und hingegen das erzwängen mit vereinigter Gewalt, was erzwungen werden kann und sollte.
Dieses aber kann erzwungen werden unter Menschen, dass Keiner Gewalt zu leiden habe von dem andern; und es ist das einzige, das gewissen, allgemeinen, unveränderlichen Vorteil bringt.
Oeffnet alle Bücher der geschichte. War es Mangel an Reichtümern, an Volksmenge, an Kriegsmacht und Gebiet, was so viele Staaten in das tiefste Elend sinken, ihre Glieder alle Gattungen des Jammers und der Schande fühlen liess? -Es war im Gegenteil nur das tolle Rennen nach diesen Gegenständen; es war der Mangel eines allgemeinen strengen unbeweglichen Gesetzes der Gerechtigkeit, welches jedes andre Gesetz zum
Gräuel machte.
Was die Menschen überall so elend werden liess: War es Unwissenheit und Dummheit an und für sich selbst; war es Widerspenstigkeit und Trägheit? - Weit entfernt! Es waren die Fehlschlüsse der Weisheit, die Irrtümer des Verstandes, die Täuschungen des Witzes, verknüpft mit der Ungeduld zu würken, mit der Gewalt, die Zwecke jedes Augenblickes zu verfolgen, und sie einer unterjochten Menge aufzudringen. |
Die unendliche geschichte aller Uebel, womit die Leidenschaften der Herrscher die Erde überall vergiftet haben, ist kaum schrecklicher als die geschichte dessen, was aus ihrem besten Willen floss: Die Vereinigung von beiden stellet ein Gemählde dar, das aus schwachen Seelen Gottesläugner machen könnte.
Je mehr und je ausführlicher man die geschichte liest, desto heller muss die überzeugung werden, dass es, wie Spinoza sagt, die grösste Torheit sei, von einem andern zu erwarten, was niemand von sich selbst erlangen kann, nämlich, dass er seine eignen Leidenschaften unterdrücke um die Leidenschaften andrer zu befriedigen; dass er der Wollust, der Ehrsucht und dem Geitz entsage, um nur ihre Gegenstände andern zu verschaffen und zu sichern: Oder zu erwarten, dass derjenige allein von keiner leidenschaft dahin gerissen werde, dessen ganzer Zustand so beschaffen ist, dass er, mit den grössesten Versuchungen umringt, den stärksten Reiz zu allen Leidenschaften fühlen muss.
Noch ein andrer grosser Mann schärft an mehr als Einer Stelle seines besten Werkes eben diese Wahrheit sehr nachdrücklich ein, und ich rufe ihn, vor andern, gern zum Zeugen auf, weil niemand seinen hellen unparteiischen Verstand mit Ehre läugnen kann. »Man sehe, sagt er unter andern, (Libs I. c. 42.) | wie geschwinde der Dezemvir Appius um alle seine Tugend kam, und wie wenig in den edlen jungen Römern, die um ihn versammelt waren, die Eindrücke der besten Erziehung Stand hielten. Man betrachte unter den Zehnen von der zweiten Wahl den Quintus Fabius, wie er, durch Herrschsucht betört, durch den Appius verfuhrt, aus dem besten mann bald zum allerschlimmsten wurde. Die Menge von Beispielen dieser Gattung sollte die Gesetzgeber der Freistaaten und der Monarchien aufmerksam machen, und sie den Begierden der Menschen auf alle Weise Schranken setzen lehren, so dass Keinem die geringste Hoffnung übrig bliebe ungestraft zu sündigen.«
Gute gesetz aber, behauptet eben dieser grosse Mann, (üb. I. c. 9.) könnten unter einer unumschränkten herrschaft schlechterdings sich nicht erhalten; und die Sache spricht von selbst, auch ohne das vorhergegangene. Schlimme und törichte gesetz treten alsdann an die Stelle. Die letzteren, für sich allein, (die nicht unmittelbar von Leidenschaften eingegeben wurden, die aus guter Absicht oft entsprangen, nur aus Willkühr die sich irrte) sind an bösen Folgen reich genug, um mit jeder andern Plage der Menschheit, besonders in Betrachtung ihrer Dauer und ihres Umfangs, die Vergleichung auszuhalten.
Es ist eckelhaft zu hören, wie Leute manchmahl gewisse Vorteile der Polizei oder andre geringfügige Dinge, neben die entsetzlichen Folgen einer willkührlichen Gewalt auf die Wage legen dürfen. Freilich aus dem ärgsten Dinge muss auch Gutes hie und da, und zwar Gutes eigener Art sogar, entspringen. Das Gute, welches unumschränkte herrschaft würkt, fällt doppelt auf, vor nämlich darum, weil es unversehens, ganz mit einem Mahl und schnell zum Vorschein kommt. Dies entzücket dann die schwachen Köpfe. Das Böse, das sie lange täglich sahn, bei welchem sie erzogen wurden, und dessen nicht viel neues mehr geschehen kann, das
empfinden sie nicht mehr, sie sind das alles schon gewohnt: das Gute nicht. | Im Gegenteil, wo Freiheit herrscht, erfordern alle Dinge ihre Zeit; welches kein so grosses Uebel ist. Und dann: ohne der unsäglichen Gefahren zu gedenken welche, im Moralischen, mit jeder schnellen Würkungsart verbunden sind, vornehmlich wo für Alle Einer nur Entschlüsse fasst, die sorge Aller aber müssig werden muss und stumm: ohne der wichtigen Vorteile zu erwähnen, die, wo Viele sorgen, untersuchen und Entschlüsse fassen dürfen, der Langsamkeit die Wage reichlich halten: hegt in der Sache selbst unmittelbar ein Vorzug von der grössten Wichtigkeit. Wo guten Zwecken die Gewalt nicht gleich zu Dienste steht, da müssen diese Zwecke zu erreichen, andre Kräfte aufgeboten, und in einem weiten Umfange bewegt werden. Eine jede Sache die zum Vorschlag kommt, wird von allen ihren Seiten angesehen, bis aufs äusserste entwickelt, nach ihren Verhältnissen geprüft, bestritten und gerettet. Bewafnet schon mit Gründen der Vernunft und der Ueberredung tritt sie Anfangs gleich hervor; hernach muss sie jeden Angriff auszuhalten und zurückzutreiben wissen, unterstützet von Geduld, Standhaftigkeit, Geschicklichkeit und Mut, bis endlich alle Zweifel vertilgt, alle Vorurteile überwunden, alle Hindernisse der Parteilichkeit aus dem Wege geräumet sind. So wird Nachdenken überall erweckt,