All_Enlightenment_75.txt

. Zwar befürchte ich dies nicht vom M. Tullius, noch zu den gegenwärtigen zeiten: Aber in einem grossen staat gibt es viele und mancherlei Köpfe. Zu einer andern Zeit, unter einem andern Consul, dem auch eine Armee zu Gebote stehet, kann leicht etwas falsches für wahr geglaubt werden. Wenn denn diesem Beispiele zufolge Kraft eines Rats-Dekrets der Consul das Schwerd aus der Scheide gezogen: Wer wird ihm Ziel, wer Schranken setzen?

Abbts Uebersetzung des Catilinarischen krieges.

Dieses hört ich Lessing sagen: Es wäre unverschämte Schmeichelei gegen die Fürsten, was Febronius und was die Anhänger des Febronius behaupteten; denn alle ihre Gründe gegen die Rechte des Papstes, wären entweder keine Gründe, oder sie gölten doppelt und dreifach die Fürsten selbst. Begreiffen, könne dies ein jeder; und dass es noch keiner öffentlich gesagt hätte mit aller Bündigkeit und Schärfe, die ein solcher Gegenstand gelitten und verdient, unter so vielen die den dringendsten Beruf dazu gehabt: dieses wäre seltsam genug und ein äusserst schlimmes Zeichen.

Einer hat es endlich doch gesagt, und laut genug, um von jedermann gehört zu werden, nur nicht mit so dürren Worten; daher wohl mancher diesen grossen Sinn aus seiner Schrift (ich meine die Reisen der Päpste) nicht herausgezogen haben möchte; wie es denn scheint, dass wir Deutsche überhaupt zu sehr vertieft sind in unsern Tiefsinn, um leicht und geschwinde aufzumerken. Andere werden mit gutem Fleiss das Innere derselben, ihren wahren Geist, nicht fassen wollen, sondern bloss die Hülle greifen, um sie, mit Geschrei, an diesem oder jenem Pranger zu erhöhen, und sie mit Kot bedecken zu lassen von ihren Rotten.

Deutsche werden dieses tun dem mann, der für deutsche Freiheitfür der Menschheit kostbarsten Rechte seinen Mund auftat, und der kein Deutscher ist. Darum trete wenigstens der Schatten eines edlen ihm an die Seite, dass er ihn beschirme, oder teil nehme an seiner Schmach.

Doch es gibt auch noch der Männer unter den Lebendigen; und wer nennte da nicht zuerst unsern Justus Moser, advocatum patriae, der allein in ganz Deutschland ein Wort voll Nachdruck

sagte, da wegen der grossen Tat um den Müller Arnold überall nur heller jubel schallte. Die Stelle, in dem Schreiben über die deutsche Sprache und Litteratur, ist bekannt genug; weniger ein früherer Aufsatz, durch eben diese Begebenheit veranlasst, mit der Ueberschrift: von dem wichtigen Unterschiede des würklichen und förmlichen Rechts. Da heisst es unter andern:

»Alle Menschen können irren, der König wie der Philosoph, und letztere vielleicht am ersten, da sie beide zu hoch stehen, und vor der Menge der Sachen die vor ihren Augen schweben, keine einzige vollkommen ruhig und genau betrachten können. Dieserwegen haben es sich alle Nationen zur Grundfeste ihrer Freiheit und ihres Eigentums gemacht, dass dasjenige was ein Mensch für Recht oder Wahrheit erkennet, nie eher als Recht gelten solle, bevor es nicht das Siegel der Form erhalten

»Zur Form Rechtens gehört, dass es von einem befugten Pächter ausgesprochen, und in die Kraft Rechtens getreten sei. Dies ist ein Grundgesetz, worinn ebenfalls alle Europäische Nationen überein kommen, und der Monarch, der eine würkliche Wahrheit 15 gleich einer förmlichen zur Erfüllung bringen lässt, wirft dieses erste und jedem staat heilige Grundgesetz, ohne welches es gar keine Sicherheit mehr gibt, über einen Haufen. Ein Unternehmen, das die Weisheit Salomons nicht entschuldigen kann, da alle Weisheit in der Welt nur zur würklichen (natürlichen, substantielen, innerlichen), nicht aber zur förmlichen (positiven, vestgesetzten, äusserlichen) Wahrheit führet

Der grosse Hauffe unserer denkenden Köpfe möchte diess am wenigsten zu denken wissen, denn er will das wesentliche Wahre und das wesentliche Gute ausgebreitet sehenmit Gewalt, und mit Gewalt jeden Irrtum unterdrückt; sehen und helfen eine Aufklärung betreiben - anderswo als im Verstände, weil es dieser ihm zu lange macht; die Lichter auslöschen, voll kindischer Ungeduld, damit es Tag werde. O der Hofnungsvollen Finsterniss, in der wir nach dem Ziel unserer Wünsche, nach dem höchsten Wohl auf Erden eilig voran tappen; voran, auf dem Wege der Gewalttätigkeit und der Unterjochung.

Aber Gewalt, wo sie in der Welt auch immer war, verteilt unter mehrere oder nur bei Einemherrschende Gewalt, deren selbst eigene erkenntnis oder Willkühr allein, jeder andern erkenntnis den Weg zur Einsicht, so wie jedem Triebe den Weg zur Glückseligkeit vorzeichnen und sie hineinzwingen durfte; eine solche Gewalt, die nur gesetz gibt und selber keine hat, und die heiligsten Rechte mit Heiligkeit verletzen mag: Nie hat eine solche

-Echte Wahrheit und Würkliche Wohlfahrt unter Menschen irgendwo hervorgebracht. Wohl aber ist viel Gutes aus dem Widerstände gegen sie entsprungen; aus dem Urgeiste der Freiheit; aus dem ewig regen Triebe der Vernunft sich selber zu vermehren und über alles ihre Einsicht zu verbreiten. Wo geschichte ist, da ist auch zeugnis, dass grosse Taten, Neigungen und Gedanken, Verrichtungen edler Menschen und edle Menschen selbst, wo sie nicht unmittelbar aus dem Kerne der Freiheit selbst hervorgingen, wenigstens, als eingesenktes Reis, den Saft aus

ihrem Stamme zogen, oder verloren da standen als Nachschüsse aus des gefällten Baumes Wurzel. Und wo geschichte ist da ist auch zeugnis, dass ungebundene willkührliche Gewalt, Dummheit nur erzeuget hat und Laster, alles was verächtlich, niederträchtig ist und

klein, und ihre eigenen törichten Zwecke nicht einmal zu erreichen fähig war.

Dennoch fällt es