All_Enlightenment_51.txt

wenn man es in der tiefsten Rohigkeit lässt. Wenn es gar nichts kennt, so bleibt ihm auch jedes Mittel zur Bequemlichkeit und zum Sinnesgenuss unbekannt, ausser denen, wozu Tiertrieb es leitet. Aber damit ist wahrlich nichts gewonnen. Kein Vater sticht doch seinem Sohn die Augen aus, damit er nicht durch Weiberreiz verführt werde. Und Gott gab uns ein Auge, das schöne Formen sehen, ein Ohr, das Harmonie und Melodie hören, eine Zunge, die das feinste Salz der Geschöpfe schmecken, und eine Phantasie, die das alles vergegenwärtigen, ausmalen, mit neuem Reiz herausputzen kann - ob Er gleichwohl wusste, dass diese Sinne und diese Einbildungskraft zu Üppigkeit verführen können. Alle Aufklärung ist freilich nicht stark genug, um den Strom der mächtigen Sinnlichkeit zu hemmen; aber ein unaufgeklärter Mensch wird sich doch sicher jedem Sinnesgenuss mehr hingeben, als ein anderer, der an Nachdenken über sich selbst und seine Pflichten und seine Bestimmung und über dauerndes Glück gewöhnt ist. Wird ja doch wohl der Mensch darum nicht unverständiger handeln, weil er mehr Verstand hat!

VIII.

Und nun könnten wir die Gegenstände bestimmen, über die das Volk aufgeklärt werden, und die Grenzen ziehen, in denen vorerst die Aufklärung, wenigstens bei uns Deutschen, bleiben müsste. Zwar zuckt der wahre Menschenkenner mitleidig die Achsel, wenn er von Grenzen hört, in die man den Menschengeist einschliessen will, der gerade darum Menschengeist ist, weil er sich in keine Grenzen einschliessen lässt: weil ihm kein Despot und keine Akademie vorschreiben kann, worüber er nachdenken und nicht nachdenken, und wie weit sein Nachdenken gehen solle. Cook wäre darum doch Cook geworden, wenn auch das Parlament genau bestimmt hätte, wie weit die Aufklärung in den Krämerbuden und auf den Kohlenschiffen gehen solle. Und Necker wäre jetzt doch kein gewöhnlicher Bankier, wenn man ihm auch die gewöhnlichste Bankiersbildung gegeben hätte. Aber das sind vorzügliche Köpfe, die sich in allen Ständen selbst bilden: sie gehören nicht zum Volk, und wenn auch ihre Väter Schweinhirten gewesen wären. Sie gehen ihren eigenen Weg, erheben sich mit eigener Schwungkraft zu der Höhe, nach der ihr Wesen strebt. Der, der sie schuf, kennt allein die Grenzen ihres Denkens und ihrer Kraft. - Hier ist die Frage von dem grossen Haufen, der ohne Anstoss nicht nachdenkt, sich nicht bildet, nichts wirkt, als was er zur Befriedigung seiner tierischen Bedürfnisse wirken muss; an dessen Bildung der Staat arbeiten muss, wenn er je eine Stufe höher steigen soll. Es ist die Rede von dem gewöhnlichen Landmann und Handwerker und deren Familien, woraus bei weitem der grösste teil der Menschen besteht; - von dem, was nicht dieser oder jener aus eigenem Trieb tut, sondern was der Staat zu deren Bildung tun soll: Und das gibt sich nun von selbst. Das Volk soll das lernen, was jeden zu einem besseren Menschen, Untertan, Hausvater, Landmann, Handwerker machen kann. Was das Volk ohnehin wissen muss, soll es richtig wissen; die Begriffe, auf die es ohnehin stösst, sollen wahr und klar sein. Das, worauf der Landmann ohnehin sein Nachdenken richten muss, soll er lernen richtig beurteilen; das Geschäft, das er doch treibt, soll er lernen vernünftig und zweckmässig treiben; was man ihm gibt, soll gewisse, durch Erfahrung oder geschichte bestätigte Wahrheit sein. Er soll lernen, seine Bibel besser verstehen; bekannt werden mit ihren wesentlichen Lehren, ihrem Geist, mit seinen Pflichten und mit den Ursachen, warum ihm jede heilig sein muss. Er soll seinen Körper so weit kennen, dass er wenigstens weiss, was in diesem oder jenem gewöhnlichen Fall schädlich ist; soll einige historische Kenntnis haben von den Ursachen der Erscheinungen, die er so oft um sich her sieht. Er soll seinen Acker besser bauen, seine Gärten besser nutzen, seine Bäume besser behandeln, sein Vieh besser warten; er soll sich helfen lernen in den Verlegenheiten, in die er leicht kommen kann. Er soll deutlich und genau wissen, was die Obrigkeit ihm befohlen oder verboten hat. Der Handwerker soll die Fertigkeiten und Geschicklichkeiten lernen, die ihm zu seinem Handwerk nötig oder nützlich sind. Das Mädchen soll all die weiblichen arbeiten in der möglichsten Geschwindigkeit und Vollkommenheit lernen, die es dereinst für die Seinigen oder zur Erwerbung seines Unterhaltes bedarf. Alle sollen ihren Verstand so weit bilden, dass sie weiter nachdenken können über das, was ihnen als Menschen und in ihrer Lage wichtig sein muss. Also:

Richtige, bestimmte und populäre Begriffe von Religion und ihren Pflichten;

Fertigkeit im reinen harmonischen Singen einfacher Lieder, um religiösen Sinn zu wecken und zu nähren;

Bekanntschaft mit guten, volksmässigen, frohen, einfachen Liedern, um die schlechten, vergiftenden zu verdrängen, und zu unschädlicher Fröhlichkeit bei der Arbeit zu stimmen; -

Richtige Begriffe von Regen und Wind, Donner und Blitz, und andern gewöhnlichen Naturerscheinungen; -

Einige Kenntnis vom menschlichen Körper, mit darauf gebauten diätetischen grundsätzen und negativen Regeln;

Richtige Begriffe von der besten Art, sein Land und seine Gärten zu bauen, Bäume, Bienen, Vieh zu behandeln, seine Produkte zu nutzen; -

Einfache und bestimmte Mittel, sich in plötzlich eintretender Not aufs beste zu helfen;

Und Kenntnis der Polizeigesetze des Landes, das jeder bewohnt. -

Das wäre, was dem Landmann ausser Lesen, Schreiben und Rechnen, besonders aus dem Kopf Rechnen, beigebracht werden müsste. Die Aufklärung weiter auszudehnen, ihn mit