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kam er in seine Hütte zurück, und versuchte dann wieder einmal in trockenen Tagen, ein nah' an dem Felsen liegendes Stück grünen Rasen zu betreten. Der Gedanke, der so wohltätigen Graspflanze gab ihm Zuversicht. Aber es deckte einen trügerischen Haufen von Schlamm, und er hatte Mühe, sich vor dem Sinken zu retten. Niedergeschlagen über die vergeblichen Versuche, blieb er in dem Kämmerchen seiner Hütte, und überdachte das Glück derer, die auf einer schönen Anhöhe, mit Weingärten, Wiesen und Feldern umgeben, wohnen, und mit jedem Blick Freude fühlen. Nachdem aber ein Geschick ihn auch dahin rufte, ist gewiss jeder Atemzug Dank zu der gütigen Vorsicht. – Wie oft zog mich bei meinen ehmaligen Bekannten der schöne Schein von Sanftmut und Güte! – wie sehr trogen und verwundeten sie mich! – Wie grundlos fand ich ein andermal die schönsten Anzeigen von Stärke und Edelmütigkeit der Seele! – Nun reise ich mit meinem Oheim. Die Pflichten, welche ihm aufgegeben sind, und die Absichten seines Herumwanderns, führen ihn in verschiedene Gegenden. In einigen werden wir uns lange aufhalten; da will ich, während mein Oheim politische Beobachtungen sammlet, auf meiner Seite suchen jede tätige Tugend zu bemerken, welche ich in dem Laufe meiner Reise ansichtig werden kann. Darüber will ich Ihnen schreiben, und Sie können, nach Ihrer Lieblingsgewohnheit, und des Herrn Hume Anweisung zufolge, das Maass meiner moralischen Kräfte nach dem Grade sympatetischer Bewegung berechnen, welche die Betrachtung übender Tugend in mir hervorbringen wird; denn Sie pflegten so gern den Umfang eines öden oder angebauten Kopfs zu bestimmen, je nachdem Sie sein Vergnügen und Aufmerksamkeit bei den Unterredungen der Vernunft und Wissenschaften stark oder schwach sahen. In diesem Felde hoffe ich Nutzen für meinen Geist zu sammlen. Sie werden alles, auch den leisesten Gedanken, zu lesen bekommen, und mich also auf allen Seiten kennen lernen. – Denn, meins Mariane, meine Seele ist bei Ihnen, mit Ihnen allein redet sie durch mein Vertrauen, und in meinen Briefen mit andern redet meine Achtung, meine Höflichkeit, welches Abgaben und Anforderungen sind, die ich niemand versagen werde. – Aber Sie, meine Freundinn, Sie allein haben die besten Gesinnungen des Herzens Ihrer Rosalia. Zweiter Brief Sie haben Recht, meine Freundinn. Sie haben Recht, wenn Sie mir sagen, dass der beste Trost, den ich jemals gegen die Schmerzen einer geraubten Freuds, oder eines misslungenen Wunsches finden könne, in dem Gedanken der Erfüllung meiner Pflichten liege, und dass eine edle gefühlvolle Seele das Maass dieser Pflichten in der Gewalt finde, die ihr zum Wohltun gegeben worden. Ich sehe, dass meine Gesellschaft ein wahres Vergnügen für meinen teuren Oheim ist; und ich werde davon am meisten in den Stunden überzeugt, wo er sein Tagebuch mit mir durchlieset. – Er ist so gut, dass ihn mein Beifall freuet. – Meine Sorgfalt für seine Gesundheit, das kleine Stück Munterkeit und Talente meines Geistes, meine Liebe für ihn, nennt er die Freude seines Lebens; und wenn er mir dieses sagt, so liebe ich den Entschluss mit ihm zu reisen, und fühl selbst die Entfernung von meiner Freundinn Mariane nicht mehr mit so viel Bitterkeit – denn es ist mir süss, sehr süss, die Freude des Lebens eines rechtschaffenen Mannes zu sein, und es in meiner Gewalt zu haben, Gaben des Glücks, die ich von meinem zwölften Jahre an von meinem Oheim genoss, mit Wohltaten des Herzens zu belohnen! – Dennoch, meine Mariane, fühle ich, dass dieser Trost über die verlohrne Freuden Ihres Umgangs nicht so wirksam sein würde, wenn ich die Erreichung meiner Absicht nicht vor mir sähe. – Ich erinnere mich hier, dass Sie einst sagten: "Nahes Glück reitzt und treibt zu Ausübung vieles Guten, so wie allein die gerade neben uns liegende Strafe vom Bösen zurück hält; denn wenn die in der weiten Zukunft ruhende Freude oder Elend viel Gewalt über uns hätten, so geschähe mehr Gutes; und weniger Böses." – Ich wünsche würklich, dass die Idee von Belohnung bei der Kinderzucht mehr gebraucht werden möchte als die von Strafe, weil dabei der Geber und die Zusehende zugleich als Zeugen unsers Wohlverhaltens erscheinen, als solche geliebt werden, und natürlicherweise die Begierde entsteht, ihnen immer gefällig zu sein. So, wie man im Gegenteil die Zeugen seiner Fehler und seiner Strafen hasst, und oft aus der Begierde sich in rächen, die Fehler behält, die dem Vorgesetzten und andern am meisten Missvergnügen geben. Die Menschen sind gewiss, im Ganzen genommen, viel edler und besser, als man glaubt. – Ich bin diese angenehme Ueberzeugung dem Nachdenken schuldig, mit welchem ich bemerkte, dass sich die schönsten jungen Leute so gern zum Krieg werben liessen, und sich dem Tode dadurch eher weihten, als die Natur es gefodert hätte. – Und meistens ist es die Versicherung des Lohns der Ehre, des Vorzugs, des Ruhms, der Tapferkeit, des Anteils an der Verteidigung der gerechten Sache, die so viele Tausende ihrem sichern Tode entgegen führet. Mein Herz ist ganz gewiss, dass ein Fürst, der das Maass der Strafen und Unkosten, die damit verbunden sind, in ein Maass Wohltat und Belohnung für den guten und arbeitsamen Bewohner seiner Staaten verwandelte, vielleicht in kurzer Zeit meistens lauter gute Untertanen haben würde. Denn die Bande der Liebe ziehen die Herzen vester an, als die Ketten der Furcht. Sie hörten mich einst behaupten,