Einsicht ausgebreitet und geschärft, der ganze Mensch auf das kräftigste gebildet. Noch mehr: Um gehört und leicht befolgt zu werden, muss ein jeder der nach Einfluss strebt, um guten Ruf bekümmert sein; er muss bei dem Mangel anderer Gewalt, das Ansehen der Rechtschaffenheit und Klugheit; er muss die Majestät der Weisheit und der Tugend zu erwerben suchen. Wenn auf diese Weise grosse Eigenschaften der Seele und des Geistes unter einem volk häufiger entstehen, so, dass auch die Menge, nicht die Früchte bloss davon geniesst, sondern selbst in ihrem Maasse denken, selber Anteil nehmen lernt am Ganzen; lernet Dinge schätzen und nach ihrem Werte ordnen; gewinnet Billigkeit, Gefühl der Rechte menschlicher natur, und zu diesen Rechten Herz, Freudigkeit und Mut: - Wenn dies alles mit der Sache, welche Zögerungen nach sich zieht, genau verbunden ist ... O, wer möchte da nicht gerne harren! wer nicht gerne tausend eitle Dinge missen, tausend Unbequemlichkeiten dulden, und wenn es ein Mann ist, auch den grössesten Gefahren gern entgegen sehen?
Sokrates fragt beim Plato den Adimant: Aber, um Gottes willen, sage mir: sollen wir denn auch über die Verträge, welche Käufer und Verkäufer unter sich schliessen, oder welche Hand-Arbeit betreffen; imgleichen ... wenn etwa auf Märkten oder in Häfen ein Zoll aufzuerlegen oder einzutreiben ist; kurz über alle den Handel angehende Rechte, in der Stadt oder im Hafen; sollen wir über diese und ähnliche Dinge, wie sie Nahmen haben, uns unterfangen, etwas durch gesetz zu verordnen? Adim. Keines-weges geziemt es sich, guten, braven Männern dergleichen zu
gebieten. Die mehrsten Verordnungen, welche hierüber zu machen sind, werden sie leicht selber finden. Sokrates: Allerdings, mein Freund, wenn anders Gott sie bei unsern oben angeführten heilsamen Gesetzen erhält. Adim: Wo nicht; so werden sie ihr Leben damit zubringen, eine Menge von Gesetzen zu geben, und dieselben immer zu verbessern, in der Meinung, endlih das beste zu treffen. Sokrates: Du willst sagen, dass solche Leute denen Kranken ähnlich sind, die wegen ihrer Unentaltsamkeit ihre schädliche Lebensart nicht ändern wollen. Adim: Eben das. Sokrates: Sie treiben es auf eine lächerliche Weise. Durch alle Heilungsmittel erlangen sie nichts, als dass sie mannichfaltigere und schwerere Uebel sich zuziehen; und doch hoffen sie bei jeder neuen Arzenei, die man ihnen vorschlägt, durch diese besser zu werden.
Ich zweifle ob sich über Staatsverwaltung etwas weiseres, etwas von grösserm Inhalt sagen lässt, als was hier Sokrates und Adimant so,geredet haben. Eitle Sorgen und törichte Wünsche unterdrückten überall die Weisheit, und suchten eigne herrschaft; aber erst in unsern zeiten haben sie ein förmliches System für sich erbauen dürfen; ein System, welches jede Gewalttätigkeit mit einem Vorwande beschützt, und sogar ein Recht erteilen will, alle Rechte zu beherrschen, und nach Gutdünken die gesetz um ihre unveränderlichste Absicht zu betrügen. Diese Sorgen, diese Wünsche miteinander, lösen sich in die Begierde nach üppigem Genüsse auf. Aber das ist die natur der leidenschaft, dass sie nicht am Dinge selbst, sondern nur an seinem Bilde hangen kann. Darum muss sie immer sich betrügen; niemals, was sie sucht, erhaschen, und alle ihre Mittel fehl schlagen sehen. Nicht den Genuss, nicht seine würklichen Mittel, sondern was sie vorstellt: nur den Reichtum suchen wir mit Eifer; mehr noch sein Gepränge, seinen Glanz, und das Jahrhundert ist in Absicht dieser Dinge in eine Gattung von Aberglauben geraten, welche von allen Gattungen des Aberglaubens vielleicht die schlimmste ist. wirklich ist es mit dem Ansehn oder mit der Schwärmerei des Reichtums dahin unter uns gekommen, dass er geheuchelt werden muss, wo er nicht ist, wie man ehedem die Tugend heuchelte; dahin, dass er, gleich der Tugend,' gleich der Freiheit und der Ehre, wo diese über alles gelten, jedes Opfer fordern darf. Und wo bliebe nun Gerechtigkeit; wo, Mässigkeit und Weisheit; wo zum Schutze der Rechte, Herz und Eintracht; wo Billigkeit und wahre Wohlfahrt — wo, nur
eigentlicher Ueberfluss und ruhiger Besitz?
Niemand hat dies heller eingesehen, als Tomas Hobbes, dieser ernste Denker, den auch Leibnitz wegen seines Tiefsinns ehrte. Ihm entging es nicht, dass zwischen ungemessenen Begierden die sich widersprechen, ein innerlicher Friede nie gestiftet werden kann, und dass sich Leidenschaften eben so wenig zu einem System der Tugend und der Freiheit je zusammen ordnen werden, als Irrtümer zu einem System der Wahrheit. Da er selber nur an Leidenschaften und an körperliche Triebe glaubte, könnt' er Recht und Tugend Andere nicht lehren. Ehrlich hat er Recht und Tugend auch darum geläugnet, und sie nicht aus Dingen herleiten wollen, aus denen sie nicht folgen. Er hat jede natur in sich selber rein und die Wahrheit unverfälscht gelassen; hat nicht gesucht das Böse in ein gut Gerücht zu bringen. Eben so Machiavell in seinem Fürsten, den man so ungerecht verlästert hat, weil er die wahre Teorie der unumschränkten herrschaft eines Einzigen, und keine falsche irrige und täuschende davon gegeben hat. War' es mir vergönnet Lorbeer-Kränze auszuteilen: diese Männer wollt' ich damit krönen, und sie jenen von der Stirn reissen, die Betrüger, Heuchler, oder seichte Köpfe waren.
Ich höre mehr als Eine stimme, die mich höhnisch fragt: ob ich denn glaube, dass in einem Staat