highChunks/1779_La_Roche_065_3254.txt -- topic 82 topicPct 0.416949152946

waren auch genug da; aber ich sah ihn seine Hände falten, und mit der eindringenden Stimme der Seele sagen: "O göttliche Vorsicht, wie sehr liebst Du mich! wie reichlich belohnst Du meine Leidensjahre! Du giebst mir Glück, und die Gewalt, jemand, der mir Böses tat, Gutes zu tun!" – Glanz, aus welchem ehmals die Idee des Schimmers entstund, den man um das Haupt der Heiligen mahler, dieser Glanz war auf seinen Gesichtszügen verbreitet. Sein Gang, seine Stellung schien mir das Schweben einer Seele zu sein, die über die Hülle ihres Körpers erhaben ist. Er küsste den Brief, der den Anlass zu diesen Entzückungen gegeben hatte. Er nannte ihn ein sichtbares Zeichen der Güte der Vorsicht. "Möchte der Rachgierige," sagte er, "nur einen Augenblick die Zufriedenheit meines Herzens fühlen! wie gerne würde er den Beleidiger vergeben und ihn umarmen! Denn es ist unmöglich, dass die Zufriedenheit, welche von der Tugend in unser Herz gegossen wird, nicht auch zugleich den höchsten Grad Menschenliebe in uns verbreitete!" – Er umarmte seinen eilfjährigen Sohn und sagte: "Gott gebe Deinem Herzen die Fähigkeit, auch einst diese Freude zu fühlen, und lasse sie, wie bei mir, das überfliessende Teil Glückseligkeit werden!" Das Kind, so alles gehört hatte, fragte: "Papa, ist es denn eine so grosse Freude, seinem Feinde Gutes zu tun?" – "Ja, mein Sohn, es ist die grösste Freude meines Lebens. Ich bin sicher, dass ihr Andenken die letzte Stunde meines Daseins erheitern wird, wenn schon die Erinnerung vieles andern Vergnügens lange aus meinem Gedächtniss sein muss." – Madame G** fing wieder an, von seinen erlittenen Verdrüsslichkeiten zu reden, und sie her zu erzählen. – "Lass dieses, meine geliebte Schwester, ich sehe Deine ganze anteilnehmende Liebe in Deinem Eifer; aber, das gegenwärtige Gute muss die Spuren des vergangnen Bösen verlöschen. Wie klein ist die Summe meines Grames, gegen die unvermischte Freude, die ich wirklich geniesse! Störe sie nicht, und lass mich wünschen, dass der widriggesinnte Mann eben so vollkommen vergessen möge, dass er mir Uebels tat, als ich es vergessen werde, und o möchte er mich einst lieben können, wie ich ihn!" – "O, Bruder!" sagte Madame G**, "was für ein Mann bist Du? Kann Dir dieses Ernst sein?" – "Ach, meine Liebe, wie traurig ist mir diese Frage! Wie selten muss die Tugend des Verzeihens der Beleidigungen, der Liebe und des Wohltuns gegen Feinde geworden sein, wenn ein Herz, wie das Deinige, an ihrer Möglichkeit zweifelt! Da überzeugst mich, dass unsere Freundinn H** Recht hat, den grössten Teil ihrer besten und erhabensien Gesinnungen unter einem dichten Schleier zu verbergen." – "Lieber Bruder, werde mir nicht so ernstaft! werde nicht böse auf mich, sondern sage mir, wen kennst Du, der das bittre Unrecht, so Dir widerfuhr, auf diese Art genommen hätte? Ich fühle deswegen doch, dass dies, was Du sagst und tust, schön und vorzüglich ist, und Du bist mir diesen Morgen teurer und lieber geworden, als jemals, und ich freue mich, Deine Schwester zu sein." – Er umarmte sie und sagte dabei: "Deine Hochachtung ist mir sehr schätzbar, mein Kind; aber, glaube mir, ich würde die Güte der Vorsicht sehr wenig verdienen, wenn mein Dank für erfüllte Wünsche, mit Gesinnungen des Hasses vermischt wäre. – Ich sehe aber," setzte er lächelnd hinzu, "dass Du einem Frauenzimmer nicht so leicht vergeben hättest, wenn sie durch falsche und giftige Nachreden gegen Deine glückliche Verbindung mit Hrn. G** gearbeitet hätte." – "O, nun lachte ich sie aus, denn ich bin seine Frau!" – "Spott ist Rache! Dünkt sie Dich denn so süss?" – "Und was Du sagst, ist Strafe! freut Dich dieses auch?" – "Wir wollen endigen, meine Liebe. Ich weiss, dass Dein Herz dem meinigen nicht widerspricht," sagte Herr Fr**, mit einer liebreichen, aber doch etwas ernsten Miene. Ich hatte nach dem langsamen Einschlürfen meiner Tasse Coffee mein Strickzeug genommen und still gearbeitet, während Herr Fr** und seine Schwester mit einander sprachen; aber manchmal erhob ich meinen Kopf, um den Ausdruck seiner Physiognomie zu beobachten. Er hatte es bemerkt; denn nach den letzten Worten gegen Frau G** näherte er sich mir, und sagte: "Den Beifall Ihrer Seele habe ich in den Blikken gesehen, die Sie mir gönnten. Diese Blicke werden einst für die Tugend Ihres Gatten Belohnung und Aufmunterung sein." Und hiemit ging er in sein Cabinet, und liess uns staunend und gerührt zurück. Die Augen der Madame G** waren noch auf die Türe geheftet, als ich sie umarmte und sie versicherte, dass der Tag, an welchem sie mir ihre Freundschaft schenkte, mit auf immer unvergesslich sein würde, weil ich dadurch das Urbild eines edlen und rechtschaffenen Mannes kennen gelernt hätte, und es freute mich, sie des Glücks, Frau eines G** und Schwester eines Fr** zu sein, so würdig zu sehen. "Und mich freuts, dass Rosalia L** mir dieses mit Zärtlichkeit sagt." – Darüber eilte ich in mein Zimmer, um ihnen dieses noch Vormittags zu schreiben; und