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sich bringt, oder dass gleiche Gedanken auch durch gleiche Wörter und Redarten ausgedrückt zu werden pflegen. Hieraus abstrahiert sich nun der Sprachphilosoph die Regel, welche wir das Gesetz der Analogie nennen wollen: Was in der Vorstellung gleich ist, das muss auch im Ausdruck gleich sein; und umgekehrt: Was im Ausdruck gleich ist, das muss auch in der Vorstellung gleich sein.

Wenn also von Bildung eines Worts oder Ausdrucks für eine gegebene Vorstellung die Frage ist, so muss er seinen Ausdruck derjenigen Wort- oder Redart konform bilden, welche die Art der Vorstellungen bezeichnet, zu der die gegebene gehört. - Wenn aber ein Wort gegeben ist, für welches er eine Bedeutung bestimmen soll, so muss er sie aus derjenigen Klasse der Vorstellungen nehmen, deren Wörter dem gegebenen Wort gleich sind. Dieser letztere Fall ist der unsrige. Wir haben es hier nicht mit Bildung eines Worts für einen gegebenen Begriff zu tun, sondern es ist uns ein Wort gegeben, für welches wir einen Sinn, einen Begriff bestimmen sollen. Wir nehmen also hier als Gesetz der Analogie an: worüber sich die Menschen auf gleiche Art ausdrücken, das stellen sie sich auch auf gleiche Art vor, oder: ähnliche Wörter erfordern ähnliche Bedeutungen.

Ferner: Das gegebene Wort hat entweder noch gar keine Bedeutung, sondern ist ein blosser, noch sinnloser Schall, gleichsam ein lebloser Körper, dem nun erst Sinn und Kraft gegeben werden soll. In diesem Fall muss die für dasselbe zu suchende Vorstellung denjenigen Vorstellungen gleich sein, deren Wörter mit dem gegebenen Wort die meiste Ähnlichkeit haben; muss ihnen auch in eben dem Grade gleich sein, in welchem ihre Wörter dem gegebenen Wort gleich sind.7 Es wird bei Auflösung dieses Problems auf folgende drei Stücke ankommen: 1) Dass wir die mit dem gegebenen Wort am nächsten verwandte Wortart finden; 2) dass wir die wahre, durch den Gebrauch bestätigte Bedeutung dieser Wortart wissen; 3) dass wir für das gegebene Wort diejenige Bedeutung finden, welche mit den gegebenen Bedeutungen die meiste Ähnlichkeit hat. In diesem Fall würden diejenigen Wörter gesucht werden müssen, die in Absicht auf Klang, Form, Ableitung, Zusammensetzung mit dem gegebenen Wort am nächsten verwandt wären, usw. - Oder das gegebene Wort hat schon eine Bedeutung, bezeichnet schon einen Gegenstand, soll aber noch auf einen andern Gegenstand übertragen werden; oder, welches eben das ist, hat schon seine eigene Bedeutung, soll aber nun auch noch eine metaphorische Bedeutung bekommen. In diesem Fall sind keine ähnlichen, mit dem gegebenen Wort verwandten Wörter zu suchen, sondern das Auflösungsgeschäft besteht darin, dass wir die erste und eigene Bedeutung des Worts nach dem Sprachgebrauch bestimmen und sodann nach obigem Gesetz der Sprachanalogie diejenige Vorstellung suchen, die mit der ersten und eigenen Bedeutung des gegebenen Worts eine wahre und durchaus anerkannte Ähnlichkeit hat.

Hier haben wir den letzten Fall vor uns. Das uns gegebene Wort hat schon seine erste und eigene Bedeutung, und wir sollen nur noch eine metaphorische Bedeutung für dasselbe bestimmen. Dieses gegebene Wort nun heisst Aufklärung, ein abgeleitetes und zusammengesetztes Wort. Sollen wir also dessen erste und eigene Bedeutung bestimmen, so müssen wir das Stammwort nebst dessen eigener Bedeutung, sodann die Veränderungen zu bestimmen suchen, die die eigene Bedeutung des Stammworts durch die Ableitung und Zusammensetzung etwa erlitten hat.

Das Stammwort heisst klar. Dieses hat, soviel ich weiss, zwei Hauptbedeutungen, deren eine dem Begriff grob, die andere dem Begriff trübe entgegengesetzt ist. Vielleicht lassen sich beide wieder aus einem Grundbegriff ableiten; aber das kümmert mich nicht, zumal ich es hier bloss mit der Bedeutung des Worts klar zu tun habe, welche das Gegenteil vom Trüben bezeichnet. klar und trübe sind Attribute der flüssigen Körper, z. B. des Wassers und der Luft, und bezeichnen die Grade ihrer Vermischung mit heterogenen Teilen. Trübe nennen wir den flüssigen Körper, insofern er mehr, klar aber nennen wir ihn, insofern er weniger mit heterogenen Teilen, die dessen Durchsichtigkeit hindern, vermischt ist. - Der Sprachgebrauch in den Ausdrücken: klares wasser und trübes wasser bestätigt die Richtigkeit dieser Erklärung. In dem von klar abgeleiteten Verb klären kommt der dieser Wortform eigene Begriff der Tätigkeit hinzu; es bedeutet folglich soviel als klar machen, was vorher trübe war; so wie stärken: stark machen, was vorher schwach, und kälten: kalt machen, was vorher warm war, bedeutet. Nach den Gesetzen der Ableitung bedeutet also das Verbum klären diejenige Handlung oder Tätigkeit, wodurch einem Objekt die Eigenschaft der klarheit gegeben wird. - Die Vorwörter, mit welchen das Verbum klären gewöhnlich zusammengesetzt wird, verändern die Grundbedeutung desselben nicht, doch scheint der Sprachgebrauch für verschiedene Subjekte verschiedene Zusammensetzungen eingeführt zu haben. So sagt man aufklären vorzüglich von der Luft, abklären vom wasser und andern flüssigen Körpern, deren Grundstoff wasser ist, erklären und verklären aber von Gegenständen, denen die Eigenschaft der klarheit nur im figürlichen Sinn zukommt. Ich lasse die übrigen liegen und bleibe bei dem Verbo aufklären stehen, welches, wie gesagt, vorzüglich von der Luft gebraucht wird und diejenige Tätigkeit bezeichnet, durch welche der Luft die Eigenschaft der klarheit erteilt wird. Diese Eigenschaft der Luft will ich bald näher bestimmen; nur muss ich erst mit dem Wort fertig werden. Von diesem Verbum wird nun wieder das Verbalsubstantiv Aufklärung abgeleitet. Dass es im Hauptbegriff oder in der materiellen Bedeutung mit seinem Stammverbo übereinstimme, ist unstreitig; aber diese deutschen Verbalsubstantive in ung sind darum der Zweideutigkeit