohlmeinende Seele vor den Bosheiten der Eigenliebe bewahren könne, und was wohl sie beide für Mittel gebrauchen würden? "Ich," sagte ihr Mann, "hoffe durch die Genügsamkeit geschützt zu sein, mit welcher ich den Kreis meines Lebens, ohne Wünsche und Klagen, mit der redlichen Bemühung durchgehen werde, andern zu der Vermehrung ihres Glücks behülflich zu sein." Herr von O**, welcher bemerkte, dass diese Antwort dem Endzweck der Madame G**, welche den Ton ins Muntre lenken wollte, nicht ganz gemäss war, sagte: "Und ich werde an dem künftigen Orte meiner Bestimmung sorgfältig acht geben, was für eine Gattung von Glück und Verdienst in derselben Gegend mit neidischen Augen betrachtet werden, und sodann beide in der Stille zu geniessen suchen. – Ich werde vor dem stolzen und mächtigen Ignoranten meine Wissenschaft, vor dem Wollüstling meine schöne Frau und artige Töchter, und vor dem geldgeizigen Menschen mein Gold verbergen. Ich machte mir auch einige Tugenden eigen, die man in jetzigen Zeiten eher mit Spott als mit Hochachtung belegt, wie, zum Beispiel, Mässigkeit im Essen und Trinken; Bescheidenheit in Kleidung und Manieren; Uneigennützigkeit, Leutseligkeit, Arbeitsamkeit, die von Niemand beneidet werden, und dennoch ihrem Besitzer gesunde und vergnügte Tage schaffen." – Madame G** gab ihm einen kleinen Schlag: "O, Sie übermütiger Mensch! Wissenschaften, eine schöne Frau, artige Töchter, und dann Tugenden, die Sie verstecken wollen, um die Eigenliebe der andern zu schonen!" – Wir hatten alle zu dem Plane des Herrn von O** gelächelt, aber jedes Auge war auf das Gesicht des Herrn Fr** gerichtet, in dessen zweifelnden oder bejahenden Zügen man das Richtige und Unrichtige eines Gedanken oder Urheils aufsucht. Er liess sich aber nicht weit ein, sondern sagte nur zu seiner Frau Schwester: "Herr von O** hätte ganz Recht, an dem Anfange seiner Laufbahn die Gerechtsame seiner Eigenliebe gegen die Anfoderungen der andern ihrer genau zu berechnen, und sich durch Vorsicht gegen eine zufällige Gewalt zu schützen. – Hätte der vortrefliche Winkelmann dem elenden Bösewicht, der ihn ermordete, nur seine Geschichte der Kunst, und seine Zeichnungen von Statuen vorgewiesen, so würde sich der Mensch niemals gegen ihn bewaffnet haben, weil er auf den ganzen Reichtum des Winkelmannischen Geistes keinen solchen Preis von Glück gesetzt hätte, als seine niedrige Seele auf den Besitz des Goldes warf, das ihm der edle Mann so unvorsichtig zeigte. Unsere eitle Eigenliebe reizt Andrer ihre, und wenn die Begierde Leidenschaft wird: so ergreift sie alle, auch die bösesten mit, um sich zu vergnügen." Vier und dreissigster Brief Mein lieber verehrungswerter Pfarrer M** K** kam heute in die Stadt, um bei einer vortreflichen alten Frau, die seine nahe Verwandtinn ist, mit seiner Frau und Kindern auf dem Jahrmarkttage das Abendbrod zu essen. Er lud mich ein, und ich würde gewiss eher die Tafel des Grössten und Reichsten dieses Orts ausgeschlagen haben, als die einfache Mahlzeit dieser edlen Seelen. O, meine Mariane, was für schöne heitere Züge verbreitet die übende Tugend der Nächstenliebe über die Miene desjenigen, der sich der reinen edlen Absicht bewusst ist, Gutes aus diesem Beweggrunde zu tun! Erlauben Sie mir zugleich eine Art eigener Anmerkung, die mir sagte: dass natürlicherweise jede Tugend ihren eigenen Gegenstand und Ausdruck habe; dass übende Gerechtigkeit nachdrücklichen Ernst; frommer Eifer die Hitze des heiligen Feuers; das Mitleiden die Kennzeichen des anteilnehmenden Schmerzens; die Geduld Züge des niedergeschlagenen Geistes; und die Standhaftigkeit die Spuren der Gewalt bemerken liesse, die wir manchmal über unser Gefühl ausüben. – Alles nötige edle Bewegungen unserer Seele! Aber keine hat den schönen, sanften Ausdruck, der für mich Schattenbild eines seligen Geistes ist, den allein das Gefühl: ich habe Glückliche gemacht, über unser Wesen ausgiesst. Hütten Sie die ehrwürdige Frau gesehen, bei der wir den Nachmittag zubrachten, so würde Ihnen das Gemählde von ihrem mütterlichen Leben noch viel schätzbarer sein. Frau B** ist von einer sehr guten Familie des gelehrten Standes, und brachte ihrem Mann einen grossen Reichtum zu, aber seine Sorge für sie und die drei Kinder war nicht getreu, denn er opferte dem Spiele und Trunke beinahe das meiste und beste seines Vermögens auf, so, dass die gute Frau nach seinem Tode sich sehr zurück sah. Doch, da sie beinahe alles mögliche zu Gelde machte, so erzog sie damit ihre Kinder sehr gut. Die zwei Söhne gingen in Kriegsdienste; der Eine erwarb sich jedes Verdienst des rechtschaffenen Mannes, und hielt seine kleinen Einkünfte so zu rate, dass er seinen edlen kindlichen Herzen das Vergnügen geben konnte, seiner teuren Mutter zu schreiben, dass sie ihm ferner nichts mehr an Gelde schicken, sondern alles zu Sorge für ihre Gesundheit und Gemächlichkeit ihrer erlebten Jahre verwenden solle. – Dieser Brief kam just zu der Zeit, wo sich ein anständiger Freier für die einzige Tochter zeigte. Da schrieb sie ihrem guten