All_Enlightenment_117.txt

Begriff kostet; der andere hat nichts dabei zu tun, als sich der Bequemlichkeiten zu bedienen, die der deutliche Begriff für ihn hat; jener muss immer so viele Vorrätige beisammen haben, als ihm nötig sind, um neue Wahrheiten zu finden: diesem genügen die wenigen, die man braucht um eine schon gefundene Wahrheit einzusehen. Der Erste muss jeden Begriff, der sich in seine Merkmale auflösen lässt, deutlich denken können: der Zweite aber nur diejenigen, die ihm ein anderer aufgelöset, und so zu sagen in die hände gearbeitet hat. Der Philosoph endlich versteht die Kunst deutliche Begriffe zu bilden, er kann also seine Ideen so weit zergliedern als es seine Absicht erfordert, kann sich über die Zulänglichkeit der gefundenen Merkmale Rechenschaft geben, und sie so oft hervorrufen, als er für gut findet: der Pöbel hingegen versteht nichts von dieser Kunst;

er hat nur so viele Merkmale von jedem Begriffe in seiner Gewalt, als ihm die Geschicklichkeit seiner Lehrer beizubringen wusste; er kann sie auch nur in gewissen Fällen hervorrufen,' wenn er dazu veranlasset wird, und sieht überhaupt nicht leicht weiter als man ihn sehen lassen will; kurz, der Volksbegriff ist nur in so weit deutlich als er richtig ist, da hingegen der philosophische nur in so weit richtig ist, als er deutlich ist.

Die deutlichen Volksbegriffe sind also keine logischen und metaphysischen Definitionen, und dürfen es auch nicht sein. Sie verdienen aber den Namen deutlicher Begriffe, weil sie meistens durch deutliches Denken ausser den Köpfen des Pöbels entstehen müssen; weil sie ihm durch deutliche Erklärungen beigebracht werden; weil sie auch in den Köpfen des Pöbels selbst noch immer getrennte Merkmale eines einzigen Begriffes sind, wirkliche Beschaffenheit des Gegenstandes in seinen besonderen Eigenschaften, durchdachte Wahrheiten der Vernunft darstellen, und trotz ihrer Unvollständigkeit von den sinnlichen Begriffen der unmittelbaren Erfahrung ganz verschieden sind. Deutliche Begriffe in diesem Verstünde genommen sind selbst bei den untersten Classen des Pöbels einer gesitteten Nation nichts seltenes. Ein geschickter Katechet bringt sie sogar bei Kindern hervor. Allein sie müssen hervorgebracht werden. Dies ist das allgemeinste Bedingniss, unter welchem der Pöbel ihrer fähig ist. Allein lässt sich nie reiner philosophischer Begriff für bie Empfänglichkeit des Pöbels bearbeiten, ohne nicht zugleich mit seiner Form, alle seine Evidenz und Brauchbarkeit zu verlieren? Allerdings: und ich denke es geht damit auf folgende Art zu.

Es gibt gewisse Begriffe, die, ich möchte gerne sagen, die Communications brücke zwischen Wissenschaft und Unwissenheit ausmachen; Begriffe, die weder dem Pöbel zu Hoch, noch die Philosophen zu niedrig liegen; Begriffe, die der Philosoph und der Pöbel, welche bei allem ihrem Abstand aus einerlei Leimen gebildet sind, mit einander gemein haben und welche, weil doch alles, es mag noch so verschieden sein, in einander eingreift, sowohl mit den geistigsten und feinsten Nationen des Philosophen, als mit den sinnlichsten Ideen des gemeinen Mannes zusammenhängen. In diesen Begriffen liegt der Talisman der Volksausklärung. Der Zufall, oder. der Weise der die Kunst versteht, sowohl seine deutliche Notion als die verworrene idee des Pöbels nahe genug an jene Mittelbegriff zu rücken, hat den ganzen Zauber bestanden. Sobald diese Begriffe einander berühren, fangt die Volksidee Licht, und wird so deutlich als es eine Volksidee werden kann und soll. Ich will ein Beispiel hersetzen. Der deutliche Begriff, den sich der Philosoph von der Gerechtigkeit Gottes machet, zeigt ihm, dass diese Gerechtigkeit weise ausgeteilte Güte sei, und dass Gott folglich nur aus Güte strafen könne; und, er liebt Gott eben um dieser Gerechtigkeit willen. Der verworrene Begriff hingegen, den der Pöbel von eben dieser Gerechtigkeit hat, und den er seinem mönchischchristlichen Lehrer danken muss, stellt ihm an dieser Gerechtigkeit nichts anders als unerbittliche Strenge, Wohlgefallen an Leiden gebrechlicher Geschöpfe und ewige Unversöhnlichkeit dar, und ich weiss nicht ob er Gott trotz dieser Gerechtigkeit lieben könne. Welcher Abstand zwischen diesen zwei Begriffen! Sollte es wohl möglich sein, den falschen, finstern, abscheulichen Mönchsbegriff in jenen des Weisen umzubilden? Und wie sollte es dabei zugehen? Sehr natürlich. Nur nach einem Begriff umgesehen den Weise und Pöbel mit einander gemein haben, und der mit ihren beiderseitigen Begriffen von Gott verwandt ist; z.B. dem eines Vaters. Gott ist ein weiser Vater, wird der Philosoph anfangen; und der Pöbel wird es ihm sogleich ein räumen; der Philosoph wird fortfahren: ein weiser Vater strafet nur aus Güte; und der Pöbel wird ihm mit dem Schlüsse zuvorkommen: Gott strafet nur aus Güte. Es wird ihm nun sehr begreiflich sein, wenn ihm sein Lehrer die Gerechtigkeit als eine Eigenschaft Gottes vorstellt, die eben so liebenswürdig ist als die Güte selbst.

Bei jeder gesitteten Nation, die aus Gelehrten und Pöbel besteht, sind also die Mittel der Volksaufklärung unaufhörlich da. Sie liegen In den bürgerlichen und häuslichen Verhältnissen, durch welche alle Glieder eines Staates aneinander hängen, oder, welches eben so viel ist, in den Begriffen, über welche sich alle vereinigen, weil sie einander verstehen müssen. Die Entdeckung einer Wahrheit, die auf Menschenwohl Einfluss hat, mag also noch so weit aus den entlegensten Gegenden des menschlichen Wissens hergeholet, und der Verstand eines Pöbels mag durch Mönchsnebel noch so gut gegen alle Zugänge des Lichtes verwahret sein, so wird doch immer die Mitteilung dieser Entdeckung für diesen Pöbel möglich bleiben. Immer sind in dem Gehirne des Philosophen und des 'Pöbels die mitteilenden Kanäle für jede Wahrheit da. Es kann geschehen,