highChunks/1779_Jacobi_047_23074.txt -- topic 10 topicPct 0.140939593315
, und zerrann über ihm in Tränen und in Küssen. – Da sie einigemahl zu reden versuchte; jedesmahl stockte, und nun wieder heftiger weinen musste: wurde ihr weh bis zur Ohnmacht; sie musste ihre Stellung verlassen und einen Stuhl suchen. – Woldemar blickte nach ihr hin ... Er konnte nicht länger! Sein Herz hob sich, als höbe mit ihm die Welt sich aus ihren Angeln. – "Ach, Henriette!" rief er, und stürzte vor sie hin auf die Knie, – "Ich bin verloren – lass mich in Deinen Armen sterben!" – Henriette war ohne Sprache; sie drückte ihn an sich; schluchzte; sah gen Himmel ... "Ja!" fuhr er fort, "ich bin hin; aber so lang ich noch lebe, muss ich Dich lieben." – Es ist entsetzlich, dass ich mich an Dir betrogen habe, denn Du bist das beste Geschöpf unter der Sonne! ... O, es wird ja doch endlich einmahl schwinden dies Herz, endlich einmahl vergehen, nachdem es so oft alle seine Kraft von sich geströmt hat! – Lieber! unterbrach ihn Henriette, – Lieber – Lieber – Ach! – Betrogen? – Sie konnte nicht weiter. – "Du liebst mich nicht, wie ich Dich liebe," sagte Woldemar, "Dein Gefühl für Freundschaft ist anders als das meine. – Unsere Freundschaft konntest Du fahren lassen; – es sei warum es wolle – Du konntest sie fahren lassen: – mich konntest du dahin geben! – – Und ich, ich – ich liege hier auf den Knien!" – – Er sprung mit Heftigkeit auf, setzte beide Fäuste sich vor die Stirne: "Gott!" rief er aus – "Nur Trümmer! – Und das mein Alles! – Und darum betteln! ... – Aber was hilfts?" – Er stürzte sich von neuem auf den Boden – "Beste, Beste auf Erden – habe Mitleiden – verlass mich nicht!" – verbarg sein Gesicht in Henriettens Schoos, und brach in eine Flut von Tränen aus. – Woldemar! sagte Henriette mit gebrochener Stimme – dich verlassen? Dich, für den ich alles verliess? –... "Ach!" sagte Woldemar, indem er sein Gesicht wieder in die Höhe richtete – "ich wollte dass ich mein Herz fassen könnte, wie ein Weib ihre Brust, und Dich nötigen es zu trinken – damit Dir alles zu Teil würde, Dir nur alles zu gut käme von mir, eh es dahin ist; – damit nur dies unaussprechliche Gefühl hier, gerechtfertiget würde – und Bleiben erhielt – und dereinst gen Himmel stieg! O das nur: die Erfüllung meines Glaubens, die Rettung meiner Liebe, der Liebe – die ich fühle – und die ich wähnte; der, ein Wesen, eine sichere Stätte auf ewig; – und ich will, ohne Klage, vergehen, will verloren sein!" – Er senkte sich wieder. Und Henriette ... Doch genug von diesem Auftritt, mit dessen Beschreibung ich mich besser gar nicht versündiget hätte! Denn nur einen Moment davon darzustellen in Geist und Wahrheit – ist unmöglich.
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Sie kamen nach und nach zu minder heftigen Worten; gerieten endlich in ein anhaltendes Gespräch. – Henriette wusste, all die Liebe die in ihr war, und mit der sie unverrückt an Woldemarn gehangen, ihm jetzt so nah ans Herz zu bringen, dass er sie fühlen, dass er sie eingestehen musste. Unvermerkt wurde seine Seele von süssen Empfindungen wie berauscht, – sein Gram übertäubt; und die Wonne, die er genoss, durchdrang ihn so ganz, dass es ihm genug daran dünkte, sein Leben zu beglücken.
Bis auf den folgenden Tag läuterte sich sein Zustand; die fieberhaften Bewegungen hörten auf: er schwebte nicht mehr in Entzückungen; aber Beruhigung, stille Zufriedenheit traten an die Stelle. Er fühlte, dass sein Herz in einem guten Verbande lag, so dass der Schaden daran ihn wenig beschwerte, und allmählig wohl noch heilen könnte.
Henrietten war er lieber als jemahls geworden, und sie ermüdete nicht, es unaufhörlich ihn sehen zu lassen. Die holde Weise, womit sie es tat, vermehrte den Eindruck: denn es wurde ihm auffallend, dass Henriette auch in der Freundschaft gewisse Vorzüge besitze, welche gegen die seinigen eben der Art, wohl in Betrachtung zu kommen verdienten, und ihnen ziemlich die Wage halten möchten. – Wenn Er sie an Glut der Seele, an hohem und tiefem Sinn übertraf: so übertraf Sie dagegen ihn an wahrhafter Zärtlichkeit und unvermischtem Adel des Herzens; an Lauterkeit, Schönheit und durchgängiger Harmonie der Empfindungen. Seine Ergebenheit gegen sie mochte noch so stark, so ungemessen erscheinen: die Ihrige gegen ihn hatte etwas, das man dennoch für uneigennütziger, sogar für fester halten konnte. Zwar widerstritt er das sehr hartnäckig; aber nicht immer mit dem besten Gewissen. Heimlich fühlte er einigen Zweifel – und lächelte innerlich dazu – ob nicht auf Henriettens schüchternes, gehaltenes Wesen doch im Grunde mehr Verlass sei, als auf das mutvolle, heftige – und ungestüme des seinigen.
Wahrscheinlich wäre alles gut geblieben und immer besser geworden, wenn nicht aus dem Vergangenen eine fremde Ereigniss sich unversehens entwikkelt hätte, welche für Woldemarn und Henrietten, und alle die sie liebten, von den schrecklichsten Folgen war.
Ende des ersten Bandes