aller Gesellschaft vorangehen müsse, dass man zum voraus ein guter Mensch sein müsse, um ein guter Bürger zu sein. Weil aber die Tugend ohne Wirkungskreis sein würde, wenn keine Gesellschaft wäre, so nötigt die Verpflichtung auf Tugend den Menschen, in Gesellschaft zu treten. Läge in dem Menschen kein Trieb, seine Freiheit nach Vernunftgesetzen zu äussern, folglich nach einer Vorstellung von allgemeinen Regeln zu handeln, so würde nie eine konsistente menschliche Gesellschaft entstanden sein, noch entstehen können. Die Menschen würden wie die Tiere zusammen- und auseinanderlaufen, je nachdem es die zufälligen Bedürfnisse erheischten, und von Pflicht würde keiner etwas wissen. Die Vernunft wirkt aber weit früher und lässt weit eher Spuren ihrer Selbstmacht blicken, als der Mensch sich ihrer bewusst wird und sich das zum gesetz macht, worauf sie ihn hinwinkt.
Der Aufgeklärte sieht also den höchstmöglichen Grad der Sittlichkeit und Veredlung der Nation als den letzten Endzweck des Staates an und verstopft dadurch die Quelle, wodurch einzig und allein Unordnung in der Menschengesellschaft und Empörungen in Staaten möglich sind - die Quelle des Eigennutzes. Es ist ein fast allgemeiner und in aller Herzen stark wirkender Irrtum, dass sie sich immer die blosse Glückseligkeit zum höchsten Objekt ihres Bestrebens setzen und dabei die sittliche Kultur entweder ganz übersehen oder sie doch nur um der Glückseligkeit willen betreiben, das heisst, sie in den Dienst der Selbstsucht nehmen. Daher kommt es dann, dass aller Glückskalkül, besonders wenn er ins Allgemeine geht, am Ende doch fehlschlägt. Nirgend aber sind diese
Klugheitsmaximen übler angebracht, als wo es auf die Wohlfahrt ganzer Staaten ankommt. Hier muss das Bestreben für das Interesse der Einzelnen notwendig das Ganze ins Verderben ziehen. Die geschichte alter und neuerer zeiten liefert hiervon hinlängliche Beweise.
Wenn aber der Mensch den Staat als eine Veranstaltung zur Beförderung seiner Sittlichkeit betrachtet, so wird er mit Ehrfurcht und Hochachtung auch selbst diejenigen gesetz beobachten, gegen die sein Eigennutz so gern Einwendungen macht.
Der Aufgeklärte ist überzeugt, dass kein Staat ganz vollkommen sein könne, dass es zu dem Ideal des vollkommensten Staates nur eine Annäherung gebe durch unendliche Grade der Vollkommenheit, dass ein Staat, der sich für vollendet hielte, schon im Begriff stehen müsse, wieder zu sinken, dass aber auch die Menschheit nur von Stufe zu Stufe in ihrer Veredlung steigen könne, dass also Volksempörung und Aufruhr unmöglich die Mittel sein können, selbst die schlechteste Regierungsform umzuändern. Es gehören lange Vorbereitungen dazu, ehe der Staat zu einer merklichen Höhe und Vollkommenheit emporsteigen könne. - Was war wohl die Ursache, dass der unsterbliche Kaiser Joseph bei seinen vortrefflichen Absichten so wenig seine Zwecke erreichte? Niemand kann ihm einen hohen Grad von Einsicht, schnelle Fassungskraft und den edlen Entschluss, seine Staaten emporzubringen, streitig machen. Auch traf er den rechten Ort, wo das Übel lag, und die gehörigen Mittel, seinen Entschluss auszuführen. Er wollte sein Volk veredeln und beglücken, daher richtete er sein Augenmerk auf die Bildung der Jugend und die Verbesserung der Finanzen, suchte Irrtümer zu entfernen und Vorurteile zu verdrängen. Allein, wie edel und gross sein Vorhaben auch war, so fand er doch seine Völker noch lange nicht vorbereitet genug. Vielen diente noch Milch, und er setzte ihnen starke Speise vor. Zudem ging er zu rasch. Er hielt den vom Star Geheilten die helle Mittagssonne vor die Augen, was Wunder, wenn sie mehr geblendet als erleuchtet wurden? Er wollte ein nur durch mehrere Menschenalter mögliches Werk allein vollenden und übereilte daher seine schönen Entwürfe.
Eine Regierung kann und soll sich nur allmählich, aber unablässig dem Ideale einer vollkommenen Staatsverfassung und Gesetzgebung nähern, einer Verfassung, die aus dem ursprünglichen Wert und Zweck der Menschheit abfliesst, die jeden Staatsbürger als Zweck an sich betrachtet, die nur solche gesetz gibt, wodurch allgemeine Wohlfahrt erzielt wird, gesetz, welche bei allen, die Lust und Kraft haben sie zu ergründen, einen willigen Gehorsam erzeugen, welche am Faden der Moral und des Naturrechts ablaufen, welche von der Weisheit gegeben und von der Gerechtigkeit verwaltet werden. Die Annäherung zu diesem Ideal einer vollendeten Staatsverfassung geht nun freilich ins Unendliche fort, und alles Bestreben, dasselbe zu erreichen, wird noch immer unendlich weit davon entfernt bleiben, und eben darum wird es sich der Vernünftige auch nie beigehen lassen, dass dies auf dem Weg gewaltsamer Revolutionen erstürmt werden könne; allein eben darum darf der Mensch doch nicht mutlos zurückbeben, weil ihm das durch seine übersinnliche natur bestimmte Gut zu hoch schwebt, als dass er es je ganz erreichen könnte. Fern sei es, dass uns die unabsehbare Weite idealischer Menschengrösse und Staatsvollkommenheit abschrecken und kleinmütig machen sollte; die eben, die Unendlichkeit der Vollendung, welche beiden vorgeschrieben ist, muss die Seele mit grösserem Mut und erhabeneren Entwürfen erfüllen, muss den Menschen lehren, dass sein Dasein so weit reicht, als sein Zweck gesetzt ist, und dass der Staat sich so lange vervollkommnen soll, als er noch von dem Ideal seiner Verfassung zurück ist; beide, das Menschengeschlecht und seine irdische Verfassung, müssen als für die Ewigkeit, beide zu einer Vervollkommnung ins Unendliche bestimmt, angesehen werden. Der Staat, wie der Mensch, hat nie einen Ruhepunkt oder Stillstand, sondern an ihm muss unaufhörlich, nicht allein zur Erhaltung des Gegenwärtigen, sondern auf eine immer grössere innere Vollkommenheit gearbeitet werden.
Man muss nie den Gedanken verlieren, dass die Menschheit in einem immerwährenden Wachstum begriffen ist und durch vernünftige Selbsttätigkeit immer höher emporsteigen soll, so auch der Staat nach seiner