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erscheint; dessen Haus der Tempel ist, wohin das verfolgte Verdienst sich flüchtet, und an dessen Händen alle edle, alle würdige Männer sich anschliessen; dessen Achtung als Beweis dient, dass man Tugend und Wissenschaften besitzt. Diesem vortreflichen Manne wird das grosse schöne Land, worinnen er wohnt, noch auf späte Zeiten den Anbau des vaterländischen Verdienstes zu danken haben. Urteilen Sie, meine Mariane, von dem Bergnügen, so ich hatte, in diesem Gemählde ganz allein den w. R** S** v. G** zu sehn, den ich selbst kenne, und in diesem Augenblick die so seltene Freude genoss, nicht nur jeden Zug dieses Bildes als wahr zu erkennen, sondern noch jede liebenswürdige Eigenschaft der edelsten und stärksten Fühlbarkeit des Herzens dazu setzen konnte, welche so deutlich in der schönen Melancholie seiner Gedichte erscheint, und in seinem Privatleben herrscht! Dieser ganz unvollkommne Umriss eines moralisch grossen Mannes, ist der Anfang von charakteristischen Beschreibungen, die wir in dem Auszug unserer Gesellschaft, von lebenden Personen, und die wir selbst kennen, machen wollen. – Wir sind nur fünf Verbündete. – Der Kreis unserer Bekanntschaft ist nicht gross! da wollen wir doch sehen, wie viel übende Tugend uns vorgekommen ist. Sie sollen allezeit Abschriften haben. Herr Fr** sagt, es wäre eine der edelsten Beschäftigungen, die ich mir in dem letzten harmlosen Jahre meines Lebens machen könne; denn, sobald Herr C** seine Verbindung mit mir vollzöge: so würden andre und bestimmtere Sorgen an die Stelle der einseitigen Befriedigung meines Herzens treten; doch wünsche er; dass ich immer die Gewalt haben möchte, die Umstände nach meinen Gesinnungen zu beugen, weil sie sehr oft den Ausdruck und die Handlungen unserer Seele verhinderten. O, er hat Recht! denn wie oft habe ich dieses schon erfahren! Aber, mein Freund C** denkt wie ich; nur er wird meine weltliche Obergewalt sein, und ich also in seinem Hause nach meinem Herzen leben können. Grosse süsse Hofnung Ihrer Rosalia. Ein und dreissigster Brief Eilf Tage, unausgesetzt, von einer Gesellschaft in die andere, ist mir beinahe unerträglich geworden. Aber, es war der jährliche Kreislauf von Visiten, welchen die Familie, mit der wir leben, zu Anfang eines jeden Herbstes bei denen macht, die nur als Bekannte, nicht aber als Freunde angesehen werden. – Mein Oheim fand dieses Betragen etwas sonderbar, weil er behauptete, dass in eilf Familien gewiss verschiedenes Verdienst wohnte, gegen welches diese Gleichgültigkeit ungerecht wäre. Madame G** sagte darauf: "Das mögen sich diese Leute gefallen lassen! denn es geht selbst der ganzen Reihe von Tugenden so; alle sind uns bekannt, aber mit wenigen sind wir vertraut, indem allezeit diejenigen vernachlässiget werden, die nicht in den Bund unsers Nutzens und Vergnügens gehören." Sagt nicht diese Frau ganz munter und nett triftige Wahrheiten? Vier dieser Herbstbesuche waren mir angenehm, weil wir sie in den Landhäusern ablegten, wo diese vier Familien noch wohnten. Alle haben sehr schöne Gärten, doch zeichnet sich der von Herrn Sch**, der an dem Ufer des M** liegt, durch seine vortrefliche Lage und Anbau ganz besonders aus. Dieses Haus zog aber meine Aufmerksamkeit auch deswegen auf sich, weil ich darinn so viel Uebereinstimmendes in Allem fand. Die feinsten Sitten und Bewirtung; der Hausherr einer der artigsten und belebtesten Männer; die Frau voll der schätzbarsten Güte des Herzens; ihre Kinder liebenswürdig, mit dem, ganzen Ausdruck von Empfindung ihres Glücks und des Wohlwollens für alle andre Menschen. – Besonders aber schien uns allen einer der erwachsenen Söhne das wahre Bild eines schönen, edlen und sanftmütigen jungen Mannes. Er führte mich durch alle Teile des Gartens und zeigte mir die Aussichten auf die Gegenden umher, mit sehr viel wahrer Fühlbarkeit für das Grosse und Schöne der Natur! Bei Tische hatte mir Jemand von seinem Hange zur Wohltätigkeit und den Kenntnissen des Geistes gesprochen. – Ich wünschte ihm diese Stimmung der Seele auf sein ganzes Leben! Denn da er durch eine grosse Erbschaft von seinem Oheim vorzüglich reich wird: so fehlt ihm zum Genuss vollkommner Glückseligkeit dieser Erde nichts, als die unveränderliche Dauer der edlen, tugendhaften Gesinnungen seines Herzens. Der heitere Abend gab mir noch etliche selige Augenblicke, da ich, auf das Geländer der Terasse gestützt, zu meinen Füssen den schiffbaren Fluss; zu meiner Rechten eine schöne Allee von hohen Bäumen; den Blumengarten; über dem Wasser vor mir unabsehbare Kornfelder, und zur Linken, Obstgärten, Dörfer, eine Reihe waldigter Berge, und die grosse, volkreiche Stadt sehen konnte, in welcher gewiss eine eben so grosse Summe moralischen Guten liegt, als mein Auge in dem weiten Gesichtskreise umher physikalische Wohltaten sah. In der grossen Gesellschaft, die sich hier versammlet hatte, war überhaupt unter den Männern viel Verstand, und das Frauenzimmer sehr liebenswürdig von Person und Sitten. – Die Tage nach diesem war ich nicht ganz so zufrieden, weil ich die traurige Bemerkung machen musste, dass man so selten Menschen findet, bei denen die Liebe des Guten und Edlen stark genug ist, dass sie sich in gesellschaftlichen Unterredungen, mit Vergnügen auf einige Zeit lang bei guten Eigenschaften, edlen und grossen Handlungen ihrer Nebenmenschen verweilten. Wie oft habe ich die Ermüdung und Langeweile gesehen, die die Stimme der Hochachtung hervorbrachte; da hingegen der Spötter und Verläumder Aufmerksamkeit und Vergnügen erregte! In der feinen Welt ist es niedrig und unanständig, von der Tugend eines Handwerkers, von der Rechtschaffenheit eines Bauren zu reden. Bei