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Leben und die Wohlfahrt der Bürger, Leuten anzuvertrauen, die einem so wichtigen Geschäfte nicht mehr gewachsen sind.

11) Zu Seite 86.

Aesopus erzählt vom einem mann, der einen Neger gekauft hatte, und seine schwarze Farbe für einen Zufall hielt, welchen ihm die üble Behandlung seines ersten Herrn zugezogen hätte. Er liess ihn Bäder, Getränke, alle nur ersinnliche Mittel gebrauchen. Lange fuhr er hierinn mit der grössten Sorgfalt fort. Umsonst! Der Neger verlor davon die schwarze Farbe nicht; aber er verlor die Gesundheit und zuletzt das Leben.

An diese Fabel erinnert Montaigne in dem Capitel von der Aehnlichkeit der Väter mit den Kindern, wo er hauptsächlich nur von seinem Abscheu gegen die Arzeneimittel handelt. Einige der treffendsten Stellen, die sich vollkommen auf den politischen körper anwenden lassen, will ich übersetzen.

Ich habe ein schlechtes Zutrauen, sagt Montaigne, zu jenen Erfindungen unseres Witzes, unserer Wissenschaften und Künste, denen wir zu Liebe die natur und ihre gesetz verlassen haben, und denen wir uns ohne Maass und ohne Einschränkung dahin geben. Eben so wie jedes Gemengsel von Gesetzen, welches uns zuerst in die hände fällt, und wovon die Absicht und der Inhalt nicht selten eben so albern ist als ungerecht, mit dem Nahmen des Rechts von uns belegt wird: Eben so nennen wir auch Heilungskünde, was uns in der Tat doch nicht zu heilen weiss. Man erweckt das Uebel und setzt es in Bewegung, durch den Widerstand, den man ihm tun will; da im Gegenteü ein gehöriges Betragen, welches das Uebel allmählich schwächte und von selbst zu Ende gehen liesse, der Sache angemessener wäre. Die gewaltigen Hiebe, welche sich die Arzenei und das Uebel einander beibringen, gereichen immer zu unserem Nachteil, weil der Krieg in uns selbst geführt wird und der hülfe nicht zu trauen ist. Denn die Arzenei ist von natur unserer Gesundheit zuwider; diese muss zerrüttet sein, wenn jene zugelassen werden soll. Sähen wir doch lieber ein wenig zu! Eben die Ordnung, welche für Floh und Maulwurf sorgt, würde auch für uns sorgen, wenn wir Geduld hätten. Wir mögen: voran! schreien, so viel wir wollen; einen rauhen Hals können wir dabei gewinnen, aber auch nichts weiter. Sie ist gewaltig, diese Ordnung, und unerbittlich; unsere Furcht, unsere Verzweiflung erregt ihren Unwillen, und verspätet ihre hülfe, denn sie muss jedem Dinge seinen gang lassen, und kann nie bestochen werden. Um Gottes willen also, lasst uns folgen, lasst uns folgen! Wer ihr folgt den leitet sie; die ihr nicht folgen, die reisset sie hinweg, unbekümmert um ihre Wut, und mit allen ihren Mitteln.

Zum Beschluss.

Aus den Betrachtungen des Machiavell über

die erste Decade des Titus Livius.

DAS LVIII. CAPITEL

des ersten Buches

betitult:

Das Volk ist weiser und standhafter als ein Fürst.

Dass nichts so leichtsinnig und so unbeständig sei wie der grosse Haufe, dies versichert, mit allen andern Geschichtschreibern, auch unser Titus Livius. Er und sie alle fällen dieses Urteil, weil in der Erzählung menschlicher begebenheiten es öfter vorkömmt, dass ein Volk jemand zum tod verurteilt, hernach ihn beweint und mit sehnsucht zurückwünscht; welches auch dem Römischen volk in Absicht des Manlius Capitolinus begegnete, den es zum tod verurteilt hatte und seinen Verlust hernach aufs äusserste beklagte. Hier sind die eigenen Worte des Livius: Kurz nachher, da das Volk keine Gefahr mehr von ihm befürchtete, war es voll Verlangen, ihn wieder zu besitzen. Und an einem andern Orte, wo er die begebenheiten darstellt, die sich aus

dem tod des Hieronymus, eines Neffen des Hiero entwickelten, sagt er: dies ist die natur der Menge, dass sie entweder kriechend dient, oder ausgelassen herrschet. Es mag viel gewagt heissen, wenn ich mich einer Sache annehme, gegen welche alle Schriftsteller (wie ich schon erinnert habe) aufgetreten sind; sie könnte so voll Schwierigkeiten sein, dass ich sie entweder mit Schande verlassen, oder bei der Rettung unterliegen müsste. Sei es darum wie es wolle, ich behaupte meine Meinung, und werde niemals glauben können, dass ich unrecht daran tue, wenn ich sie, nicht durch Gewalt und Ansehen, sondern allein durch Gründe unterstütze.

Ich sage also, dass man alle Menschen, jeden insbesondere, die Fürsten aber noch am allermehrsten, eben der Fehler beschuldigen könne, welche jene Schriftsteller an dem volk tadeln. Keiner, wenn die Schranken der gesetz weichen, der nicht eben das beginge, was der ausgelassene Haufe sich erlaubt. Und wem Hegt nicht dies vor Augen, da die Menge der Fürsten die da leben und gelebet haben, so unendlich gross; die Anzahl der weisen und guten

unter ihnen aber so unendlich klein ist. Ich rede nur von denen Fürsten, denen es gelungen ist, den Zügel der gesetz der sie leiten sollte, zu zerreissen; nicht von jenen Königen Aegyptens aus dem höchsten Altertum, da sich dieses Reich noch an gesetz hielt; nicht von den Königen zu Sparta, noch von denen die in 5 unseren Tagen (im 15ten Jahrhundert) Frankreich über sich gebieten lässt, weil in diesem Königreiche die gesetz mehr vermögen, als in irgend einem das wir kennen. Könige die in einem solchen Staat gebohren werden, dürfen nicht wie Menschen, die nur ihren Trieben überlassen sind, betrachtet, und mit einem grossen Haufen eben dieser Art verglichen werden: Ihnen gegenüber muss ein Volk gestellet werden, welches