selbst unmoralisch.
Die allgemeinen Regeln, die das Sittengesetz und die Klugheitslehre dem Schriftsteller als solchem auferlegen, lassen sich bald entwerfen, sind bekannt genug und werden in ihrer Allgemeinheit nicht bezweifelt und bestritten. Es kommt alles auf ihre gehörige Anwendung in jedem einzelnen Falle an; und diese, insofern sie bloss Gewissenssache ist, muss dem Gewissen jedes einzelnen überlassen werden. Möge aber auch nur ein jeder unter uns treu und redlich sein Gewissen zu Rate ziehen und dem richterlichen Ausspruch desselben mehr als unlauteren Absichten und Trieben folgen!
So gross, dem Himmel sei Dank! die Zahl der edlen, freimütigen, würdigen Schriftsteller in unserem Vaterland auch ist; so sehr sich diese auch bestreben, die Grundgesetze der Vernunft und der Wahrheit zu verbreiten und dieselben anschaulich und anwendbar zu machen; so gross ihr Eifer und so tätig ihr Bemühen auch ist, das Band des Vertrauens und der Liebe zwischen den Regenten und den Regierten durch die dringende Vorstellung und Anempfehlung der wechselseitigen Rechte und Pflichten derselben immer mehr zu befestigen, so sind doch, leider! nicht alle, die sich zu Schriftstellern, insonderheit in diesem Fach, aufwerfen, von dem Geist des reinen Wohlwollens und der echten Vaterlandsliebe beseelt.
O möchte doch dieser gute Geist sich immer mehr über sie alle verbreiten, sie zur treuen Liebe der Wahrheit und des Rechts bestimmen und sie zur pflichtmässigen Weisheit und Klugheit in ihrem Verhalten anleiten!
Gewiss würden wir dann nicht die elenden niederträchtigen Schmeichler und Lobredner der Grossen vor uns sehen, die mit frecher Verachtung der historischen Wahrheit, der Vernunft und der Sittlichkeit jedes noch so verkehrte und strafbare Beginnen derselben als erhabene Weisheit und als hohes Verdienst ausposaunen.
Wir würden sie nicht kennen, die von Dünkel aufgeblähten, hochfahrenden, gallsüchtigen Menschen, die nach dem dürftigen Kreis ihrer einseitigen Spekulationsideen wie vom Dreifuss heraborakeln, über alles entscheiden, als wenn sie alles wüssten und verständen, und alles besser und am besten wüssten; die das Geschäft und die Rolle eines Schriftstellers und eines Referenten in der gelehrten Welt mit denen eines Staatsinquisitors und Kriminalrichters verwechseln; die keine stimme im Publikum wollen hören lassen und anerkennen, als die ihrige, und Geschwätz, Scharteke oder Aufruhr und Hochverrat schmähen, was nicht in ihren Ton stimmt.
Wir würden sie aber auch nicht kennen, die brausenden, schimärischen Freiheitsstürmer, die mit vieler Wärme oder Glut und mit wenig Licht sich zu Volkslehrern und Weltverbesserern aufwerfen; nicht bedenken und nicht wissen, was sie eigentlich wollen; vergessen, dass es nicht allemal besser in der Welt wird, wenn es anders wird, und die, um auffallend und belustigend zu schreiben, oft alle Grenzen der Sittlichkeit, der Klugheit und des Anstandes überschreiten und sich selbst bis zu pöbelhaftem Witz und zu Schimpfreden herabwürdigen.
Alle diese und damit verwandte Verkehrteiten und Unarten, sowie insonderheit auch die eigensüchtige, engbrüstige Gleichgültigkeit gegen öffentliches Wohl und Weh, die sogar unter ihrer Heuchlermaske gern als die Weisheit einhertreten und gegrüsst sein möchte, würden wir unter den Schriftstellern nicht kennen, wenn sie alle sich von wahrer Überzeugung, lauterem Pflichtgefühl und edlen Absichten leiten und bestimmen liessen.
Aber es ist niederer Eigennutz, verächtliche Eitelkeit, unbändiger Ehrgeiz, Sucht hervorzustechen, Widerspruchsgeist und das Haschen nach dem Beifall der Menge, die nur liest, um die Zeit zu kürzen - diese sind es, die so manche Schriftsteller nach einem ganz anderen Ziel treiben, als nach dem, das allein ihnen vorschweben sollte: Erleuchtung, Veredlung der Menschheit.
In keinem Fach können die schlechten, von unwürdigen Absichten getriebenen Schriftsteller dem gemeinen Wohl und dem Glück der Menschheit so nachteilig werden, als in der Politik. Die Wahrheit dieser Behauptung erhellt aus der natur und Wichtigkeit des Gegenstandes und ausserdem aus dem Schaden, den sie in unseren zeiten in den meisten europäischen Staaten in Rücksicht der Publizität und Pressefreiheit stiften.
Die beiden ersten von mir oben charakterisierten Klassen unedler Schriftsteller arbeiten geradezu darauf los, die Publizität zu unterdrücken, und suchen alles hervor, schwache Regenten durch ihre Schikanen und Deklamationen zu einem so verderblichen Missbrauch ihrer Gewalt zu verleiten - und die letzte, als konspirierte sie mit den beiden ersten, gibt diesen sowie den wohlmeinenden, aber schwachen Fürsten und allen despotisch gesinnten niederen und hohen Regenten einen scheinbaren Vorwand, das heiligste Recht und das höchste Gut der Menschheit zu kränken.
Denn Publizität und durch keine Willkür im allgemeinen beschränkte Freiheit, zu reden und zu schreiben, ist an und für sich eines der höchsten und edelsten Güter der Menschheit und zugleich die notwendige Bedingung der ganzen bürgerlichen Wohlfahrt und Freiheit, des steten Wachstums an Ausbildung und Veredlung der Menschen, der Sicherheit gegen Despotismus und Anarchie, des Schutzes gegen Unwissenheit und Barbarei. Ein Volk, das sich das Recht rauben lässt, frei zu reden und zu schreiben, muss in bürgerliche und Geistessklaverei versinken und ist keines besseren Loses würdig und empfänglich, bis es sich ermannt und die Vorsehung sich seiner erbarmt.
1 Ein öffentlicher Beleg zu der Wahrheit dieser Behauptung kommt mir soeben ganz ungesucht zu Gesicht. Ich finde in den Hannoverschen Intelligenzblättern die Ankündigung einer neuen Monatsschrift unter dem Titel: Urania, deren Herausgeber der Herr Generalsuperintendent Ewald in Detmold ist, mit folgendem Anhange oder Zusatz:
>>Die strenge Berliner teologische Zensur verhindert indes den Generalsuperintendent Ewald, den Verlag der angezeigten Urania der Frankeschen Handlung zu überlassen, und er hat ihn daher uns, der unterzeichneten Buchhandlung übertragen. Hannover den 11.Januar 1793
Königl. privil. Helwingsche
Buchhandlung<<
2. Wäre nicht, wie man sagt, die sogenannte Machiavellische Politik ganz aus