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ebenfalls gesetz bildeten; und da wird sich finden, dass ein solches Volk nicht minder gut ist als ein solcher König; dass es weder kriechend dient noch ausgelassen herrscht. So war das Römische beschaffen, welches, so lange das gemeine Wesen unverdorben blieb, weder je sich niederträchtig demütigte, noch sich ausgelassen überhob; sondern in dem Wege der Ordnung und der gesetz seine Würde mit Anstand behauptete.War es nötig, einem Mächtigen zu widerstehen, so trat es auf, wie dies beim Manlius, bei den Zehn-Männern, und bei mehrern zu sehen ist, die im Sinne hatten, es zu unterdrücken. Erforderte das allgemeine Wohl Gehorsam, so war es dem Dictator oder Consul sich zu, unterwerfen immer willig. Dass es den Verlust des Manlius beklagte, darf uns nicht so sehr befremden, da in ihm ein Mann von grossen Tugenden verlohren ging, so dass niemand ohne herzliche Bewegung daran denken konnte. Eben dieses würde einem Fürsten auch begegnet sein, da, nach einer allgemeinen Bemerkung, die Tugend auch an Feinden noch bewundert und gelobt wird. Wäre Manlius unter diesen Klagen wieder auferstanden, es würde ihm nicht besser doch ergangen sein als damahls, da ihn das Volk aus dem Gefängnisse befreite, und ihm kurz darauf nichts desto weniger das Todes-Urteil sprach. Nicht zu gedenken, dass auch Fürsten die den Ruhm der Weisheit hatten, öfter jemand aus dem Wege räumten, den sie bitterlich hernach beklagten, wie den Clitus und andre seiner Freunde Alexander, und Mariamnen Herodes.

Was aber unser Geschichtschreiber von der natur des Volkes sagt, das sagt er nicht von einem solchen, welches nach Gesetzen lebt, wie das Römische, sondern von einem losen Haufen wie der Pöbel zu Syrakus, welcher Verbrechen beging, wie sie rasende und ausgelassene Menschen begehen; dergleichen auch in den angeführten Fällen die von Alexander und Herodes waren. Darum ist es ungerecht, die Menge härter anzuklagen als die Fürsten, weil einer wie der andre sich vergeht, sobald es ungestraft geschehen kann. Hievon gibt es, ausser denen, die ich anführte, noch eine Menge andrer Beispiele, sowohl unter den Römischen Kaysern, als unter andern Fürsten und Tyrannen, welche so viel Leichtsinn, Wankelmut und Unbeständigkeit bewiesen haben, als bei irgend einem volk ist gefunden worden.Woraus ich denn die Folge ziehe, dass die gemeine Meinung irrig sei, wenn sie einem herrschenden volk den Leichtsinn, die Unbeständigkeit und den Wankelmut zur Last legt, indem es von diesen Gebrechen nicht

mehr als auch einzelne Fürsten an sich hat: will man gegen beide gleiche Klage fuhren, so mag es mit Gerechtigkeit geschehen können; nimmt man die Fürsten aber aus, so ist es unrecht. Denn

ein herrschendes Volk, dessen Verfassung gut ist, wird an Standhaftigkeit, Weisheit und Grossmut, jedem Fürsten gleich sein, ja den besten und weisesten noch übertreffen. Auf der andern Seite wird ein Fürst, den keine gesetz binden, in Leichtsinn, Wankelmut und Niederträchtigkeit, sich ärger als die ärgste Menge zeigen. Die Verschiedenheit ihrer Aufführung liegt in keinem Unterschiede der natur, denn diese ist in beiden gleich, oder wenigstens besitzt die bessere das Volk; sondern sie liegt einzig und allein in dem verschiedenen Grade ihrer Unterwerfung unter die gesetz. Man wende nur auf Rom die Augen, wo das Volk vierhundert Jahre lang den königlichen Nahmen unbeweglich hasste, und allein die Ehre und das Beste seines Vaterlandes suchte; man verfolge seine übrige geschichte, und es werden sich für alles dies die sprechendsten Beweise finden.

Wollte jemand die Undankbarkeit dieses Volkes gegen den grossen Scipio wider mich anführen, so verweise ich denselben auf dasjenige was über diese Materie weitläufig oben abgehandelt worden ist, wo ich erwiesen habe, dass Völker weniger undankbar als Fürsten sind. Was aber die Klugheit und die Standhaftigkeit angeht, so behaupte ich vom volk, dass es klüger, standhafter, im beurteilen geschickter ist als Fürsten, weswegen seine stimme nicht ohne Grund die stimme Gottes genannt wird. Denn man sieht, dass eine allgemein verbreitete Meinung von wunderbarer Vorbedeutung ist, so dass es scheint, das Volk besitze eine verborgene Gabe, sein Glück und Unglück vorher zu sehen. Was das gute Urteil anbelangt, so wird man äusserst selten finden, wenn ein Volk zwei entgegen gesetzte Redner von gleicher Stärke hört, dass es sich nicht auf die gute Seite schlagen und die Wahrheit fassen sollte die ihm vorgetragen wird. Und wenn es auch von Dingen, die ein hohes glänzendes Ansehn haben, leicht betört wird, oder sich durch einen falschen Schein von Nützlichkeit betrügen lässt: (wie vorhin erinnert wurde. C. LIM.) werden nicht die Fürsten auch von ihren Leidenschaften hintergangen, die in weit grösserer Anzahl sind, als die Leidenschaften eines volkes? Auch in der Ernennung zu Staatsbedienungen sehen wir dasselbe eine viel bessere Wahl treffen, als die Fürsten. niemals wird ein Volk sich überreden lassen, dass es gut sei, einen ehrlosen Mann und von ganz verdorbenen Sitten in die wichtigsten Geschäfte einzulassen, aber leicht und durch tausend Mittel kann ein Fürst dazu bewogen werden. Ferner sieht man bei dem volk, dass es in einem gegründeten Abscheu viele Jahrhunderte beharren kann, welches nie von Fürsten zu erwarten ist. Für beide letztere Behauptungen

sei mir Rom allein genug, welches in so vielen hundert Jahren, unter einer solchen Menge von ernannten Consuln und Tribunen, kaum viermahl so erwählte, dass es Grund zur Reue hatte. Des dauerhaften Hasses gegen den Königlichen Nahmen unter