All_Enlightenment_76.txt

in die Augen, dass Gewalt, und zwar eine überall und immer gegenwärtige Gewalt; dass ein gewisser Zwang, und dass gewisse Mittel um denselben auszuüben, unter Menschen unentbehrlich sind: denn wenn die Ungebundenheit nur Einiger, die Gattung schon so sehr verdirbt; was würde aus der Ungebundenheit von allen erst entstehn? In wie fern aber solche Anstalten, der Menschheit wahrhaft unentbehrlich sind, die Ursachen ihrer notwendigkeit und ihr notwendiger Gegenstand, was sie sollen und was sie nicht sollen, was sie vermögen und was sie nicht vermögen: diese wichtige erkenntnis kann nur aus der erkenntnis des Innersten des Menschen selbst gezogen werden. Einige feste Blicke auf das eigentümliche seiner natur geheftet, verhelfen uns vielleicht zu fruchtbaren Aufschlügen.

Was den Menschen von dem Tiere unterscheidet und seine besondre Gattung hervorbringt, ist das Vermögen deutliche Begriffe, oder, Begriffe von Begriffen zu erlangen; einen Zusammenhang von Zwecken einzusehen, und nach dieser Einsicht seinen Wandel einzurichten.

Aus dieser Quelle der Menschheit fliesset überall, in allen ihren Ströhmen, dieselbige Vernunft; nur ergossen über Betten und zwischen Ufern von unübersehbarer Mannichfaltigkeit, und ihre Ausflüsse jedem Auge verborgen. Diese Betten, diese Ufer sind die Leidenschaften. Viele haben dieses anders sehen wollen, und die Vernunft fur das Ufer, die Leidenschaften für den Strohm gehalten, allem Augenschein zuwider und allen Gründen.

In so fern der Mensch sich in und nach sich selbst bestimmen, das ist, freie Handlungen verrichten kann: in so ferne wird derselbe durch Vernunft bewegt, und nur in so ferne zeigt er sich als Mensch. Wo keine Freiheit ist, keine Selbstbestimmung: da ist kein Verstand und keine Menschheit.

In so fern der Mensch verändert wird von Dingen die sich ausser ihm befinden, und er sie dergestalt betrachtet, dass darüber die Betrachtung seiner selbst verschwindet: in so ferne handelt er nach einem fremden Antriebe und nicht nach seinem eigenen; er lässt sich bestimmen und bestimmt sich nicht selbst; er tut was andre Dinge erfodern, und nicht was seine eigene natur verlangt: und in so ferne sagen wir, dass ihn die leidenschaft bewegt, und dass er nur ein Tier ist.

Eine bürgerliche Gesellschaft ist eine menschliche Gesellschaft, und keine tierische; eine Anstalt der Vernunft, und nicht der Leidenschaften; ein Mittel der Freiheit und nicht der Sclaverei, fur Wesen, welche von natur zwischen beiden in der Mitte stehen.

Die Vernunft bedarf für sich der Leidenschaften nie, die sie nur verdunkeln und einschränken. Sie kann also nie eine leidenschaft als solche anbefehlen, oder Erregungen derselben sich unmittelbar zum Ziele setzen; wohl aber eine leidenschaft durch eine andere zu hemmen oder aufzuheben suchen, weil die Beschaffenheit der menschlichen natur sie dazu zwingt, indem sie selbst zu unvermögend ist, um für sich allein jeden Eindruck von aussen zu beherrschen, und daher zum Besten ihrer Freiheit äusserliche Kräfte gegen äusserliche Kräfte zur Wehre setzen muss.

Wenn aber die Vernunft niemals die Beförderung einer leidenschaft unmittelbar zur Absicht haben kann, und eine bürgerliche Vereinigung aus der Vernunft einzig und allein hervorgeht - wiewohl nicht ohne Betrachtung der Leidenschaften; sondern schlechterdings in Beziehung auf dieselben —: so können diejenigen Gesellschaften unter den Menschen, welche auf Beförderung von Leidenschaften ausgehen, in so ferne nicht als eine Anstalt der Vernunft, nicht als eine bürgerliche, nicht als eine wahre Menschliche Gesellschaft angesehen werden. |

Auch Tiere sehen wir, durch gemeinschaftliche Triebe vereiniget, mit einander in Gesellschaft leben; doch ist auch diese nicht einmal ein Werk der Leidenschaften, die beiden Tieren wie beim Menschen, weit mehr dahin zielen, die einzelnen Glieder gegen einander aufzuwiegeln, als sie mit einander zu verbinden, 10 und daher das entgegen gesetzte der Gesellschaft, das ist jenen Zustand notwendig hervorbringen müssen, in quo vis et dolus sunt virtutes cardinales. Was die gesellschaftlichen Tiere vereinigt, ist der von der natur der Leidenschaften so wesentlich verschiedene Instinkt. Und durch dieses wunderbare Mittel erhalten jene tierischen Gesellschaften eine weit grössere Vollkommenheit, als jede menschliche, die mehr auf Gründen der leidenschaft, als auf Gründen der Vernunft beruht. Denn der Instinkt

ist unveränderlich und sicher, und der Vernunft darin ganz ähnlich, dass er nichts verlangt, als was offenbar zum Besten aller und eines jeden gereicht, die er, etwas gemeinschaftliches zu erfüllen, mit einander verbindet.

Nun entsteht die Frage: gibt es denn ein Mittel der Vernunft, welches sicher, unveränderlich und ofFenbar, wie bei gesellschaftlichen Tieren der Instinkt, den Menschen dahin leiten könnte, wo sich das Beste von Allen und das Beste eines Jeden unwidersprechlich vereinigte: gibt es wohl ein solches Mittel, und was ist sein Nähme?

Näher zu der Sache hin, und das Mittel wird sich finden mit

dem Nahmen.

Offenbar ist die Vernunft das eigentliche wahre Leben unserer natur, des Geistes Seele, das Band aller unserer Kräfte, ein Bild der ewigen unwandelbaren Ursache alles wahren, alles Seins das sich selber wahrnimmt und sich seiner in sich selbst erfreut. Ausser der Vernunft, können wir unmöglich anders, als uns selber stets zuwider handeln; mehr den äusserlichen Dingen angehörig, als uns selbst. In ihr, sind wir mit uns selber unbeweglich Eins, indem zwischen allen unseren Begierden ein Vertrag entsteht, gemäss den ewigen Gesetzen des Vorteils unserer fortdaurenden natur. Jede unserer Begierden hat auf ihre Befriedigung den gerechtesten Anspruch: so dass die Tugend in der möglichsten Vereinigung aller unserer Begierden, und die wahre Glückseligkeit, in ihrer aller möglichsten Befriedigung besteht: wodurch beide nur zu Einem Dinge werden. Das