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Niemals, meine Liebe, niemals – aber du könntest es werden, wenn Vorurteile mehr als Tugend und Vernunft bei dir gälten."
"Bruder, du verwirrest mich! in was für einem Falle sollte ich der Tugend und Vernunft entsagen?"
"Du musst es nicht so nehmen! Der Fall, den ich denke, ist nicht wider Tugend und Vernunft; und doch könnten beide ihre Ansprüche bei dir verlieren?" –
"Bruder, rede deutlich; ich bin entschlossen nach meinen geheimsten Empfindungen zu antworten." –
"Sophie, die Versicherung, dass dein Herz ohne Bündnis sei, erlaubt mir, dich zu fragen: was du tun würdest, wenn ein Mann, voll Weisheit und Tugend dich liebte, um deine Hand bäte, aber nicht von altem Adel wäre?" –
Sie geriet bei diesem letzten Wort in Schrecken, sie zitterte und wusste sich nicht zu fassen. Der Baron wollte ihr Herz nicht lange quälen, sondern fuhr fort: "Wenn dieser Mann der Freund wäre, dem dein Bruder die Güte und Glückseligkeit seines Herzens zu danken hätte –, Sophie; was würdest du tun?"
Sie redete nicht, sondern ward nachdenkend und wechselsweise rot und blass.
"Ich beunruhige dich, meine Schwester; der Oberste liebt dich. Diese Leidenschaft macht seine Schwermut; denn er zweifelt, ob er werde angenommen werden. Ich bekenne dir freimütig, dass ich wünschte, alle seine mir erwiesne Wohltaten durch dich zu vergelten. Aber wenn dein Herz darwider ist, so vergiss alles, was ich dir sagte."
Das Fräulein bemühete sich einen Mut zu fassen; schwieg aber eine gute Weile; endlich fragte sie den Baron: "Bruder, ist es gewiss, dass der Oberste mich liebt?" – Der Baron erklärte ihr hierauf alles, was er durch seine Unterredungen mit dem Obersten, und endlich durch die Wünsche, welche seine Gemahlin gehört hatte, von seiner Liebe wusste.
"Mein Bruder", sprach Sophie, "ich bin freimütig, und du verdienst alle mein Vertrauen so sehr, dass ich nicht lange warten werde, dir zu sagen, dass der Oberste der einzige Mann auf Erden ist, dessen Gemahlin ich zu werden wünsche."
"Der Unterschied der Geburt ist dir also nicht anstössig?"
"Gar nicht; sein edles Herz, seine Wissenschaft, und seine Freundschaft für dich, ersetzen bei mir den Mangel der Ahnen."
"Edelmütiges Mädchen! du machst mich glücklich durch deine Entschliessung, liebste Sophie! – Aber warum batest du mich, dir nichts vom Heiraten zu sagen?"
"Weil ich fürchtete, du redetest von einem andern", sagte sie mit leisem Ton, indem ihr glühendes Gesicht auf der Schulter ihres Bruders lag –
Er umarmte sie, küsste ihre Hand; "diese Hand", sagte er, "wird ein Segen für meinen Freund sein! von mir wird er sie erhalten! Aber, mein Kind, die Mama und Charlotte werden dich bestreiten; wirst du standhaft bleiben?"
"Bruder, du sollst sehen, dass ich ein engländisches Herz habe. – Aber da ich alle deine Fragen beantwortete, so muss ich auch eine machen: Was dachtest du von meiner Traurigkeit, weil du mich so oft fragtest?" –
"Ich dachte, eine heimliche Liebe, und ich fürchtete mich vor dem Gegenstand, weil du so verborgen warest."
"Mein Bruder glaubte also nicht, dass die Briefe seines Freundes, die er uns vorlas, und alles übrige, was er von dem teuren Mann erzählte, einen Eindruck auf mein Herz machen könnte?"
"Liebe Sophie, es war also das Verdienst meines Freundes, was dich so beunruhigte? – Glücklicher Mann, den ein edles Mädchen wegen seiner Tugend liebt! – Gott segne meine Schwester für ihre Aufrichtigkeit! nun kann ich das Herz meines Freundes von seinem nagenden Kummer heilen."
"Tu alles, mein Bruder, was ihn befriedigen kann; nur schone meiner dabei! du weisst, dass ein Mädchen nicht ungebeten lieben darf."
"Sei ruhig, mein Kind; deine Ehre ist die meinige."
Hier verliess er sie, ging zu seiner Gemahlin und teilte ihr das Vergnügen dieser Entdeckung mit. Sodann eilte er zum Obersten, welchen er traurig und ernstaft fand. – Mancherlei Unterredungen, die er anfing, wurden kurz beantwortet. Eine tödliche Unruhe war in allen seinen Gebärden. – "Habe ich Sie gestört, Herr Oberster?" sagte der Baron mit der Stimme der zärtlichsten Freundschaft eines jungen Mannes gegen seinen Führer, indem er den Obersten zugleich bei der Hand fasste.
"Ja, lieber Baron, Sie haben mich in der Entschliessung gestört, auf einige Zeit wegzureisen."
"Wegzureisen? und – allein? –"
"Lieber P., ich bin in einer Gemütsverfassung, die meinen Umgang unangenehm macht; ich will sehen, was die Zerstreuung tun kann."
"Mein bester Freund! darf ich nicht mehr in Ihr Herz sehen? kann ich nichts zu Ihrer Ruhe beitragen?"
"Sie haben genug für mich getan! Sie sind die Freude meines Lebens. – Was mir jetzt mangelt, muss die Klugheit und die Zeit bessern."
"Sternheim, Sie sagten letzt von einer zu bekämpfenden Leidenschaft. – Ich kenne Sie; Ihr Herz kann keine unanständige, keine böse Leidenschaft nähren; es muss Liebe sein, was die Qual Ihrer Tage macht!"
"