All_Enlightenment_115.txt

Bekanntmachung eines jeden Verfassers einschränkte, nützen? Würde es nicht ebenso damit gehen, wie mit einer Menge anderer Staatsgesetze, die man heute an die öffentlichen Gebäude anschlägt, morgen aber gleich ungerochen übertritt, weil sich der Übertreter in einen geheimen Winkel zurückzieht, in dem ihn die scharfsichtigste Polizei nicht entdecken kann? Man müsste sehr kostbare und den Aufwand bei weitem nicht belohnende Veranstaltungen treffen, wenn man den geheimen Druck und die geheime Verbreitung anonymischer Schriften verhüten wollte. Jede Druckerei und jeder Buchladen müsste einen eigenen, beständigen Aufseher haben, und kaum könnte dieser allen Unterschleif verhüten. Eine solche undankbare und kostspielige Anstalt lässt sich aber auch wohl in dem Staat nicht erwarten, in dem der menschliche Geist mit den kürzesten und schwersten Fesseln beladen ist und wo man den freien Gebrauch der Vernunft für ein grösseres Verbrechen ansieht, als Gotteslästerung und Vatermord.

Offenbar sind also die wenigsten Unbequemlichkeiten mit der uneingeschränkten Pressefreiheit verbunden. Man lasse daher jeden seine Überzeugung von den Dächern predigen; die Wahrheit wird nur in einem desto grösseren Glanz erscheinen, und wenn auch der Irrtum neben ihr das Haupt erhebt, wird sie es ihm, eben wegen ihrer überwiegenden Stärke, desto kräftiger niederstossen. Man lasse sich nicht schrecken durch den Missbrauch, den man von dieser Freiheit machen kann; denn Missbrauch hebt, nach einem alten Grundsatz, den Gebrauch einer Sache nie auf, solange dieser ein grösseres Übel hindert, als jener erzeugen kann; - und oft hindert Einschränkung des Missbrauchs den Gebrauch. Wollte man die Waffen der Soldaten stumpf machen, dass sie sich im Duell nicht beschädigen könnten, so waren sie ihnen gleich unbrauchbar am Tage der Schlacht; und wollte man das starke Getränk mit wasser vermischen, damit der unmässige Genuss desselben nicht berauschte, so wurde auch der Zweck seines mässigen Genusses verfehlt.

Möchten alle Grossen der Erde so von der Pressefreiheit urteilen wie Schwedens Gustav, der ihr mit wenigen Worten die überzeugendste Verteidigungsrede gehalten hat. »In England« - sagt dieser grosse König - »war keine Pressefreiheit, da Karl der Erste seinen Kopf auf den Richtblock legte, oder wie Jacob der Zweite landesflüchtig seinen angeerbten Tron einem ehrgeizigen Schwiegersohn überliess; dieses Recht hat die Nation erst zu Ende von Wilhelms des Dritten oder zu Anfang der Regierung des Hannoverschen Hauses rechtskräftig bekommen - ein Haus, das den englischen Tron mit mehr Glorie und Sicherheit als irgendeines der vorherigen Häuser besessen hat. - Durch die Pressefreiheit kriegt der König die Wahrheit zu wissen, die man mit so vieler Sorgfalt und leider! oft mit so vielem Fortgang vor ihm verbirgt. Den Beamten schafft sie den Vorteil, dass sie wohl verdiente und ungeheuchelte Lobsprüche erhalten können, oder auch bekommen sie gelegenheit, das Volk über falsche Ausdeutungen ihrer Handlungen aufzuklären. Das Volk endlich erhält dadurch die Sicherheit, seine Klagen anzubringen; es erhält den Trost, sich beklagen zu dürfen und oft überzeugt zu werden, dass seine Klagen unbefugt sind

1 Schlözers Briefwechsel, 7. Heft, S. 57 f.

Ludwig Heinrich Jakob Nach welchen grundsätzen soll man politische Meinungen und Handlungen beurteilen?

Alle menschlichen Meinungen und Handlungen lassen sich von einer dreifachen Seite betrachten und beurteilen. I. Von seiten der Klugheit, II. von Seiten des Rechts und III. von seiten der Moral.

I.

Die Klugheit offenbart sich am sichersten in Handlungen. Der weiseste Schwätzer erscheint oft als ein Tor, wenn er seine Weisheit in der Anwendung zeigen soll. Die Regel, welche allen Urteilen über die Klugheit des Betragens einer person zugrunde liegt, ist überhaupt die Zweckmässigkeit, und heisst: Wer sichere und wirksame Mittel zu seinen Zwecken gebraucht, ist klug.

Ob Zwecke und Mittel auch gerecht und gut sind, kommt, wenn man bloss die Klugheit beurteilen will, nicht in Anschlag. Die Königliche Familie in Frankreich aus der Welt zu schaffen, war sehr klug, wenn es den Franzosen um Begründung einer Demokratie zu tun war; denn dass diese ein starkes Hindernis gegen die Einrichtung der neuen Regierungsform sein würde, war leicht abzusehen. Ob eine Demokratie in Frankreich zu errichten auch klug sei, darüber sind bekanntlich die Meinungen geteilt, wenn man nämlich den glücklichen Zustand des Landes sich als den Zweck vorstellt, der dadurch erreicht werden soll. Dass aber in Einrichtung dieser Verfassung viele für sich, d. i. zum Behuf ihrer eigenen Zwecke, klug handeln, wird niemand bezweifeln. Wenn eine politische Macht den Zweck hat, die Demokratie zu stürzen oder gar ganz Frankreich zu ruinieren, so kann man dem Unternehmen, wodurch es alle inneren und äusseren, gerechten oder

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Gedanken über Aufklärung.

(Fortsetzung.)

Ich versuche die nähere Bestimmung des Begriffes Aufklärung.

Mich däucht, aufklären heisst überhaupt aus vernunftfähigen vernünftige Menschen machen. ' Die Zusammenfassung aller Anstalten und Mittel, die zu diesem grossen Zwecke führen, gibt dem Worte Aufklärung den weitesten Umfang seiner Bedeutung.

Der Mensch bringt eine in seiner physischen Anlage gegründete Möglichkeit einst, vernünftig zu wer den mit sich auf die Welt. Dies ist seine Vernunftsfägkeit im weitesten verstand. Jeder sinnliche Eindruck, jede angenehme und schmerzhafte Empfindung, und überhaupt alles was in der Seele eine idee hervorbringt, sie mit dem Stoffe der Vernunft versieht, ihre Anlage der entwicklung näher bringt, gehört zur Aufklärung im weitesten Sinne.

Jener Zustand der Seele, bei welchem die Anlage zur Vernunft schon alle die Bestimmungen erhalten hat, welche sie zunächst zu deutlichen Begriffen, fähig machen, ist die Vernunftfähigkeit im engeren verstand Die Vernunft selbst tritt zuerst mit den deutlitchen