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der Mode gekommen, so wäre es ein Meisterstreich derselben, die Menschen, von denen hier die Rede ist, zu bestechen, in eben dem Ton wider die Fürsten zu schreiben, indem sie jetzt für dieselben schreiben. Der Unverstand und die Ungezogenheit, womit einige Zeitungs- und Broschürenschreiber wider die Fürsten getobt haben, hat, insonderheit bei dem grossen Haufen, für das Interesse derselben mächtiger gewirkt, als es die bündigste Verteidigung ihres Ansehens und ihrer Rechte hätte tun können.

3. Die elende verworfene Klasse von Menschen, die aus Wahnsinn oder teuflischer Bosheit Aufruhr predigt, zur Störung der bürgerlichen Ordnung und zur Übertretung der gesetz aufwiegelt, zähle ich gar nicht unter die Schriftsteller und überlasse sie der öffentlichen Verachtung und der Ahndung der Obrigkeit.

Johann Heinrich Tieftrunk Über den Einfluss der Aufklärung auf Revolutionen

Wir leben dermalen in einem Jahrhundert der Aufklärung, soll das zur Ehre oder zur Schande unseres Jahrhunderts gesagt sein? - Wir leben auch in einem Jahrhundert von Revolutionen. Ist es die Aufklärung, welche gegenwärtig die Ruhe der Staaten untergräbt? - Männer aus allen Ständen stehen hier wider den Gelehrten. Dieser, sagt man, habe durch Aufklärung die Gemüter des Volkes zur Unzufriedenheit verleitet; er habe Grundsätze, welche für die Ruhe der Staaten gefährlich seien, unter dasselbe ausgebreitet; er habe die Religion des Volkes herabgewürdigt und auf diese Art Zügellosigkeit und allgemeine Sittenverderbnis bewirkt; er trage also die Schuld aller Übel, welche den Empörungsgeist unserer zeiten verursachte und noch täglich verursacht. Aufklärung, heisst es, ist die Quelle der Revolutionen.

Man sucht hier alles Fortschreiten des menschlichen Wissens verdächtig zu machen, und deswegen sucht man den Begriff von Aufklärung an gehässige Nebenbegriffe aller Art anzuknüpfen. Jetzt heissen Ketzerei, Freidenken, Jakobinismus, Verwerfung alles noch so ehrwürdigen Ansehens Aufklärung. Jetzt ist Aufklärung Majestäts-Verbrechen. Man muss den Begriff von Aufklärung genau bestimmen, und dann erst lässt sich die Frage aufwerfen: wieviel Anteil hat dieselbe an den begebenheiten unserer Zeit?

Aufklärung heisst nichts mehr als Fortschreitung im Selbstdenken; und mitin auch in der Sittlichkeit. Das Bestreben hierin ist Aufruf der vernünftigen natur und die höchste Pflicht, die wir uns und der Menschheit schuldig sind. Keine heilige und ehrwürdige Wahrheit, woran der Menschheit liegt, und von der die Wohlfahrt der bürgerlichen Gesellschaft, die achtung für Tugend und Religion abhängt, kann darunter leiden, und eben darum nicht, weil sie, wie man voraussetzt, Wahrheit ist. Je mehr ich mich im Selbstdenken übe, je mehr ich mich bestrebe, Deutlichkeit und Zusammenhang in meine Kenntnisse zu bringen, desto näher rücke ich als Mensch und Staatsbürger meiner Bestimmung. Die praktische Vernunft gibt mir das höchste Sittengesetz; durch dieses leitet sie mich auf die wichtigsten Grundwahrheiten der Religion. Je mehr ich mich in die Betrachtung der natur verliere, desto mehr wächst Ehrfurcht, Liebe und Hochachtung gegen den grossen Urheber derselben, ein gut geordneter Verstand nimmt sich's gar nicht heraus, Geheimnisse zu erkennen, die ausser dem Kreis aller Erkenntnis liegen. Wie kann man also bei der unglücklichen Umwälzung des französischen staates, bei der Zerstörung alter, wohl hergebrachter Rechte und Würden, die Aufklärung oder den bestmöglichsten Gebrauch der Vernunft lästern? Wie kann man selbe als die Ursache der greulichsten Schandtaten betrachten, welche durch diese Staatsumwälzung veranlasst wurden? Die Zerstörung alter Rechte hält man für eine Verletzung der Menschheit, und die Vernunft, die Quelle aller Rechte, ohne die man sich nicht einmal einen Begriff von Recht machen kann, will man verstopfen? Wer die Aufklärung beschränken will, aus Furcht, durch sie gewisse Wahrheiten zu verlieren, der weiss gar nicht, was er will; oder er verrät ein Misstrauen auf eben die Wahrheiten, für welche er eifert; oder er ist ein Heuchler.

Aufklärung flösst Gehorsam und achtung gegen Regentenrechte ein, und zwar durch Gründe. Aufklärung belehrt die Menschen, dass sie ohne bürgerliche gesetz ihr Leben weder sicher erhalten, noch dasselbe geniessen könnten; dass sie die wichtigsten Teile ihrer Glückseligkeit: Ruhe, gelegenheit zum Erwerb, gesellschaftliche Freuden, Überfluss an Lebensmitteln und alles, was zur Bildung ihres Geistes und zur Erziehung ihrer Kinder gehört, dem Staat zu verdanken haben; und dass sie alles das entbehren oder auf die schlechteste und dabei lastvollste Weise haben würden, wenn keine gesellschaftliche Verfassung und mitin Verhältnisse zwischen Regenten und Untertanen eingeführt wären. Daher erkennen sie, dass Beschränkungen der Freiheit, die aus jeder vernünftigen Regel, folglich auch aus den Gesetzen des Staates entstehen müssen, zur allgemeinen und individuellen Wohlfahrt unausbleiblich erfordert werden; dass mitin jeder vernünftige Mensch sich diese Einschränkungen sowohl als alle Lasten, welche der Staat dem Bürger auflegt, willig gefallen lassen muss, weil ohne sie das überwiegende, und das Wohl der ganzen Gesellschaft entscheidende Gute nicht erreicht werden kann, welches durch die genaue Befolgung der gesetz des Staates erst möglich wird.

Ein Volk, das keine Aufklärung hat, ist das Spiel jedes heuchlerischen Fanatikers, der ihm aus alledem Befehl Gottes macht, was er zu seinen Absichten: Herrschsucht, Eigennutz oder wie sie immer heissen mögen, am erspriesslichsten findet. Sobald nur das Betragen des Regenten dem Eigennutz des Heuchlers im geringsten zu nahe tritt, wird er gleich Himmel und Hölle bewegen, um sein Interesse, das er zum Interesse des himmels zu machen weiss, gegen die Verordnungen des Fürsten auch mit Gewalt durchzusetzen; jetzt wird ein biblischer Gemeinspruch im stand sein, das dumme Volk mit Feuer und Schwert gegen seinen Regenten zu bewaffnen; jetzt darf man zur