noch in keines Philosophen Herz gekommen sein soll, gehört die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis von Gegenständen der Erfahrung, ohne und vor aller Empfindung eines Gegenstandes. Auf dieser doppelten Unmöglichkeit und dem mächtigen Unterschiede analytischer und syntetischer Urteile gründet sich die Materie und Form einer transzendentalen Elementar- und Metodenlehre; denn ausser dem eigentlichen Unterschiede der Vernunft, als eines Objekts oder Erkenntnisquelle oder auch Erkenntnisart, gibt es noch einen allgemeinen, schärferen und reineren Unterschied, kraft dessen Vernunft allen Objekten, Quellen und Arten der Erkenntnis zum grund liegt, keines von dreien selbst ist und folglich auch weder einen empirischen oder ästetischen, noch logischen oder diskursiven Begriff nötig hat, sondern bloss in subjektiven Bedingungen besteht, worunter Alles, Etwas und Nichts als Objekt, Quelle oder Art der Erkenntnis gedacht und wie ein unendliches Maximum oder Minimum zu unmittelbaren Anschauung gegeben, auch allenfalls genommen werden kann.
Die erste Reinigung der Philosophie bestand nämlich in dem teils missverstandenen, teils misslungenen Versuch, die Vernunft von aller Überlieferung, Tradition und Glauben daran unabhängig zu machen. Die zweite ist noch transzendenter und läuft auf nichts weniger, als eine Unabhängigkeit von der Erfahrung und ihrer alltäglichen Induktion hinaus. - Denn nachdem die Vernunft über 2000 Jahre, man weiss nicht was? jenseits der Erfahrung gesucht, verzagt sie nicht nur auf einmal an der progressiven Laufbahn ihrer Vorfahren, sondern verspricht auch mit eben so viel Trotz den ungeduldigen Zeitverwandten- und zwar in kurzer Zeit - jenen allgemeinen und zum Katolizismus und Despotismus notwendigen und unfehlbaren Stein der Weisen, dem die Religion ihre Heiligkeit und die Gesetzgebung ihre Majestät flugs unterwerfen wird, besonders in der letzten Neige eines kritischen Jahrhunderts, wo beiderseitiger Empirismus, mit Blindheit geschlagen, seine eigene Blösse von Tag zu Tag verdächtiger und lächerlicher macht.
Der dritte, höchste und gleichsam empirische Purismus betrifft also noch die Sprache, das einzige, erste und letzte Organon und Kriterium der Vernunft, ohne ein anderes Kreditiv als Überlieferung und Usum. Es geht aber einem auch beinah mit diesem Idol, wie jenem Alten mit dem Ideal der Vernunft. Je länger man nachdenkt, desto tiefer und inniger man verstummt und alle Lust zu reden verliert. "Weh den Tyrannen, wenn sich Gott um sie bekümmern wird! Wozu fragen sie also nach Ihm? Mene, mene, tekel den Sophisten! ihre Scheidemünze wird zu leicht gefunden und ihre Wechselbank zerbrochen werden!
Rezeptivität der Sprache und Spontaneität der Begriffe! - Aus dieser doppelten Quelle der Zweideutigkeit schöpft die reine Vernunft alle Elemente ihrer Rechtaberei, Zweifelsucht und Kunstrichterschaft, erzeugt durch eine ebenso willkürliche Analysis als Syntesis des dreimal alten Sauerteigs neue Phänomene und Meteore des wandelbaren Horizonts, schafft Zeichen und Wunder mit dem Allhervorbringer und Zerstörer, dem merkurischen Zauberstabe ihres Mundes oder dem gespaltenen Gänsekiel zwischen den drei syllogistischen Schreibefingern ihrer herkulischen Faust - -
Schon dem Namen Metaphysik hängt dieser Erbschaden und Aussatz der Zweideutigkeit an, der dadurch nicht gehoben, noch weniger verklärt werden mag, dass man bis zu seinem Geburtsort, der in der zufälligen Syntese eines griechischen Vorworts liegt, zurückgeht. Gesetzt aber auch, dass es in der tranzendentalen Topik auf den empirischen Unterschied hinten und über noch weniger ankäme, als bei einem a priori und a posteriori auf ein hysteron proteron, so breitet sich doch das Muttermal des Namens von der Stirn bis in die Eingeweide der ganzen Wissenschaft aus und ihre Terminologie verhält sich zu jeder anderen Kunst-, Weid-, Berg- und Schulsprache, wie das Quecksilber zu den übrigen Metallen.
Zwar sollte man aus so manchen analytischen Urteilen auf einen gnostischen Hass gegen Materie oder auch auf eine mystische Liebe zur Form schliessen: dennoch hat die Syntesis des Prädikats mit dem Subjekt, worin zugleich das eigentliche Objekt der reinen Vernunft besteht, zu ihrem Mittelbegriff weiter nichts, als ein altes kaltes Vorurteil für die Matematik vor und hinter sich, deren apodiktische Gewissheit hauptsächlich auf eine gleichsam kyriologische Bezeichnung der einfachsten sinnlichen Anschauung, und hiernächst auf die Leichtigkeit ihre Syntesis und die Möglichkeit derselben in augenscheinlichen Konstruktionen oder symbolischen Formeln und Gleichungen, durch deren Sinnlichkeit aller Missverstand von selbst ausgeschlossen wird, zu bewähren und darzustellen. Unterdessen aber die Geometrie so gar die Idealität ihrer Begriffe von Punkten ohne Teile, von Linien und Flächen auch nach idealisch geteilten Dimensionen durch empirische Zeichen und Bilder bestimmt und figiert; missbraucht die Metaphysik alle Wortzeichen und Redefiguren unserer empirischen Erkenntnis zu lauter Hieroglyphen und Typen idealischer Verhältnisse und verarbeitet durch diesen gelehrten Unfug die Biederkeit der Sprache in ein so sinnloses, läufiges, unstetes, unbestimmbares Etwas = x, dass nichts als ein windiges Sausen, ein magisches Schattenspiel, höchstens wie der weise HELVETIUS sagt, der Talisman und Rosenkranz eines transzendentalen Aberglaubens an entia rationis, ihre leeren Schläuche als Losung übrig bleibt. Endlich versteht es sich am rand, dass, wenn die Matematik sich einen Vorzug des Adels wegen ihrer allgemeinen und notwendigen Zuverlässigkeit anmassen kann, auch die menschliche Vernunft selbst dem unfehlbaren und untrüglichen Instinkt der Insekten nachstehen müsste.
Bleibt es also ja noch eine Hauptfrage: wie das Vermögen zu denken möglich sei? - das Vermögen, rechts und links, vor und ohne, mit und über die Erfahrung hinauszudenken? So braucht es keiner Deduktion, die genealogische Priorität der Sprache von den sieben heiligen Funktionen logischer Sätze und Schlüsse und ihre Heraldik zu beweisen. Nicht nur das ganze Vermögen zu denken berut auf Sprache, den unerkannten Weissagungen und gelästerten Wundertaten des verdienstreichen SAMUEL HEINEKE zufolge: sondern Sprache ist auch der Mittelpunkt des Missverstandes der Vernunft mit ihr selbst, teils wegen der häufigen Koinzidenz des grössten und kleinsten