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Leb wohl, teurer Bruder! nach der Hochzeit schreib ich wieder. – Unser bester Vater ist so fröhlich, als ich ihn in meinem Leben nie sah. Er, und der vortrefliche Mann, der geheime Rat, sind immer beisammen, und begegnen sich wie Brüder. – Gott, wie glücklich hast du mich, und uns alle gemacht! Leb wohl, mein Geliebtester! Ich bringe meinem Kronhelm diesen Brief, und dann küssen wir uns wieder wie die Seligen und Heiligen im Himmel. Leb wohl! Leb wohl! Deine Terese. Siegwart hatte bei dem Lesen dieser Briefe hundertmal absetzen müssen, denn seine Freude war zu heftig, und die Freudentränen stürzten ihm auf das Blatt hin. Eine Zeitlang vergass er seiner eignen Leiden drüber, und hielt sich selbst für glücklich, weil es die waren, die er so unaussprechlich liebte. Aber dann empfand er sein eignes Unglück nur wieder desto stärker, wenn er die Kluft sah, die zwischen ihm und seinen Freunden war; wenn er die Donnerwolke sah, die über ihm und Marianen hieng, und schon herabzudonnern anfieng, und dort die Flur im hellen Sonnenschein, auf der seine Lieben ruhig wandelten. Oft ward er etwas ungeduldig, und rief: Gott, warum ich allein mit Marianen elend, und die andern überschwenglich glücklich? Dann machte er sich selber wieder Vorwürfe: Gott, vergib mir diesen Unmut! Ach, bewahre mich vor Ungeduld und Murren; vor Neid und Misgunst! Lass mich über meiner Freunde Glück sich freuen, wenn ich schon für mich nicht glücklich bin! – Dann schrieb er ihnen diesen Brief: Unaussprechlich teure Seelen! Ihr vergebt mir, wenn ich nicht frohlocken kann. Meine Seele freut sich Eures Glücks, das wist Ihr; aber meine Freude ist so düster, wie mein Schicksal. O Geliebteste, Gott segne Eure Liebe! Mach Euch zu den Glücklichsten auf Erden! Ihr verdient es. Wohl Euch, dass der Herr die Tränen abgetrocknet hat, die ich rinnen sah! Freut euch nun der goldnen Tage, die die Liebe für euch aufgehen heist! Rosen müssen euch durchs ganze Leben blühen, und euch täglich einen Kranz geben, euer Haar damit zu schmücken. Euer Grab sei in einem Rosenwäldchen, wo ihr unter lieblichen Gerüchen einschlummert! Mir ist ein Cypressenwald gepflanzt, in dem ich weinen muss. Mich hat die Liebe wenig Tage nur gesegnet. Ich habe wenig Tropfen ihres süssen Zaubertranks gekostet; nun reicht sie mir einen Becher dar voll Wehmut. Vielleicht hat bald ein andrer Marianens Hand; nicht ihr Herz, denn das ist mein, und diess ist der Stab, an dem Seid gesegnet, meine Lieben, seid gesegnet! Diess wünsch ich Euch, mit Tränen in den Augen. Möcht ichs einmal können ohne Tränen! Aber, wie der Herr will, der mir Freuden erst gegeben hat, und mir nun Leiden gibt. Segne, liebste Schwester, unsern teuren Vater, aber sag ihm nichts von meinen Leiden! dass nicht seine Freude düster, und umwölkt werde! Du bist mein Schwager, Kronhelm, und ich liebe dich, wie meine Seele. Du machst meine Schwester glücklich, und sie lohnet dir mit ihrer Liebe. Ich wollt euch einen Brautgesang singen; aber Brautgesänge sollten freudig sein. Ich schreib euch aber doch das Lied ab, ob ich gleich nicht sagen konnte, was ich wollte. Es kam doch aus brüderlichem Herzen. Ich will an eurem Hochzeittage für Euch beten, und mein Leid vergessen. Liebt Euch treu, und seid gesegnet! Diess ist alles, was ich wünschen kann. Betet auch zuweilen in Eurem Glück für Euren Bruder! Denn ich glaube, das Gebet der Glücklichen vermag viel. Betrübt Euch nicht zu sehr! Weine Leiden sind nicht ewig, und ich glaub an einen Gott, der unser aller Vater ist, auch wenn Er züchtiget. Hier ist noch das Lied. Ich bin ewig Euer Bruder Xaver Siegwart. Auf die Vermählung meiner teuren Schwester und meines teuren Kronhelms. Keimen sah ich Eure Liebe, Wie den Weidenzweig am Quell; Oft war Euch der Himmel trübe, Oft schien Euch die Sonne hell. Stürme beugten oft Euch nieder, Drohten Untergang und Tod, Aber Ihr erhobt Euch wieder Im erhellten Abondrot. – Ach wie gern, Ihr Lieben, freute Meine Seele sich mit Euch! Wenn nicht ein Geschick mir dräute, Eurem, nun verflossnen, gleich. Drohende Gewitter drängen Sich in schwarzer Nacht daher; Dunkle Wetterwolken hängen Ueber meine Scheitel her. Mit der ängstlichbangen Zähre Steigt ein Seufzer aus der Nacht: Dass der Tag auf ewig währe, Der Euch jetzt so heiter lacht! – Blickt aus Eurem Sonnenscheine Mir den hellen Trost herbei: Dass mein Aug nicht ewig weine, Und mich Lieb' auch einst erfreu! Den andern Tag, als Siegwart ausgegangen war, sagte man ihm bei seiner Nachhausekunft, dass ein fremder Bedienter nach ihm gefragt habe, der in einer Stunde wiederkommen wollte. Siegwart konnte nicht begreifen, wer der Bediente sein, und was er bei ihm zu tun haben müsse? Er sann hin und her, und machte sich tausenderlei Einbildungen, ängstliche und angenehme. Nach einer Stunde kam der Bediente, und – siehe da! Es war Marx, den Kronhelm angenommen hatte. O dass ich Sie nur wieder einmal sehe! fieng er an. Ich bin weit und breit im Land herumgelaufen; können Sie mir nichts von meinem gnädigen Herrn sagen? – O ja,