All_Enlightenment_112.txt

das Haus selbst mit seinen Bewohnern zugrunde ging, wenn durch das Übergewicht nicht zugleich das Gleichgewicht verloren ging, wenn für das abgeschaffte und vernichtete Böse und Schlechte nur lauter Gutes und statt Irrtum eitel Wahrheit gegeben würde.

Wie unter dem einen Wort: Despotismus jede unerlaubte, schädliche, willkürliche Gewalt begriffen ist, so mag die diesem Despotismus entgegenstehende und arbeitende geistische Macht durch das Wort: Aufklärung bezeichnet werden.

Man möchte statt dessen Philosophie nennen, wenn sie noch die reine keusche Tochter des himmels wäre, wie sie durch die göttliche Gabe der Vernunft aus der Hand des Schöpfers ausgegangen ist. Hier scheidet es sich aber, wie im ganzen Reich der Geister. Es gibt gute und böse, so auch (man ist nun seit näherer Prüfung über diesen Unterschied ziemlich eins) eine wahre und eine falsche Aufklärung.

Das Geschäft von jener ist Licht, Wahrheit, Wachstum und Ausbreitung von beiden, Harmonie, Ordnung, Ruhe und Friede in und über das ganze Menschengeschlecht.

Das Geschäft von dieser ist Verblendung statt Erleuchtung, Betörung statt Belehrung, Zerstörung, Zwietracht statt Eintracht, Frechheit statt Freiheit, schadenfrohe Verwirrung der Köpfe und Verführung der menschlichen Herzen.

Alle zeiten hatten wahre und falsche Propheten nebeneinander, die Wahrheit ihre Bekenner, die Weisheit ihre Schüler, der Verführer seine Verführten und Betrogenen. Ebenso mit Aufklärern, die es wirklich sind, und die es zu sein sich einbilden und dafür ausgeben.

Die gewöhnliche und von beiden gemeinschaftlich, aber in sehr verschiedener Absicht und Anwendung führende Sprache ist: die Wahrheit muss das Licht vertragen können. Gut; jede gute Polizei verhindert und verbietet aber, Licht ohne Laterne an entzündbare Orte, auf Heu- und Strohböden, in Ställe u. dgl. zu tragen; nirgends wird, um der Lebensgefahr willen, erlaubt, mit Licht in Pulverkammern zu gehen; kriminell wäre, unter dem Vorwand der Beleuchtung, so viel Licht in ein Zimmer zu tragen und es so zu stellen, dass das ganze Haus dadurch in Brand geriete; töricht wäre, am hellen Mittag Licht anzuzünden, damit die Sonne desto heller scheine; Unsinn, Licht auf einen Kirchhof zu setzen, damit der Tote im Grab sehen könne. Lauter Operationen einiger unserer modernen Aufklärer, Lichterzieher und Laternenträger.

Von eben dem Gehalt und Leichtfertigkeit in der Anwendung ist die Entschuldigung: dass durch die gewagtesten, heillosesten Lehren die Wahrheit ja nur noch mehr gesichtet, geläutert und befestigt werde. Wird eine ehrliche Familie leiden, dass man ihren Vater einen Betrüger nenne, um ihr gelegenheit zu geben, seine Ehrlichkeit zu beweisen? Wird man einen Untertanen frei im Land herumgehen lassen, der die einfältigen Bauern zum Ungehorsam und Aufruhr verhetzen und sie bereden wollte, dass ihr Herr ein untergeschobener Prinz sei? Wird ein falscher Münzer dadurch straflos werden, weil er durch seinen Betrug dem Wardein dazu verholfen, gute und falsche Münze voneinander zu unterscheiden?

Wenn es ein allgemeiner gang und gäber Glauben würde, dass man unter dem Schein der Wahrheit und Freiheit alles a priori untersuchen dürfe und müsste, so ist kein König auf seinem Tron, kein ehrlicher Mann in seinem Bett mehr sicher.

Oder, mit einem andern Beispiel: Wenn sich in Berlin, oder vielmehr in Sanssouci ein Italiener gemeldet hätte, der sich durch Proben legitimierte, die echte Aqua Tofana verfertigen zu können, wenn er um ein ausschliessendes Privilegium des Debits mit dem Versprechen, die Hofapoteker in seiner Kunst zu unterrichten, nachgesucht hätte, ist wohl zu vermuten, dass seinem Gesuch willfahren worden wäre? oder ist nicht eher zu glauben, dass man einen solchen Feind des menschlichen Geschlechts und Störer der häuslichen Ruhe und Sicherheit mit aller seiner Kunst in guter Verwahrung eingesperrt und so ausser Stand zu schaden gesetzt hätte? Letzteres ist nicht nur zu glauben, sondern es ist wirklich geschehen. Graf Christian Ernst zu Stollberg--Wernigerode hatte die Klugheit, in den 50er Jahren einen solchen Gift-Fabrikanten, der sich ihm als ein irrender Ritter präsentierte und die probe seiner Kunst an einem Tier bewahrheitete, dem verstorbenen König in Preussen mit einer zweckmässigen Empfehlung zuzuschicken, und der Künstler ward in ewige Sicherheit gebracht. Ich habe diese geschichte aus dem eigenen Mund des alten ehrwürdigen Grafen, der sie im Jahre 1756 an der Tafel des Herrn von Reineck in Frankfurt am Main öffentlich erzählte. Nun frage man vom Preussischen Grosskanzler an bis zum letzten Professor Juris: ob einer, der Gift zum Verkauf feilbietet und herumträgt, um dessentwillen ungestraft davongehe, weil er das Gift nicht selbst verfertigt und nur anderen gelegenheit hat geben wollen, die natur und Kräfte dieses Gifts durch Gegengifte zu untersuchen.

Gesunde Köpfe und reine Herzen sind über Wesen, Bestandteile, Anwendung, Nutzen, Wohltätigkeit und Segen wahrer Aufklärung in allen Gegenden und Ständen einverstanden; der weise und gute Fürst freut sich ihrer gewiss so sehr, erkennt ihren Wert gewiss so dankbar, als der begeisterte Volksfreund ihr Lob zu preisen vermöchte, er bearbeitet sich vielmehr selbst, ihr Licht allgemeiner zu verbreiten. Tag und Nacht haben sich aber noch nicht so geschieden,

um Wahrheit und Täuschung genug voneinander unterscheiden zu können; Gebrauch und Missbrauch, gute und falsche Münze liegen noch zu sehr neben- und untereinander, um nicht Gefahr und Betrug zu argwohnen, um nicht zu fürchten, wo auch nichts zu fürchten ist, oder nachlässig und gleichgültig zu sein, wo wachsame Behutsamkeit nötig wäre.

Mein kurzes und redliches Bekenntnis darüber ist dieses: Alle Aufklärung, die sich nicht auf Religion gründet und stützt, die nicht