dass man zweifeln kann, ob es auch zuträglich sein dürfte, das Volk zu vieler Aufklärung gelangen zu lassen?« (I. Abh., Wie Weit es dem Volk zuträglich sei, aufgeklärt zu werden?, S. 3 f.).
Johann Gottlieb Fichte
Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten.
Eine Rede
Noctem peccatis, et fraudibus objice nubem.
Vorrede
Es gibt gelehrte Herren, die uns eine nicht geringe Meinung von ihrer eigenen Gründlichkeit beizubringen glauben, indem sie alles, was mit einiger Lebhaftigkeit geschrieben ist, mit dem Prädikat einer Deklamation kurz abfertigen. Sollten gegenwärtige Blätter durch ein Ungefähr bis zu den Händen eines dieser gründlichen Herren gelangen, so gestehe ich ihnen im voraus, dass dieselben gar nicht bestimmt waren, einen so reichhaltigen Gegenstand zu erschöpfen, sondern nur dem ununterrichteteren Publikum, das wenigstens durch seinen hohen Standpunkt und durch seine starke stimme Einfluss genug auf das allgemeine Urteil hat, einige dahin einschlagende Ideen mit einiger Wärme ans Herz zu legen. Mit Gründlichkeit ist diesem Publikum gemeinhin nicht wohl beizukommen. Wenn aber jene gründlicheren Leute in diesen Blättern auch gar keine Spur eines festeren tieferen Systems, auch gar keinen des weiteren Nachdenkens nicht unwürdigen Wink finden sollten, so könnte die Schuld zum teil mit an ihnen liegen.
Es ist eine der charakteristischen Eigenheiten unseres Zeitalters, dass man mit seinem Tadel sich so gern an Fürsten und Grosse wagt. Reizt die Leichtigkeit, Satiren auf Fürsten zu machen, oder glaubt man durch die scheinbare Grösse seines Gegenstandes sich selbst zu erheben? In einem Zeitalter, wo doch die meisten der deutschen Fürsten sich durch guten Willen und Popularität auszuzeichnen suchen, wo sie so viel tun, um die Etikette, die einst zwischen ihnen und ihren Mitbürgern eine ungeheure Kluft befestigte, und die ihnen selbst ebenso lästig als diesen schädlich ward, zu vernichten, wo insbesondere manche sich das Ansehen geben, Gelehrte und Gelehrsamkeit zu schätzen, ist dies doppelt auffallend. - Kann man sich nicht vor seinem eigenen Gewissen das Zeugnis geben, dass man seiner Sache sicher und dass man fest genug sei, alle Folgen, die die Verbreitung der anerkannten und nützlichen Wahrheit für uns selbst haben könnte, mit eben der Würde zu ertragen, mit der man die Wahrheit sagte, so verlässt man sich entweder auf die Gutmütigkeit dieser so schwer angeschuldigten Fürsten oder auf seine eigene unbedeutende und folgenlose Obskurität. Der Verfasser dieser Blätter glaubt weder durch seine Behauptungen, noch durch seinen Ton irgendeinen Fürsten der Erde zu beleidigen, sondern vielmehr sie alle zu verbinden. Dass man glaubt, in einem gewissen grossen staat werde den Sätzen, die er hier zu begründen sucht, geradezu entgegengehandelt, hat ihm freilich nicht verborgen bleiben können; aber er wusste nicht weniger, dass in benachbarten protestantischen Staaten wohl mehr geschieht, ohne dass jemand sich sonderlich dagegen ereifert, weil man es da von jeher nicht anders gewohnt war; er wusste, dass es leichter ist, zu untersuchen, was geschehen solle oder nicht solle, als unparteiisch zu beurteilen, was wirklich geschehe, und seine Lage versagte ihm die Data für ein gründliches Urteil der letzteren Art; er wusste, dass, wenn auch nicht alle Tatsachen als solche sich sollten verteidigen lassen, dennoch die Triebfedern derselben sehr edel sein könnten - und in unserem Falle würde er die erfinderische Güte bewundern, die uns zur wärmeren Schätzung und zum eifrigeren Gebrauche eines Guts, gegen das der langwierige Genuss uns kalt gemacht hatte, durch den scheinbaren Versuch es uns zu rauben, kräftiger erwecken wollte, - die seltene Grossmut anstaunen, die sich und ihre liebsten Freunde der Gefahr, verkannt, verlästert, gehasst zu werden, wohlüberlegterweise aussetzte, bloss um die Aufklärung zu befördern und höherzubringen; endlich wusste er, dass er selbst durch diese Blätter jedem staat eine erwünschte gelegenheit gibt, durch die Erlaubnis ihres Drucks und ihres öffentlichen Verkaufs, durch die Verteilung derselben an seine Geistlichen, usw. die Reinheit seiner Absichten zu beweisen. Kein Staat, in welchem diese Blätter gedruckt und öffentlich verkauft werden, sucht die Aufklärung zu unterdrücken. Hat der Verfasser geirrt, so wird der wahrheitsliebende Herr Cranz nicht versäumen, ihn zu widerlegen. Es geschieht demnach gar nicht aus politischen, sondern aus schriftstellerischen Gründen, dass der Verfasser seinen Namen nicht anzeigt. Wer ein Recht hat, danach zu fragen, und auf rechtliche Art fragt, dem wird er sich ohne Scheu nennen; und zu seiner Zeit wird er sich ungefragt nennen; denn chaque honnete homme doit avouer, ce qu'il a ecrit, denkt er mit Rousseau.
Um wieviel weniger Elend die Menschheit unter den meisten ihrer gegenwärtigen Staatsverfassungen erdulde, als sie im stand der gänzlichen Auflösung erdulden würde, wollen wir hier nicht untersuchen; genug, sie duldet - und sie soll dulden: das Land unserer Staatsverfassungen ist das Land der Mühe und der Arbeit; das Land des Genusses liegt nicht unterm mond. Aber ebendieses Elend soll ihr ein treibender Stachel sein, ihre Kräfte zu üben im Kampfe mit ihm, und im schwer zu erringenden Siege sich für den künftigen Genuss zu stärken. Die Menschheit sollte elend sein, aber sie sollte nicht elend bleiben. Ihre Staatsverfassungen, die Quellen ihres gemeinsamen Elends, konnten bis jetzt freilich nicht besser sein - sonst wären sie es -, aber sie sollen immer besser werden. Dieses geschah, soweit wir die Menschengeschichte vor uns verfolgen können, und wird geschehen, solange eine Menschengeschichte sein wird, auf zweierlei Art; entweder durch gewaltsame