All_Enlightenment_60.txt

was ihr wolltet; die Satelliten des Despotismus achten eurer nicht; ihre Gewalt steht viel zu fest; ihr mögt von der Rechtmässigkeit ihrer Forderungen überzeugt sein oder nicht, was verschlägt ihnen dies? Sie werden euch schon durch Entehrung oder durch Hunger, durch Festungsstrafe oder durch Hinrichtungen zu zwingen wissen. Aber ihr macht bei euren Untersuchungen ein grosses Geschrei - sie werden es zwar freilich an Sorgfalt nicht fehlen lassen, das Ohr des Fürsten zu bewachen, aber es könnte doch, es wäre doch möglich, dass irgendeinmal ein unglückliches Wort bis zu demselben gelangte, dass er weiterforschte, dass er endlich weiser würde und erkennte, was zu seinem und eurem Frieden diente. Daran nur wollen sie euch verhindern; und daran, ihr Völker, müsst ihr euch nicht verhindern lassen!

Ruft es, ruft es in jedem Tone euren Fürsten in die Ohren, bis sie es hören, dass ihr euch die Denkfreiheit nicht werdet nehmen lassen, und beweist ihnen die Zuverlässigkeit dieser Versicherung durch euer Betragen. Lasset euch nicht durch die Furcht des Vorwurfs der Unbescheidenheit abschrecken. Gegen was könntet ihr denn unbescheiden sein? Gegen das Gold und die Diamanten an der Krone, gegen den Purpur am Kleide eures Fürsten; nicht - gegen ihn. Es gehört wenig Selbstzutrauen dazu, um zu glauben, dass man Fürsten Dinge sagen könne, die sie nicht wissen.

Und besonders ihr alle, die ihr Kräfte dazu habt, kündigt doch jenem ersten Vorurteile, woraus alle unsre Übel folgen, jener giftigen Quelle all unseres Elendes, jenem Satze: dass es die Bestimmung des Fürsten sei, für unsere Glückseligkeit zu wachen, den unversöhnlichsten Krieg an; verfolgt ihn in alle die Schlupfwinkel durch das ganze System unseres Wissens, in die er sich versteckt hat, bis er an der Erde vertilgt und zur Hölle zurückgekehrt sei, daher er kam. Wir wissen nicht, was unsere Glückseligkeit befördere: weiss es der Fürst, und ist er dazu da, uns zu ihr zu leiten, so müssen wir mit verschlossenen Augen unserem Führer folgen; er tut mit uns, was er will, und wenn wir ihn fragen, so versichert er uns auf sein Wort, dass das zu unserer Glückseligkeit nötig sei; er legt der Menschheit den Strick um den Hals und ruft: stille, stille! es geschieht alles zu deinem Besten.

Nein, Fürst, du bist nicht unser Gott. Von ihm erwarten wir Glückseligkeit; von dir die Beschützung unserer Rechte. Gütig sollst du nicht gegen uns sein; du sollst gerecht sein.

Rede

Die zeiten der Barbarei sind vorbei, ihr Völker, wo man euch im Namen Gottes anzukündigen wagte, ihr seiet Herden Vieh, die Gott deswegen auf die Erde gesetzt habe, um einem Dutzend Göttersöhnen zum Tragen ihrer Lasten, zu Knechten und Mägden ihrer Bequemlichkeit, und endlich zum Abschlachten zu dienen; dass Gott sein unbezweifeltes Eigentumsrecht über euch an diese übertragen habe, und dass sie kraft eines göttlichen Rechts, und als seine Stellvertreter, euch für eure Sünden peinigten; ihr wisst es, oder könnt euch davon überzeugen, wenn ihr's noch nicht wisst, dass ihr selbst Gottes Eigentum nicht seid, sondern dass er euch sein göttliches Siegel, niemandem anzugehören als euch selbst, mit der Freiheit tief in eure Brust eingeprägt hat. Auch das unterstehen sie sich nicht mehr, euch zu sagen: wir sind stärker als ihr, wir hätten euch alle längst totschlagen können; wir sind so gütig gewesen, es nicht zu tun; das Leben, das ihr lebt, ist mitin unser Geschenk; wir haben es euch aber nicht frei geschenkt, sondern es euch nur zum Lehen gegeben; unsere Forderung also, es zu unserem Vorteile zu verwenden, und es euch, wenn wir es nicht mehr brauchen können, doch noch zu nehmen, ist nicht unbillig. - Ihr habt, wenn diese Schlussart gelten soll, gelernt, dass ihr die Stärkeren seid, und sie die Schwächeren; dass ihre Stärke in euren Armen ist, und dass sie elend und hilflos dastehen, wenn ihr diese sinken lasst; Beispiele haben es ihnen gezeigt, vor denen sie noch beben. Ebenso wenig werdet ihr ihnen noch weiterhin glauben, dass ihr alle blind, hilflos und unwissend seid, und dass ihr selbst euch nicht zu raten wisst, wenn sie euch nicht, wie unmündige Kinder, an ihren väterlichen Händen leiten; sie haben erst in diesen Tagen durch Fehlschlüsse, die der Einfältigste unter euch nicht gemacht hätte, gezeigt, dass sie auch nicht mehr wissen als ihr, und dass sie sich und euch ins Elend stürzen, weil sie mehr zu wissen glauben. Auf solche Vorspiegelungen hört ihr nicht weiter; ihr wagt's, den Fürsten, der euch beherrschen will, zu fragen, mit welchem Rechte er über euch herrsche?

Durch Erbrecht, sagen wohl einige Söldner des Despotismus, die aber nicht seine scharfsinnigsten Verteidiger sind. Denn gesetzt, dass euer jetzt lebender Fürst ein solches Recht von seinem Vater, und dieser wieder von dem seinigen, und so weiter hinauf, hätte ererben können, woher bekam es denn der, der der Erste war, oder hatte der kein Recht, wie konnte er ein Recht vererben, das er nicht hatte? - Und dann, ihr schlauen Sophisten, glaubt ihr denn, dass man Menschen erben könnte, wie eine Herde Vieh oder eine Weide für sie? Die Wahrheit ist nicht so von der Oberfläche abzuschöpfen, wie ihr denkt; sie liegt tiefer