diesem volk hab' ich schon gedacht: er war von solchem Nachdruck, dass kein Bürger, wie grosse Dienste er dem staat geleistet hatte, jemahls darnach streben konnte, ohne die verdiente Strafe zu erhalten. über alles dieses sieht man noch die Staaten, wo das Volk die herrschaft hat, sich in einer äusserst kurzen Zeit zu der grössesten Höhe empor schwingen, zu einer viel grösseren, als sie unter Fürsten je vorher gelanget waren: wovon Rom ein Beispiel gibt, nach der Verbannung der Könige; und Aten, nach der Befreiung von den Pysistraten. Dieses aber kann nur daher kommen, dass das Regiment des Volkes besser als das Regiment der Fürsten ist ...
Alles zusammen genommen, was die geschichte der Nationen über diesen Gegenstand entält, wird sich folgendes ergeben: dass von einem Fürsten, den gesetz binden; und von einem volk in demselben Falle, dieses jenen weit an Tugenden und grossen Eigenschaften übertrifft; und, dass wo beide ungebunden sind, die Vergehungen des Volkes, sowohl an Grösse als an Zahl, geringer sich befinden, und denselben auch mit hülfe noch viel eher beizukommen ist. Eine ausgelassene, tobende Menge kann durch einen weisen Mann besänftigt, und ohne Mühe auf den guten Weg zurück geführt werden; an einen schlimmen Fürsten aber wird sich niemand wohl mit einer Rede wenden; eher mit dem Dolch. Nichts kann hülfe gegen ihn gewähren, als die äusserste Gewalt. Auch furchtet man bei einem aufgebrachten volk nicht sowohl die Torheiten die es begehen kann, und ein gegenwärtiges Uebel, als die schlimmen Folgen; da aus einer solchen Zerrüttung leicht ein Tyrann hervorgehen kann. Bei dem bösen Fürsten ist es umgekehrt; man furchtet das gegenwärtige, und hoft auf die Zukunft: ob nicht aus so vielen Ungerechtigkeiten Freiheit wieder auferstehen möchte. Der Grimm des Volkes ist nur gegen die gerichtet, die es in dem Seinigen verletzen wollen; der Grimm des Fürsten gegen jeden der auf Rechte sich verlassen will. Aber darum ist dem Volk das allgemeine Vorurteil zuwider, weil ein jeder frei und ohne was zu furchten, Böses von ihm reden kann, in der Mitte selbst von seiner herrschaft; von den Fürsten wird im Gegenteü mit Schüchternheit und Ehrfurcht stets geredet.
Le partage du brave homme est d'expliquer librement ses pensees. Celui qui n'ose regarder fixement les deux poles de la vie 25 humaine, la religion & le gouvernement, n'est qu'un lache.
Voltaire.
Footnotes:
1 Vorrede. J Statt der Vorrede, voraus geht eine Vorerinnerung. Johann von Müller sandte mir im Mai 1782 seine Schrift: Reisen der Päpste. Ich fand sie so gehaltreich und so zeitgemäss, dass ich mich sogleich entschloss, ihre Verbreitung und Würdigung durch eine umständliche Anzeige in dem Hamburger Correspondenten zu befördern. Allein Reimarus, der nun auch verewigte, welchem ich diese Anzeige zugeschickt, konnte die Aufnahme derselben in den Correspondenten nicht erlangen, da seine Obrigkeit sich scheute, den Druck eines Aufsatzes zu gestatten, der eine, dem Kaiser Joseph wahrscheinlich missfällige, Schrift empfahl. Ich nahm also meine Arbeit zurück, führte sie aber noch weiter aus, und liess sie in demselben Jahre zu Berlin drukken, nachdem sie, was wohl zu bemerken ist, die Prüfung der Censurbehörde ganz unversehrt bestanden hatte. / Für gegenwärtige neue Ausgabe gedacht ich an dieser Schrift verschiedenes zu ändern. Ein Freund, dessen Urteilen ich traue, hat es gehindert. Beinahe in demselben Alter, wie Voltaire, da er die letzte Ausgabe seiner Tragödien besorgte, nehme ich Rat, wie er. Aber sein Ratgeber drang auf mehr Aenderung, als Voltaire'n lieb war; der meinige beredet mich stehen zu lassen, was ich anders wünschte. / Diese neue Ausgabe unterscheidet sich daher von der ersten grösstenteils nur dadurch, dass hier die meisten Noten der ersten als entbehrlich weggelassen und die übrigen zum teil abgekürzt, zum teil auch in den Text aufgenommen sind. Die Gedanken Verschiedener u.s.f. und die Erinnerungen gegen die Gedanken u.s.f. sind zuerst im deutschen Museum 1783 gedruckt worden, und erscheinen hier im Anhange, grösstenteils unverändert wieder. Der Verfasser des ersten Briefes in diesem Anhange ist der Münsterische Minister Freiherr von Fürstenberg, dessen Andenken kürzlich mein Freund Dohm in dem ersten Teile seiner Denkwürdigkeiten so schön erneuert hat. Dass Mendelssohn der Gegner war, gegen welchen die Erinnerungen gerichtet sind, habe ich schon anderswo bemerkt.
1 Die Zahlen verweisen auf die Anmerkungen hinter dieser Schrift.
1 Lettre sur l'homme & ses rapports pag. 157. Man sehe ferner Montesquieu de l'esprit des loix. Liv. III. Chap. V. verglichen mit dem III. Abschnitt desselbigen Buches, wo es unter andern heisst: »Die Griechischen Staatsmänner wussten von keiner andern Stärke um darauf sich zu vdrlassen, als von der Stärke der Tugend. 35 Unsre Staatsmänner reden nur von Manufacturen, von Handlung und Gewerbe, von öffentlichen Einkünften, von Reichtümern, und sogar von Ueppigkeit und Pracht.«
1 Man sehe das Urteil eines Zeitgenossen Xenophons von diesem Sparta im 35 VIten buch der Republik.
1 Im IVten Cap. des I. buches verteidigt Machiavell die Römische Republik gegen die Vorwürfe die man ihr wegen ihrer innerlichen Unruhen macht, indem er zeigt, dass man damit zugleich die Ursache ihrer besten Anordnungen und gesetz, und den edlen Geist des Volkes selbst verdammt. Er zeiget auch, dass diese Unruhen, so lange die