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uns gewöhnen, wie der weise Araber, froh zu sein, dass wir zu unserm Glück den Überfluss nicht nötig haben. Und wie edel können einst die Töchter des Herrn Rats die Würde ihres Hauses zieren, wenn die Zimmer mit schönen Zeichnungen, die Stühle und Ruhebänke mit Tapetenarbeit von ihren geschickten Händen bekleidet sein werden! Sollten Sie nach dieser edelmütigen Ergebung in Ihr Schicksal durch den Anblick des Reichen in eine traurige Vergleichung zwischen Ihren und seinen Umständen verfallen, so halten Sie sich nicht bloss an die Idee des Vergnügens, das der Reiche in seiner Pracht und Wollust geniesst, sondern wenden Sie Ihre Gedanken auf den Nutzen, den Kaufleute, Künstler und Handarbeiter davon haben; denn bei dem ersten Gedanken fühlen Sie nichts als Schmerzen der Unzufriedenheit mit Ihrem Geschicke, welches Sie alle dieser Freuden beraubte; aber bei der zweiten Betrachtung empfinden Sie das Vergnügen einer edeln Seele, die sich über das Wohl ihres Nächsten erfreut, und je kleiner Ihr Anteil an allgemeinem Glück ist, desto edler ist Ihre Freude.
Prüfen Sie das Mass der Fähigkeiten Ihrer Kinder, lassen Sie keines unbebauet, und so bescheiden sie in Kleidung und anderm Aufwand von Personen Ihres Standes sein mögen, so verwenden Sie alles auf die Erziehung. Zeichnen, Musik, Sprachen, alle schönen Arbeiten des Frauenzimmers für Ihre Töchter; für Ihre Söhne alle Kenntnisse, die man von wohlerzognen jungen Mannsleuten fodert. Flössen Sie beiden Liebe und Geschmack für die edle und unserm Geiste so nützliche Beschäftigung des Lesens ein, besonders alles dessen, was zu der besten Kenntnis unsrer Körperwelt gehört. Es ist eine Pflicht des guten Geschöpfs, die Werke seines Urhebers zu kennen, von denen wir alle Augenblicke unsers Lebens soviel Gutes geniessen; da die ganze physikalische Welt lauter Werke und Zeugnisse der Wohltätigkeit und Güte unsers Schöpfers in sich fasst, deren Anblick und Kenntnis das reinste und vollkommenste, keinem Zufall, keinem Menschen unterworfene Vergnügen in unsre Seele giesst. Je mehr Geschmack Ihre Kinder an der natürlichen Geschichte unsers Erdbodens, je mehr Kenntnisse sie von seinen Gewächsen, Nutzbarkeit und Schönheit erlangen, je sanfter ihre Gesinnungen, Leidenschaften und Begierden sein, und um so viel mehr wird ihr Geschmack am Edeln und Einfachen gestärkt und befestigt werden, und um so weiter entfernen sie sich Von der Idee, dass Pracht und Wollust das grösste Glück sei.
Die Geschichte der moralischen Welt sollen Ihre Kinder auch kennen; die Veränderungen, welche ganze Königreiche und erhabne Personen betroffen, werden sie zu Betrachtungen leiten, deren Wirkung die Zufriedenheit mit ihren eingeschränkten Umständen sein und den Eifer für die Vermehrung der Tugend ihrer Seele und der Kenntnisse ihres Geistes vergrössern wird; weil sie durch die Geschichte Enden werden, dass, Tugend und Talente allein die Güter sind, welche Verhängnis und Menschen nicht rauben können.
Heute abend sollen Ihre Kinder alle Bücher erhalten, welche zu Erlangung dieses Nutzens erforderlich sind. Der beste Segen meines Herzens wird den Korb begleiten, damit diese Arbeiten wohltätiger und liebenswürdiger Männer auch für sie eine Quelle nutzbarer Kenntnisse und der besten Vergnügungen ihres Lebens werden, gleichwie sie es für mich sind.
Noch eins bitte ich Sie, teure Madam T*. Suchen Sie ja keine Tischfreunde mehr. Beweisen Sie denen, so Ihnen in Ihrem Unglücke dienten, Ihre Dankbarkeit und Achtung, Freundschaft und alle Gesinnungen der Ehre; tun Sie nach allen Ihren Kräften andern Notleidenden Gutes und leben Sie mit Ihren Kindern ruhig und einsam fort, bis Ihr Umgang von Rechtschaffnen gesucht wird. Halten Sie Ihre heranwachsende Töchter, je mehr Schönheit, je mehr Talente sie haben werden, je mehr zu Hause; das Lob ihrer Lehrmeister und die Bescheidenheit und Klugheit ihrer Lebensart soll sie bekannt machen, ehe man mit ihren Gesichtern sehr bekannt sein wird. Ich bin überzeugt, dass Sie einst sehr zufrieden sein werden, dieser Phantasie Ihrer Freundin gefolgt zu haben.
Mylord Derby an seinen Freund in Paris
Heida, Brüderchen, rufen sich die Landsleute meiner Sternheim zu, wenn sie sich recht lustig machen wollen. Und weil ich meine englischen Netze auf deutschem Boden ausgesteckt habe, so will ich dir auch zurufen! Heida, Brüderchen! die Schwingen meines Vögelchens sind verwickelt! Zwar sind Kopf und Füsse noch frei, aber die kleine Jagd, welche auf der andern Seite nach ihr gemacht wird, soll sie bald ganz in meine Schlingen treiben und sie sogar nötigen, mich als ihren Erretter anzusehen. Vortrefflich war mein Gedanke, mich nach ihrem Geiste der Wohltätigkeit zu schmiegen und dabei das Ansehen der Gleichgültigkeit und Verborgenheit zu behalten. Beinahe hätte ich es zu lange anstehen lassen und die beste Gelegenheit versäumt, mich ihr in einem vorteilhaften Lichte zu zeigen; aber die Geschwätzigkeit ihrer Tante half mir alles einbringen.
In der letzten Gesellschaft bei Hofe wurden wir alle durch ein langes Gespräch der Sternheim mit dem Fürsten besonders aufmerksam gemacht; ich hatte ihren Ton behorcht, welcher süss und einnehmend gestimmt war, und da ich nachdachte, was das Mädchen vorhaben möchte, sah ich den Fürsten ihre Hände ergreifen und, wie mich dünkte, eine küssen. Der Kopf wurde mir schwindlicht, ich verlor meine Karten und legte mich voll Gift an ein Fenster; aber wie ich sie zum Spieltische ihrer Tante eilen und ihre Augen voller Bewegung und verwirrt auf das Spiel richten sah, näherte ich mich. Sie warf einen heftigen halbscheuen Blick nach mir. Ihre Tante Eng an: Sie sähe ihr an, dass sie mit dem Fürsten für den Rat T* geredet habe: das Fräulein bejahte es, sagte freudig, dass er