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den Vorbereitungen zu eurer Bestimmung – oder mit ihrer würklichen Erfüllung. Bewerbet euch um die Verdienste, von denen die Hochachtung der Vernünftigen und der Nachwelt die Belohnung ist; und um die Tugend, welche allein den innerlichen Wohlstand unsers Wesens ausmacht – Haltet ein, Herr Sittenlehrer, rufet ihr; das ist nicht was wir von euch hören wollten, alles das hat uns Claville besser gesagt, als ihr es könntet, und Abbt besser als Claville – – euer Mittel gegen die Liebe? – – Mittel gegen die Liebe? dafür behüte uns der Himmel! – – oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie bei allen moralischen Quacksalbern, und – – in allen Apoteken. Unser Rat geht gerade auf das Gegenteil. Wenn ihr ja lieben wollt oder müsst – – nun, so kommt alles, glaubet mir, auf den Gegenstand an – – Findet ihr eine Aspasia, eine Leontium, eine Ninon – – so bewerbet euch um ihre Gunst, und, wenn ihr könnt, um ihre Freundschaft. Die Vorteile, die ihr daraus für euern Kopf, für euern Geschmack, für eure Sitten – – ja, meine Herren, für eure Sitten, und selbst für die Pflichten eurer Bestimmung, von einer solchen Verbindung ziehen werdet, werden euch für die Mühe belohnen – – Gut! Aspasien! Ninons! die müssten wir im ganzen Europa aufsuchen – – Das raten wir euch nicht; die Rede ist nur von dem Falle, wenn ihr sie findet – – Aber, wenn wir keine finden? – So suchet die vernünftigste, tugendhafteste und liebenswürdigste Frau auf, die ihr finden könnet – – Hier erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu ersparen) unter den Schönsten; ist sie liebenswürdig, so wird sie euch desto stärker einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verführen; ist sie klug, so wird sie sich von euch nicht verführen lassen. Ihr könnet sie also ohne Gefahr lieben- – Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht; die Frage ist, wie wir uns von ihr lieben machen – – Allerdings, das wird die Kunst sein; der Versuch ist euch wenigstens erlaubt; und wir stehen euch dafür, wenn sie und ihr jedes das seinige tut, so werdet ihr euern Roman zehen Jahre durch in einer immer nähernden Linie fort führen, ohne dass ihr dem Mittelpunct näher sein werdet als anfangs – – Und das ist alles, was wir euch sagen wollten.
Fünftes Capitel
Schwachheit des Agaton; unverhoffter Zufall, der
seine Entschliessungen bestimmt
Wir kommen zu unserm Agaton zurück, den wir zu Ende des dritten Capitels auf dem Wege nach dem Haven von Smyrna verlassen haben.
Man konnte nicht entschlossener sein, als er es beim Ausgehen war; das erste Fahrzeug, das er zum Auslaufen fertig antreffen würde, zu besteigen, und hätte es ihn auch zu den Antipoden führen sollen. Allein – – so gross ist die Schwäche des menschlichen Herzens! – – da er angelangt war, und eine Menge von Schiffen vor den Augen hatte, welche nur auf das Zeichen den Anker zu heben wartete: So hätte wenig gefehlt, dass er wieder umgekehrt wäre, um, anstatt vor der schönen Danae zu fliehen, ihr mit aller Sehnsucht eines entflammten Liebhabers in die Arme zu fliegen.
Doch, wir wollen billig sein; eine Danae verdiente wohl, dass ihn der Entschluss sie zu verlassen, mehr als einen flüchtigen Seufzer kostete; und es war sehr natürlich, dass er, im Begriff seinen tugendhaften Vorsatz ins Werk zu setzen, einen Blick ins Vergangene zurückwarf, und sich diese Glückseligkeiten lebhafter vorstellte, denen er nun freiwillig entsagen wollte, um sich von neuem, als ein im Ocean der Welt herumtreibender Verbannter, den Zufällen einer ungewissen Zukunft auszusetzen. Dieser letzte Gedanke machte ihn stutzen; aber er wurde bald von andern Vorstellungen verdrängt, die sein gefühlvolles Herz weit stärker rührten als alles was ihn allein und unmittelbar anging. Er setzte sich an die Stelle der Danae. Er malte sich ihren Schmerz vor, wenn sie bei ihrer Wiederkunft seine Flucht erfahren würde. Sie hatte ihn so zärtlich geliebt! – – Alles Böse, was ihm Hippias von ihr gesagt, alles was er selbst hinzugedacht hatte, konnte in diesem Augenblick die Stimme des Gefühls nicht übertäuben, welches ihn überzeugte, dass er wahrhaftig geliebt worden war. Wenn die Grösse unsrer Liebe das natürliche Mass unsrer Schmerzen über den Verlust des Geliebten ist, wie unglücklich musste sie werden! Das Mitleiden, welches diese Vorstellung in ihm erregte, machte sie wieder zu einem interessanten Gegenstand für sein Herz. Ihr Bild stellte sich ihm wieder mit allen den Reizungen dar, deren zauberische Gewalt er so oft erfahren hatte. Was für Erinnerungen! Er konnte sich nicht erwehren, ihnen etliche Augenblicke nach zuhängen; und fühlte immer weniger Kraft, sich wieder von ihnen loszureissen. Seine schon halb überwundene Seele widerstand noch, aber immer schwächer. Amor, um desto gewisser zu siegen, verbarg sich unter die rührende Gestalt des Mitleidens, der Grossmut, der Dankbarkeit – – Wie? er sollte eine so inbrünstige Liebe mit so schnödem Undank erwidern? Einer Geliebten, in dem Augenblick, da sie in die getreue Arme eines Freundes zurück zu eilen glaubt, einen Dolch in diesen Busen stossen, welcher sich von Zärtlichkeit überwallend an den seinigen drücken will? – – in der Tat, eine rührende Vorstellung; und wie viel mehr wurde sie es noch durch