highChunks/1771_La_Roche_064_16088.txt -- topic 75 topicPct 0.158469945192

Herzens verfliessen! Vielleicht werden sie nicht lange dauern. Soll ich denn nicht suchen, sie mit dem Überrest von Tugend auszufüllen, deren Ausübung noch in meiner Gewalt geblieben ist! Gedanke des Todes, wie wohltätig bist du, wenn du, von der Versicherung der Unsterblichkeit unserer Seele begleitet, zu uns kommst! wie lebhaft erweckest du das Gefühl unserer Pflichten, und wie eifrig machst du unsern Willen, Gutes zu tun? Dir danke ich die Überwindung meines Grams und die erneuerten Kräfte der Tugend meiner Seele! Du machtest mich mit Lebhaftigkeit den Entschluss fassen, meine letzten Tage mit edlen Gesinnungen auszufüllen und zu sehen, ob ich nicht auch hier Gutes tun kann. * Ja, ich kann, ich will noch Gutes tun; o! Geduld, du Tugend des Leidenden, nicht des Glücklichen, dem alle Wünsche gewähret sind, wohne bei mir und leite mich zu ruhiger Befolgung der Ratschlüsse des Schicksals! – Mühsam und einzeln sammlet man die Wurzeln und Kräuter, welche unsere leiblichen Übel heilen. Ebenso besorgt sollte man die Hülfsmittel unserer moralischen Krankheiten suchen; sie finden sich oft, wie jene, am nächsten Fusssteige von unserem Aufentalt. Aber wir sind gewohnt, das Gute immer in der Ferne zu suchen und das an der Hand liegende mit Verachtung zu übersehen. Ich machte es so; meine Wünsche und meine Klagen führten meine Empfindung weit von dem, was mich umgab; wie spät erkenne ich die Wohltat, eine ganze Rolle Papier mit mir gebracht zu haben, die mir bisher in den Sammlungsstunden meines Geistes so grosse Dienste getan hat. War es nicht Güte der Vorsicht, die mich auf meiner beschwerlichen Reise hieher vor aller Beleidigung schützte und mir alles erhielt, was mir in den Zeiten meiner Ruhe nützen konnte? * Emilia, heilige Freundschaft, geliebtes Andenken! dein Bild steigt aus dem Schutte meiner Glückseligkeit lächelnd empor. Tränen, viele Tränen kostest du mich. – Aber komm, diese Blätter sollen dir geweihet sein! Von Jugend auf ergossen sich meine geheimsten Empfindungen in dein treues zärtliches Herz; der Zufall kann diese Papiere erhalten, sie können dir noch zukommen, und du sollst darin sehen, dass mein Herz die Tugend des deinigen und seine Güte für mich niemals vergessen hat. Vielleicht benetzt einst die Zähre deiner freundschaftlichen Liebe diese Überbleibsel deiner unglücklichen Sophie. Auf meinem Grabe wirst du sie nicht weinen können; denn ich werde das Schlachtopfer sein, welches die Bosheit des Derby hier verscharret; und da der Gedanke an Tod und Ewigkeit meine Klagen und Wünsche endiget, so will ich dir noch den jähen Umsturz beschreiben, der mich in meine frühe Grube bringt. Ich konnte es nicht eher tun; ich wurde zu sehr erschüttert, so oft ich daran dachte. * Halb leblos bin ich hier angelangt, und drei Wochen in einer Gemütsverfassung gewesen, die ich nicht beschreiben kann; was ich in dem zweiten und dritten Monat meines Aufentalts war, zeigen die Stücke, die ich in meinen Erquickungsstunden schrieb. Urteilen Sie aber, Emilia, von der Zerrüttung meiner Empfindnisse, weil ich nicht beten konnte; ich rief auch den Tod nicht, aber in dem vollen Gefühl des Übermasses von Unglück, so mich betroffen, würde ich dem auf mich fallenden Blitz nicht ausgewichen sein. Ganze Tage war ich auf meinen Knien, nicht aus Unterwerfung, nicht, um Gnade vom Himmel zu erflehen; Stolz, empörter Stolz war mit dem Gedanken des unverdienten Elends in meine Seele gekommen. Aber, o meine Emilia, dieser Gedanke vermehrte mein Übel und verschloss jeder übenden Tugend meiner Umstände mein Herz; und übende Tugend allein kann den Balsam des Trosts in die Wunden der Seele träuflen. Ich empfand dieses das erstemal, als ich das arme fünfjährige Mädchen, die auf mich acht haben musste, mit Rührung ansah, weil sie sich bemühte, meinen niedergesunknen Kopf mit ihren kleinen Händen aufzurichten; ich verstund ihre Sprache nicht, aber ihr Ton und der Ausdruck ihres Gesichts war Natur und Zärtlichkeit und Unschuld; ich schloss sie in meine Arme und vergoss einen Strom von Tränen; es waren die ersten Trosttränen, die ich weinte, und in die Dankbarkeit meines Herzens gegen die Liebe dieses Geschöpfs mischte sich die Empfindung, dass Gott diesem armen Kinde die Gewalt gegeben hätte, mich die Süssigkeit des Mitleidens schmecken zu lassen. Von diesem Tage an rechne ich die Wiederherstellung meiner Seele. Ich fing nun an, dankbar die kleinen Brosamen von Glückseligkeit aufzusammlen, die hier neben mir im Staube lagen. Meine erschöpften Kräfte, die Schmerzen, welche mir das Haberbrot verursachte, liessen mich meinen Tod nahe glauben; ich hatte keinen Zeugen meines Lebens mehr um mich; ich wollte meinem Schöpfer ein gelassenes, ihn liebendes Herz zurückgeben, und dieser Gedanke gab den tugendhaften Triebfedern meiner Seele ihre ganze Stärke wieder. Ich nahm meine kleine Wohltäterin zu mir in den armen abgesonderten Winkel, den ich in der Hütte besitze, ich teilte mein Lager mit ihr, und von ihr nahm ich die erste Unterweisung der armen Sprache, die hier geredet wird. Ich ging mit ihr in die Stube meiner Hauswirte; der Mann hatte lang in den Bleiminen gearbeitet und ist nun aus Kränklichkeit unvermögend dazu geworden, bauet aber mit seiner Frau und Kindern ein kleines Stück Feld, das ihm der Graf Hopton nah an einem alten zerfallenen Schlosse gegeben, mit Haber und Hanf an; den Haber stossen sie mit Steinen zum Gebrauch klein, und der Hanf muss sie kleiden. Es sind arme gutartige Leute, deren ganzer