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und des Bezeigens. – Mit vieler Schalkhaftigkeit behauptete sie dieses und jenes in dem einen und andern Gesichte zu lesen; sagte darauf, da sie mich starr angesehen, dass in meinem Kopf Ideen wären, die das Seitenstück zu ihren moralischen Betrachtungen ausmachten, und dass sie, ohne anders, es im ganzen wissen wolle! Jemehr ich mich weigerte, je ungestümer foderte sie; und da ich ein übereinstimmendes Stück zu ihrem Gemählde liefern, und die Ideen von Vielfältigkeit und Menge beibehalten musste; so sagte ich: mein Nachdenken hätte sich auf die unendliche Summe des verflossenen und gegenwärtigen Vergnügens bezogen, das unser aller liebreiche Mutter, durch Fähigkeit, zu erfinden und zu geniessen, unter ihre oft so undankbare Kinder ausgeteilt habe. So hätte, zum Beweis, jede Gattung der verschiedenen Kleiderzeuge dem Arbeiter, bei dessen Endigung, ein Gefühl von Freude, über seine Geschicklichkeit gegeben; die Person, die sich mit der Schönheit des Zeugs Ansehen gab, auch ihr Anteil Vergnügen dadurch erhalten; so wäre es der Putzmacherinn, bei Erfindung der Moden, dem Frauenzimmer, die ihre Reize dadurch erhöhte, dem Tonkünstler bei der Aufsetzung und Fügung der Stücke gegangen, die wir gehört hätten. – Gewiss, sagte sie, es giebt viel kleine Freuden in der Welt, über die man, wie über die Millionen Grashälmchen, hingeht, die den schönen Rasen machen. Tausend Vergnügen werden von einem Teil unsers Gefühls ohne Nachdenken genossen, und ihr Dasein erst bemerkt, wenn man, wie bei dem Spatzierengehen, auf einmal, bei Betretung des steinigten Weges, an das sanfte Gehen auf dem Grasboden denkt.
Dieser Ton rührte mich; ich hörte ihr staunend zu, und antwortete ihr mit zärtlicher Achtung. – Sie erwiederte dieses mit einem Drücken meiner Hand, und sagte: Es freue sie, dass ich ihr Achtung beweise; sie liebte mich auch besonders, weil ich so viel Geist hätte, alles aufzufassen, und man keinen Gedanken bei mir verlöhre. – Hiemit scheuchte sie meine pünktliche Zärtlichkeit ein wenig zurück; aber ich wurde gleich wieder so billig, zu finden, dass wir alle nichts lieben, als was uns Vergnügen macht, und Frau G**. so freimütig ist, es zu sagen.
Gefällt Ihnen diese Frau nicht auch, meine Mariane? Sie macht eine eigene Farbe im Character aus. – Ich werde einige Tage mit ihr aufs Land gehen, wo ich mit mehr Freiheit, in ganz reiner Luft, beim Gesang der Lerche, an meine Mariane denken und schreiben werde.
Zehnter Brief
Wie vortreflich ist Ihr vor mir liegendes Schreiben! wie gütig Ihre Freundschaft für mich! Ich kann auch die ganze weibliche Welt aufbieten, um mir noch eine Mariane zu weisen! Mit was für einer schmeichelhaften Wendung sagen Sie mir, dass Sie sehr zufrieden sind, in acht Tagen keinen Brief von mir gesehen zu haben. So macht es die edle Liebe, die Freude, das Glück des Freundes wird dem eigenen vorgezogen. Es ist Ihnen lieb, sagen Sie, dass mein Kopf und Herz Beschäftigungen hatte, die mich hinderten, Ihre Abwesenheit zu fühlen, und meine Arme auszustrecken, um von allen Wesen allein Sie zu umschlingen; und gerne wollen Sie meine feurige Zärtlichkeit für Sie in gemässigte Wärme verwandelt sehen, wenn ich zugleich gerechter und liebreicher gegen andre werde. O, Mariane! gerecht war ich just in dem Augenblick, da Sie den vorzüglichsten Teil meines Herzens und meiner Hochachtung erhielten! Fodern Sie mich nicht auf, gerecht zu sein, denn da muss ich jedem geben, was ihm gebührt, und dann kommt noch viele Nahrung zu dem Feuer meiner Zärtlichkeit für Sie. – Aber liebreich, meine Mariane, liebreich und billig will ich sein! – Ich weiss es, nicht jeder Geist kann, wie der Ihrige, angebauet, nicht jede weibliche Seele so gross, so edel, wie die Ihrige, sein; aber, alle könnten doch – ich sehe Ihre Hand, die mir den Mund zuhalten will. – Ich schweige selbst, und gewiss, ich wollte nichts Hartes sagen. Sie wollen, dass ich durch Taten rede! Ja, meine Freundinn, ich will; und da meine armen Briefe das einzige Kennzeichen sind, nach welchen Sie meine Handlungen beurteilen können: so sollen diese beweisen, ob ich so gut werde, als Sie es wünschen; und gleich will ich mir eine artige, ganz romantische Begebenheit unsers Concerts zu Nutz machen, um Sie zu überzeugen, dass ich nicht so unverträglich bin, als der manchmal heftige oder nur eifrige Ton meiner Gedanken es vermuten lässt.
Ich muss in meinem Gespräch mit Mademoiselle G**, nachdem sie gesungen hatte, billig genug gewesen sein, und sie nicht verhindert haben, jede gute Eigenschaft ihres Verstandes und Herzens zu zeigen, weil Sie sich durch diese Unterredung eine vorteilhafte Heirat zuzog. Sie hatte Italienisch gesungen. – Ich fragte, ob sie die Sprache verstünde? munter sagte sie mir: Signora fi. Ich redte gleich im Italienischen fort, und sie sagte sehr schön, sehr geläufig, alles Gute, was sie über meine Frage dachte. Wir vermuteten nicht, dass gleich hinter uns ein Fremder sass, der aus Venedig kam, und alles, was wir redeten, um so eher hörte, als es meistens von uns Deutschen geschieht, eine fremde S p r a c h e stärker und lauter auszusprechen, als gewöhnlich die eigene. Ich sah wohl, dass, wie wir aufstunden, um die zweite