All_Enlightenment_66.txt

so muss auch das Recht des andern, dergleichen Belehrungen zu geben, unveräusserlich sein.

Die Gesellschaft hat mitin gar kein Recht, ein solches Versprechen zu fordern oder anzunehmen; denn es widerspricht einem unveräusserlichen Menschenrecht: kein Mitglied hat ein Recht, ein solches Versprechen zu geben; denn es widerspricht der Persönlichkeit des andern und der Möglichkeit, dass er überhaupt moralisch handle. Jeder, der es gibt, handelt pflichtwidrig, und, sobald er dies erkennt, wird es Pflicht, sein Versprechen zurückzunehmen.

Ihr erschreckt über die Kühnheit meiner Folgerungen, Freunde und Diener der alten Finsternis; denn Leute eurer Art sind leicht zu erschrecken. Ihr hofftet, dass ich wenigstens noch ein bedächtliches »insofern freilich« mir vorbehalten, noch ein kleines Hintertürchen für euren Religionseid, für eure symbolischen Bücher, usf. offengelassen hätte. Und hätte ich es, so wollte ich es hier euch zu gefallen nicht öffnen; - eben darum, weil man immer so säuberlich mit euch verfuhr, euch immer zu sehr markten liess, den Geschwüren, die euch am wehsten tun, immer so bedächtig auswich, an eurer Mohrenschwärze wusch, ohne euch die Haut nassmachen zu wollen, darum habt ihr euch so laut gemacht. Ihr werdet euch von nun an allmählich daran gewöhnen müssen, die Wahrheit ohne Hülle zu erblicken. - Doch auch ich will euch nicht ohne Trost entlassen. Was fürchtet ihr denn von jenen unbekannten Ländern jenseits eures Horizonts, in die ihr nie kommen werdet? Fragt doch die Leute, die sie bereisen: ob die Gefahr, von moralischen Riesen aufgegessen, von skeptischen Seeungeheuern verschlungen zu werden, so gross sei? Seht doch diese kühnen Weltumsegler wenigstens ebenso moralisch gesund, als ihr es seid, unter euch herumwandeln. Warum scheuet ihr euch denn so vor der plötzlich hereinbrechenden Erleuchtung, die entstehen würde, wenn jeder aufklären dürfte, soviel er könnte? Der menschliche Geist geht überhaupt nur stufenweise von klarheit zu klarheit; ihr werdet in eurem Zeitalter schon noch mit fortschleichen; ihr werdet euer kleines auserwähltes Häuflein und die Selbstüberzeugung von euren grossen Verdiensten schon behalten. Und macht derselbe ja bisweilen durch eine Revolution in den Wissenschaften einen gewaltsamen Vorschritt - auch darüber seid unbesorgt. Wird es um euch herum auch für andere Tag; euch und eure euch so sehr am Herzen liegenden Zöglinge werden eure blöden Augen schon in einer behaglichen Dämmerung erhalten; ja, es wird zu eurem Tröste noch finsterer um euch werden. Ihr müsst das ja aus Erfahrung wissen. Ist es nicht, seit der starken Beleuchtung, die besonders seit einem Jahrzehnt auf die Wissenschaften fiel, noch viel verworrener in euren Köpfen geworden als zuvor?

Und jetzt erlaubt mir, mich wieder an euch zu wenden, ihr Fürsten. Ihr weissagt uns namenloses Elend aus unbegrenzter Denkfreiheit. Es ist bloss zu unserem Besten, dass ihr sie an euch nehmt und sie uns aufhebt, wie Kindern ein schädliches Spielzeug. Ihr lasst uns durch Zeitungsschreiber, die unter eurer Aufsicht stehen, mit Feuerfarben die Unordnungen hinmalen, welche geteilte und durch Meinungen erhitzte Köpfe begehen; deutet dort auf ein sanftes Volk, herabgesunken zur Wut der Kannibalen, wie es nach Blut dürstet, und nicht nach Tränen, wie es gieriger sich zu Hinrichtungen hindrängt, als zu Schauspielen, wie es abgerissene Glieder seiner Mitbürger, noch triefend und dampfend, unter Jubelgesängen zur Schau herumträgt, wie seine Kinder blutende Köpfe treiben, statt des Kreisels - und wir wollen euch nicht an blutigere Feste erinnern, welche Despotismus und Fanatismus im gewohnten Bunde ebendiesem volk gaben, - euch nicht erinnern, dass dies nicht die Früchte der Denkfreiheit, sondern die Folgen der vorherigen langen Geistessklaverei sind, - euch nicht sagen, dass es nirgends stiller ist, als im grab. - Wir wollen euch alles zugeben, wir wollen uns sogleich reuevoll in eure arme werfen und euch weinend bitten, uns an eurem väterlichen Herzen vor allem Ungemach, das uns droht, zu verbergen, sobald ihr uns nur noch eine ehrfurchtsvolle Frage werdet beantwortet haben.

O ihr, die ihr, wie wir aus eurem mund vernehmen, als wohltätige Schutzgeister über die Glückseligkeit der Nationen zu wachen habt; ihr, die ihr - ihr habt es uns so oft versichert - nur diese zum höchsten Zwecke eurer zärtlichen Sorgen macht, warum verheeren denn unter eurer erhabenen Aufsicht noch immer die Fluten unsere Äcker und die Orkane unsere Pflanzungen? Warum brechen noch Feuerflammen aus der Erde und fressen uns und unsere Häuser? Warum raffen Schwert und Seuchen unter euern geliebten Kindern Tausende hin? Gebietet doch erst dem Orkan, dass er schweige; dann gebietet auch dem Sturm unserer empörten Meinungen: lasst doch erst regnen über unsere Felder, wenn sie dürr sind, und gebt uns die erquickende Sonne, wenn wir euch darum anflehen; dann gebt uns auch die uns beseligende Wahrheit.Ihr schweigt? Ihr könnt das nicht?

Nun wohl! Derjenige, der das wirklich kann, der aus den Trümmern der Verwüstung neue Welten, und aus dem Moder der Verwesung lebendige Körper baut, der über eingestürzten Vulkanen blühende Rebenberge gedeihen, über Gräbern Menschen wohnen, leben und sich freuen lässt - werdet ihr zürnen, wenn wir diesem auch die sorge, die kleinste seiner Sorgen, überlassen, jene Übel, die wir uns durch den Gebrauch seines mit seinem göttlichen Siegel bekräftigten Freibriefs zuziehen, zu vernichten, zu mildern oder, wenn wir sie leiden müssen, sie zur höheren Kultur unseres Geistes durch unsere eigene Kraft anzuwenden?

Fürsten, dass ihr nicht unsere Plagegeister sein