All_Enlightenment_11.txt

im Bewusstsein miteinander verbunden sind, so können wir das klare Erkenntnis nennen. klar wird also auch unser intellektueller Gesichtskreis heissen können, wenn wir von allen innerhalb desselben befindlichen Gegenständen klare Vorstellungen haben. Klären oder aufklären heisst soviel als: klar machen und sich aufklären soviel als: klar werden. Dies auf unsere Erkenntnis angewandt, heisst es: ihr die Vollkommenheit der klarheit geben. Also den intellektuellen Gesichtskreis eines Menschen oder überhaupt einen Menschen aufklären, heisst: ihm zu klarer Erkenntnis der in seinem Gesichtskreis liegenden Gegenstände helfen. Jemanden über einen gewissen Gegenstand aufklären, heisst: ihm dazu behilflich sein, dass er statt seiner bisherigen dunklen und unbestimmten Begriffe von demselben Gegenstand nun klarere und bestimmtere bekommt. Aufklärung sollte freilich die Tätigkeit derjenigen Kraft bezeichnen, welche die klarheit der Vorstellungen bewirkt, bezeichnet aber aus oben angeführten Gründen, der Analogie der Sprache gemäss, bequemer noch die wirkung jener Tätigkeit, nämlich die dadurch verursachte Veränderung, bedeutet also: den Übergang entweder eines einzelnen Begriffs oder des ganzen intellektuellen Gesichtskreises aus der Dunkelheit in die klarheit"; oder, welches eben das ist: das Wachstum menschlicher Erkenntnis durch die Vermehrung klarer Begriffe. Das Prädikat: aufgeklärt ist also relativ und sagt in Beziehung auf einen Menschen, dass er mehr klare Begriffe habe, als andere seinesgleichen, in Beziehung auf eine Menschengattung oder Gesellschaft, dass sie mehr aufgeklärte Individuen, Mitglieder, als andere Menschengattungen und Gesellschaften entalte.

Hier ist das Ziel meiner Untersuchung! Ich habe weiter nichts gewollt, als den Begriff bestimmen, der dem Wort Aufklärung zukommt, werde mich also auch weder in die Teorie noch in den praktischen teil der Aufklärungslehre weiter einlassen.

Wird nun diese Erklärung, diese nach dem Gesetz der Analogie dem Wort Aufklärung angewiesene metaphorische Bedeutung angenommen und durch den Gebrauch autorisiert: nun, so haben wir denn doch einen bestimmten Begriff von diesem Ding. Und wenn wir noch weiter über die Aufklärung disputieren wollen, so kennen wir denn doch die Sache, von der die Frage ist. Und nun erst, nachdem wir die Sache selbst kennen und bestimmt zu bezeichnen wissen, nun erst können mit Erfolg fragen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, über den Nutzen oder Schaden derselben, aufgeworfen werden. Nun können wir im Ernst untersuchen, ob ein solches Wachstum der menschlichen Erkenntnis nützlich oder schädlich, der Glückseligkeit des einzelnen Menschen und der Gesellschaft beförderlich oder hinderlich sei; ob diese Aufklärung überhaupt allen Menschen zu wünschen und zu gönnen sei, oder ob sie nur gewissen Menschenklassen ausschliesslich eigen sein dürfe. Nun können wir auch über die erlaubten und unerlaubten, wirksamen und unwirksamen Beförderungsmittel dieser Aufklärung und über die Metode sie anzuwenden sprechen, usw. Nun können wir auch noch weitergehen und fragen, ob jemand das Recht habe, den Gebrauch dieser Beförderungsmittel zu gestatten, zu verbieten, oder einzuschränken. Kurz, nun können Psychologe und Moralist und Pädagoge und Publizist kommen und jeder seine fragen nach seinen Bedürfnissen an jenen Grundbegriff anknüpfen, und die Untersuchung wird wohl vonstatten gehen.

Es sei mir erlaubt, hier nur in Form eines Korollariums zu zeigen, dass es uns vielleicht kein anderer Begriff so leicht wie dieser macht, alle über diesen Gegenstand aufgeworfenen fragen zu beantworten. Ja, sie scheinen mir schon halb beantwortet zu sein, sobald man nur den von mir erläuterten Begriff auf sie anwendet. Z. B.:

1) Ist eine allgemeine Aufklärung möglich? - Das heisst nichts anderes, als: Ist der menschliche Verstand überhaupt eines sukzessiven Wachstums an klarer Erkenntnis fähig? Sind die Köpfe aller Menschen so beschaffen, dass die Begriffe von den in ihrem intellektuellen Gesichtskreis liegenden Gegenständen, die sie erst unvollständig und verworren fassten, nach und nach klarer werden können? Oder sind einige, sind vielleicht die meisten Menschen schlechterdings aller klaren Begriffe unfähig? Sind sie dazu verdammt, dass das, was einmal in ihren Köpfen dunkel und verworren ist, immer und ewig verworren bleiben soll?

2) Ist die allgemeine Aufklärung nützlich oder schädlich?-Diese Frage kann nun nach der dem Wort Aufklärung zugeordneten Bedeutung nichts anderes heissen, als: Ist es dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft zuträglich, dass jeder Stand und jedes Individuum von den in seinem intellektuellen Gesichtskreis liegenden Gegenständen klare und deutliche Begriffe, oder ist's ihm und der Gesellschaft nützlicher, dass er dunkle und verworrene Begriffe davon habe?

3) Hat die Aufklärung Grenzen? - Kann entweder heissen: Gibt es für jeden Menschenkopf eine Summe klarer Vorstellungen oder einen Grad der klarheit für dessen Vorstellungen, welche oder welchen zu überschreiten ihm seiner natur nach unmöglich oder auch ihm selbst und der Gesellschaft nachteilig ist? Oder gibt es einen Punkt, welcher als das fest bestimmte und nie zu überschreitende Ziel des Strebens nach eigener und fremder Aufklärung anzusehen ist? - Diesem nach kann auch die folgende Frage

4) Wer kann und darf der Aufklärung Grenzen setzen?-einen doppelten Sinn haben. Sie kann nämlich heissen: Welcher Mensch ist imstande oder berechtigt, die Summe der klaren Begriffe, die in jedes Menschen Kopf sein sollenoder auch den Grad der klarheit, den sie erreichen sollenoder auch die Klasse der Gegenstände, die jede Menschenklasse klar und deutlich erkennen soll -, mit Worten oder Zahlen zu bestimmen? - Sie kann aber auch heissen: Welcher Mensch hat die Macht oder das Recht, den Punkt zu bestimmen, der das Ziel des Strebens nach eigener und fremder Aufklärung sein soll?

5) Welches sind die zweckmässigsten, wirksamsten und unschädlichsten Mittel, die ein Mensch anwenden