All_Enlightenment_139.txt

Mittag oder heiterer Abend darauf folgen soll. Leichter und also auch gewöhnlicher ist der Fall, dass sie geflissentlich noch verdickt werden. Da steht das Kind, ein Fremdling in der fremden Welt, und staunt die Wunder an, welche es von allen Seiten umgeben. Man sollte sie ihm erklären, aber man vermehrt sie mit neuen. Um seine Wissbegierde zu spannen oder auch seinen Ungehorsam durch Furcht zu bändigen, vereinigen sich die geschäftige Amme, die teilnehmende Base, der zärtliche Vater und der blödsichtige Erzieher, durch tausend abgeschmackte und wunderbare Erzählungen den zarten Geist zu verschrauben. Bekannt in dem weitläufigen Reich der Fabel, geht er dann aus der Welt ebenso fremd wieder hinaus, als er hereinkam.

So finden Ungewissheit und Irrtum zu allen zeiten mehr hände, welche für sie arbeiten, als Wahrheit und Klugheit. Und wenn es die Frage ist von mehr Unterstützung, Einladungen und Vorteilen und weniger Gefahren und Aufopferungen, so ist leicht vorherzusehen, auf welche Seite die Waagschale sich neigen werde. Denn welche Vorzüge hat der Mann von hellen Einsichten? Nicht wenige, wenn wir nicht ungerecht sein wollen. Zum wenigstens halte ich das Vergnügen, Wahrheit zu suchen und zu finden, so lange für das grösste, bis ich ein grösseres kennenlerne. Da er heller und weiter sieht, als andere, so darf er sich selbst auch mehr gefallen. Die Vernunft, welche seinen Weg erleuchtet, lässt ihn sogar bisweilen in die Zukunft hineinblicken. Wenn es für ihn weniger Freuden gibt, so sind sie zum wenigsten auch edler.

Mit gleicher Entschlossenheit trotzt er den Stürmen seiner leidenschaft und seines Schicksals. Furcht und Schrecken sind für ihn nicht viel mehr, als blosse Worte. Ich wusste es vorher, sagt er, und so hat das Unglück an ihm seinen Streich verfehlt. Es lässt sich vermuten, dass er den Beifall der edlen gewinnen und sein Leben desto besser geniessen werde, je mehr er es von seiner angenehmen und unangenehmen Seite kennt.

Diesen Vorteilen stehen nun ebenso grosse Unbequemlichkeiten gegenüber. Tränk er auch die Wahrheit aus Strömen, seinen Durst würde er doch nie ganz löschen. Welche Anstrengungen und Aufopferungen von Zeit, Kräften, Vergnügen und Gütern! und doch welch öftere Beschämungen! Denn oft sieht er erst am Ende eines langen und mühevollen Weges, dass es der rechte nicht sei. Zu einer anderen Zeit fand er die Spur, auf welcher die Wahrheit vor ihm herging. Aber je näher er ihr kam, desto höher erhob sie sich über die Erde zum Himmel. Glücklich genug, wenn er den Mantel auffing, welchen sie beim Entfliehen zur Erde herabfallen liess. Je mehr der Kreis seiner Einsichten sich erweitert, desto mehr verengt sich der Kreis seiner Vergnügen. So mancher Einfall, Buch oder Gesellschaft, welche eine ganze Menge in ein behagliches Gelächter ausschütten, können ihm nicht einmal ein gezwungenes Lächeln ablocken. Diesen unangenehmen Dienst haben Witz und Vernunft ihm geleistet. Beneidet von denen, die ihm gleich sind, gehasst und gescheut von denen, welche unter ihm stehen, kann er sich glücklich schätzen, wenn er seine Weisheit nicht empfindlicher büssen muss. Denn Weisheit war fast immer das gefährlichste Verbrechen. Der griechische Sokrates war nicht der erste und der deutsche Wolf nicht der letzte, welche es erfuhren. Der Aberglaube allein hat das Vorrecht zu verbrennen und nie selbst verbrannt zu werden, und ein Dummkopf auf dem Scheiterhaufen wäre zum wenigsten eine sehr seltsame Erscheinung.

Dies alles hat der Mann von trüben Einsichten nicht zu fürchten. Unangefochten von Zweifeln und schärferem Nachdenken nimmt er aufs Wort an, was er bekommt. So hat er in kurzer Zeit mehr als andere. Sei es auch falsche Münze, in seinen Augen wird jedes Metall zu echtem Gold. Da er viel glaubt, so hält er zur Entschädigung sich für berechtigt, wenig zu tun. Und da die Verwaltung der meisten Geschäfte grossenteils auf einer maschinenmässigen Gewohnheit beruht, so kann er vom Glück alles das erwarten, was einige wenige ihm abzuzwingen suchen. So wenig er Bewunderer haben kann, ebenso wenig hat er auch Feinde. Ohne grosse Ansprüche und Anstrengung spart er seine Kräfte und seine Schätze, nährt seinen Körper mit speisen und seine Seele mit Dünkel. Unstreitig ist dies der bequemste Weg, aus der Welt wieder hinauszukommen. Kein Wunder, dass die meisten ihn bisher betraten und künftig noch betreten werden.

Der Aberglaube erkennt es für Pflicht, den Andersdenkenden zu hassen, zu verfolgen und auf jede Art zu bekehren. Dies dünkt ihm Sache Gottes und der Tugend. In seinen Augen macht eine ehrwürdige Sache jedes Mittel auch heilig. Nachdem die Umstände es erfordern, muss ihm die Politik bald mit ihrer List, bald mit ihrer Gewalt beistehen. Denn er geht von den nichts weniger als unbedeutenden und kraftlosen Beschimpfungen eines Freigeistes und Gotteslästerers durch alle Stufen bis zu den Scheiterhaufen fort. Wen alsdann die Gefahren nicht abschrecken, den locken die Belohnungen.

Welches sind nun dagegen die Waffen, mit welchen die Aufklärung auf Eroberungen ausgehen kann? Was anders, als unterrichtende Vernunft, und allenfalls spottender Witz. Aber Unterricht verlangt einen denkenden Geist. Er ist also nur immer die Sache der Wenigsten. Und dann kommt ja alles darauf an, ob man ihn annehmen will oder nicht. Was kann die beste Medizin wirken, wenn man sie im voraus als verdächtig und gefährlich verwirft. Der beste Mann und das klügste Buch verlieren ihre Kraft und ihren Einfluss, sobald der Aberglaube sie mit dem Stempel der Freigeisterei gebrandmarkt hat. Wie wenig hingegen