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. Daher suchte er sich selbst zu bemeistern und seiner Tochter zu zeigen, wie man das Unglück tragen müsse, welches die Besten am empfindlichsten rührt; und weil das Fräulein eine grosse Anlage von Verstand zeigte, beschäftigte er diesen mit der Philosophie nach allen ihren Teilen, mit der Geschichte und den Sprachen, von denen sie die englische zur Vollkommenheit lernte. In der Musik brachte sie es, auf der Laute und im Singen, zur Vollkommenheit. Das Tanzen, soviel eine Dame davon wissen soll, war eine Kunst, welche eher von ihr eine Vollkommenheit erhielt, als dass sie dem Fräulein welche hätte geben sollen; denn nach dem Ausspruch aller Leute gab die unbeschreibliche Anmut, welche die junge Dame in allen ihren Bewegungen hatte, ihrem Tanzen einen Vorzug, den der höchste Grad der Kunst nicht erreichen konnte. Neben diesen täglichen Übungen, erlernte sie mit ungemeiner Leichtigkeit alle Frauenzimmerarbeiten, und von ihrem sechszehnten Jahre an bekam sie auch die Führung des ganzen Hauses, wobei ihr die Tagund Rechnungsbücher ihrer Frau Mutter zum Muster gegeben wurden. Angeborne Liebe zur Ordnung und zum tätigen Leben, erhöht durch eine entusiastische Anhänglichkeit für das Andenken ihrer Mutter, deren Bild sie in sich erneuern wollte, brachten sie auch in diesem Stücke zu der äussersten Vollkommenheit. Wenn man ihr von ihrem Fleiss und von ihren Kenntnissen sprach, war ihre bescheidene Antwort: willige Fähigkeiten, gute Beispiele und liebreiche Anführungen haben mich so gut gemacht, als tausend andre auch sein könnten, wenn sich alle Umstände so zu ihrem Besten vereinigt hätten wie bei mir. – Übrigens war zu allem, was Engländisch hiess, ein vorzüglicher Hang in ihrer Seele, und ihr einziger Wunsch war, dass ihr Herr Vater einmal eine Reise dahin machen und sie den Verwandten ihrer Grossmutter zeigen möchte. So blühte das Fräulein von Sternheim bis nach ihrem neunzehnten Jahre fort, da sie das Unglück hatte, ihren würdigen Vater an einer auszehrenden Krankheit zu verlieren, der mit kummervollem Herzen seine Tochter dem Grafen Löbau und dem vortrefflichen Pfarrer in S. als Vormündern empfahl. An den letztern hat er einige Wochen vor seinem Tode folgenden Brief geschrieben. Herr von St. an den Pfarrer zu S * * Bald werde ich mit der besten Hälfte meines Lebens wieder vereinigt werden. Mein Haus und die Glücksumstände meiner Sophie sind bestellt; dies war das Letzte und Geringste, was mir für sie zu tun übrig geblieben ist. Ihre gute und gesegnete Erziehung, als die erste und wichtigste Pflicht eines treuen Vaters, habe ich nach dem Zeugnis meines Herzens niemals verabsäumt. Ihre mit der Liebe zur Tugend geborne Seele lässt mich auch nicht befürchten, dass Sie, in meine Stelle eintretender väterlicher Freund, den Sorgen und Verdrüsslichkeiten ausgesetzt sein werden, welche gemeindenkende Mädchen in ihren Familien machen. Besonders wird die Liebe, bei aller der Zärtlichkeit, die sie von ihrer würdigen Mutter geerbt hat, wenig Gewalt über sie erhalten; es müsste denn sein, dass das Schicksal einen nach ihrer Phantasie tugendhaften Mann1 in die Gegend ihres Aufentalts führte. Was ich Sie, mein teurer Freund, zu besorgen bitte, ist, dass das edeldenkende Herz des besten Mädchens durch keine Scheintugend hingerissen werde. Sie fasst das Gute an ihrem Nebenmenschen mit so vielem Eifer auf und schlüpft dann über die Mängel mit so vieler Nachsicht hinweg, dass ich nur darüber mit Schmerzen auf sie sehe. Unglücklich wird keine menschliche Seele durch sie gemacht werden; denn ich weiss, dass sie dem Wohl ihres Nächsten tausendmal das ihrige aufopfern würde, ehe sie nur ein minutenlanges Übel auf andre legte, wenn sie auch das Glück ihres ganzen eignen Lebens damit erkaufen könnte. Aber da sie lauter Empfindung ist, so haben viele, viele die elende Macht, sie zu kränken. Ich habe bis jetzt meine Furcht vor dem Gemütscharakter der Gräfin Löbau geheimgehalten; aber der Gedanke, meine Sophie bei ihr zu wissen, macht mich schaudern; die äusserliche Sanftmut und Güte dieser Frau sind nicht in ihrem Herzen: der bezaubernd angenehme Witz, der feine gefällige Ton, den ihr der Hof gegeben, verbergen viele moralische Fehler. Ich wollte meiner Tochter niemals Misstrauen in diese Dame beibringen, weil ich es für unedel und auch, solang ich meiner Gesundheit genoss, für unnötig hielt. Aber wenn meine teure Frau Schwiegermutter auch unter der Last von Alter und Kummer erliegen sollte so nehmen Sie meine Sophie in Ihren Schutz! Gott wird Ihnen diese Sorge erleichtern helfen, indem ich hoffe, dass er das letzte Gebet eines Vaters erhören wird, der für sein Kind nicht Reichtum, nicht Grösse, sondern Tugend und Weisheit erbittet. Vorsehen und verhindern kann ich nichts mehr. Also übergebe ich sie der göttlichen Güte und der treuen Hand eines versuchten Freundes. – Doch trenne ich mich leichter von der ganzen Erde als von dem Gedanken an meine Tochter. Ich erinnere mich hier an eine Unterredung zwischen uns, von der Stärke der Eindrücke, die wir in unsrer Jugend bekommen. Ich empfinde würklich ein Stück davon mit aller der Macht, die die Umstände dazu beitragen. Mein Vater hatte mir zwo Sachen sehr eingeprägt, nämlich die Gewissheit des Wiedervergeltungsrechts und den Lehrsatz der Wohltätigkeit unsers Beispiels. Die Gründe, welche er dazu anführte, waren so edel, sein Unterricht so liebreich, dass es notwendigerweise in meiner empfindlichen Seele haften musste. Von dem ersten bin ich seit langer Zeit wieder eingenommen, weil er mir oft sagte, dass der Kummer oder das Vergnügen, die ich ihm geben würde, durch meine Kinder an mir