All_Enlightenment_145.txt

, Büchersäle verschlossen und - die Bibel verboten, sah die Wahrheit an einen gewissen Stand, gewisse Personen und Parteien gebunden, Richter der Meinungen und Gewissen gesetzt und einen Richterstuhl errichtet, welcher jeden verbrannte, welcher die Messe nicht hörte. Sie sah Ströme von Menschenblut fliessen und hunderttausend in einer Nacht erwürgt oder durch einen Befehl vertrieben, weil sie an die Gotteit eines Bösewichts nicht glauben konnten. Sie sah endlich Koncilien, Symbole, Eide, Normalbücher und ein Richteramt, welches bestimmte, was wahr sein sollte und die Kinder des Verstandes schon verdammte, ehe sie geboren wurden. So arbeitete alles an der Verfinsterung der Welt, Gelehrte und Ungelehrte, Freunde der Wahrheit sowohl als ihre Feinde. Diese mit Absicht, jene ohne es zu wissen. Die Wissenschaften selbst liessen sich zu diesem widernatürlichen Dienst gebrauchen. Sie eröffneten und leerten das ganze Zeughaus ihres Aristoteles, um mit seinen Spitzfindigkeiten sich gegen Gründe zu waffnen. Und wer könnte alle die unglücklichen Erfindungen aufzählen, ehe der Knecht aller Knechte zu Rom es dahin brachte, dass er auf Kaiserkronen treten konnte? Aber nicht nur vom Abend her war der Horizont mit dunklen Gewölken umzogen. Auch vom Morgen her kamen ihnen andere entgegen, um mit ihnen sich zu vereinigen. Stambul und Rom schienen bestimmt zu sein, die Welt zu verfinstern und zu beherrschen. In diesem grossen Zeitraum fand die Aufklärung nur zweimal gekrönte Freunde und Beschützer. Karl der Grosse trat auf, so ward es Morgen. Aber gleich darauf folgte wieder eine lange Nacht von tausend Jahren. Nun erschien Friedrich der Grosse, und es ward Tag!

Ehe dies leuchtende Gestirn an Germanias Himmel erschien, hatte man schon manche Anstalten zur Erleuchtung der Welt gemacht. Man hatte hohe und niedere schulen eröffnet, Akademien und gelehrte Gesellschaften gestiftet, Büchersäle angelegt, grosse Gelehrte und Künstler belohnt, den öffentlichen Stand der Lehrer mit Einkünften, Ansehen, Vorschriften und Aufsehern versehen, Lehrbücher entworfen und eingeführt und durch Hilfe der geschäftigen Presse ein unübersehbares Heer von Schriften in die Welt hineingebracht. Diese Anstalten taten etwas, aber bei weitem nicht alles, was man erwartete. Erweckung und Anwendung der Denkkraft, die Seele der wahren Aufklärung, konnte durch sie nicht sonderlich genesen. Grösstenteils betrafen diese Anstalten mehr die Gelehrsamkeit als die Erleuchtung. Sie waren also nur für wenige da, welche Anteil daran nehmen konnten. Was man schon oft gesehen hatte, sah man auch hier, Gelehrsamkeit ohne Aufklärung. Der Geist schmiegte sich in seine bestimmte Form, und die Wahrheit ging einher in den Fesseln der Schule. Niedere schulen brachten ihre Zeit damit zu, an den Schalen der alten Autoren zu nagen, höhere schulen, Distinktionen zu erfinden, Akademien, darüber zu streiten, und Sorbonnen, sie zu verdammen. Aufseher wachten unaufhörlich über die eingeführten Systeme und Teologen über die Vernunft. Ihr freier Gebrauch war das Vorrecht des einzigen Künstlers. Daher jene häufigen Widersprüche, Gelehrte ohne Geschmack und Philosophen ohne Wahrheit!

Aber könnte ich deine grösste und edelste Tat vergessen, o Germania, und den grossen deutschen Mann, der sie dachte und tat? Er stürzte den Koloss des geistlichen Despotismus und entwand Rom den Blitz aus der Hand, welchen es durch die schauderhafte Nacht so oft und fürchterlich schleuderte. Plötzlich fühlten Könige ihre Kronen und Untertanen ihren Geist. Gleich einem befreiten Gefangenen konnte er es kaum glauben, dass er frei sei. Aber das Licht drang vom Tron herab bis in die Hütte. Ihm folgte in der Nähe Glück, Sicherheit und Tugend, und Deutschland siegte durch Weisheit, wie vorher durch Waffen.

Dies ist dein Werk, grosser deutscher Mann. Seitdem ist dein blosser Name uns ein Triumph. Und doch, wenn du bisweilen unter uns verweilst, um dein grosses Werk zu prüfen, so vergib uns, ehrwürdiger Schatten, dass du uns da noch findest, wo du vor dreihundert Jahren uns verliessest; was sag' ich? dass du sogar einige Schritte zurück uns antriffst. Sieh, wir haben noch getreulich von dir deine Schriften, Meinungen, Einrichtungen, Namen, kurz alles - nur nicht deinen Geist, gleich dem Jünger des Elias, welcher statt des Geistes seines Lehrers nur seinen Mantel zurückbehielt. Du wusstest, dass dein Werk noch nicht vollendet sei, aber gleich, als wäre es auf immer vollendet, gehen wir, um nicht über die Grenzen hinauszukommen, absichtlich einige Schritte zurück. Du hattest grossmütig die Fesseln der freien Vernunft zerbrochen. Aber bald nach deinem Tod wurden deine Schriften neue Ketten. So wie du auf die Bibel verwiesest, so verwies man die Welt auf dich. Man schwor auf deine Meinungen und deinen Namen. So wurden Fortschritte unmöglich und Trennungen und Verfolgungen der Völker unvermeidlich. Der Name eines Reformators war bei dir Ehre, unter uns wäre er Schande, und so wie dein Zeitalter dich als Freigeist verdammte, so würde es das unsrige wieder tun, wenn es viele deiner Meinungen einsehen wollte. Selbst vor dem nahen Tod schämtest du dich nicht, Einsichten zu ändern und Meinungen zurückzunehmen - aber wer dürfte es wagen, deinen Katechismus zu ändern, welchen du vor dreihundert Jahren für einfältige Pfarrherren schriebst?

Wenn daher für die Aufklärung von jeher auch noch soviel geschehen wäre, so hätte es doch nicht gleiche wirkung. Gesetzt, man hätte einen Befehl, einen alten Irrtum zu glauben, und einen entgegengesetzten Befehl, ihn nicht zu glauben, welcher von beiden würde weniger Widerspruch und mehr Gehorsam finden? Im ersten Falle würde der grösste teil aus Unwissenheit nichts Bedenkliches