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, ob man ihm gleich ein nicht geringes Mass von beiden mit Recht zuschreiben darf.

Indessen hat der Sprachgebrauch, der zwischen diesen gleichbedeutenden Wörtern einen Unterschied angeben zu wollen scheint, noch nicht Zeit gehabt, die Grenzen derselben festzusetzen. Bildung, kultur und Aufklärung sind Modificationen des geselligen Lebens, Wirkungen des Fleisses und der Bemühungen der Menschen, ihren geselligen Zustand zu verbessern.

Je mehr der gesellige Zustand eines volkes durch Kunst und Fleiss mit der Bestimmung des Menschen in Harmonie gebracht worden, desto mehr Bildung hat dieses Volk.

Bildung zerfällt in kultur und Aufklärung. Jene scheint mehr auf das Praktische zu gehen: auf Güte, Feinheit und Schönheit in Handwerken, Künsten und Geselligkeitssitten (objective), auf Fertigkeit, Fleiss und Geschicklichkeit in jenen, Neigungen und Triebe und Gewohnheit in diesen (subjective). Je mehr diese bei einem volk der Bestimmung des Menschen entsprechen, desto mehr kultur wird demselben beigelegt, so wie einem Grundstücke desto mehr kultur und Anbau zugeschrieben wird, je mehr es durch den Fleiss der Menschen in den Stand gesetzt worden, dem Menschen nützliche Dinge hervorzubringen. – Aufklärung hingegen scheint sich mehr auf das Teoretische zu beziehen. Auf vernünftige erkenntnis (objective) und Fertigkeit (subjective) zum vernünftigen Nachdenken über Dinge des menchlichen Lebens, nach Massgabe ihrer Wichtigkeit und Ihres Einflusses in die Bestimmung des Menschen.

Ich setze allezeit die Bestimmung des Menschen als Mass und Ziel aller Bestrebungen und Bemühungen, als einen Punkt, worauf wir unsere Augen richten müssen, wenn wir uns nicht verlieren wollen.

Eine Sprache erlangt Aufklärung durch die Wissenschaften, und erlangt kultur durch gesellschaftlichen Umgang, Poesie und Beredtsamkeit. Durch jene wird sie geschickter zu teoretischem, durch diese zu praktischem Gebrauche. Beides zusammen gibt einer Sprache die Bildung.

kultur im Aeusserlichen heisst Politur. Heil der Nation, deren Politur wirkung der kultur und Aufklärung ist, deren äusserlicher Glanz und Geschliffenheit innerliche, gediegene Echteit zum grund hat!

Aufklärung verhält sich zur kultur, wie überhaupt Teorie zur Praxis, wie Erkenntnis zur Sittlichkeit, wie Kritik zur Virtuosität. An und für sich betrachtet (objectiv), stehen sie in genauesten Zusammenhange, ob sie gleich subjectiv sehr oft getrennt sein können.

Man kann sagen: die Nürnberger haben mehr kultur, die Berliner mehr Aufklärung, die Franzosen mehr kultur, die Engländer mehr Aufklärung, die Sinesen viel kultur und wenig Aufklärung. Die Griechen hatten beides, kultur und Aufklärung. Sie waren eine gebildete Nation, so wie ihre Sprache eine gebildete Sprache ist. – Ueberhaupt ist die Sprache eines Volkes die beste Anzeige seiner Bildung, der kultur sowohl als der Aufklärung, der Ausdehnung sowohl als der Stärke nach.

Ferner lässt sich die Bestimmung des Menschen einteilen in: erstens Bestimmung des Menschen als Mensch, und zweitens Bestimmung des Menschen als Bürger betrachtet.

In Ansehung der kultur fallen diese Betrachtungen zusammen, in dem alle praktischen Vollkommenheiten bloss in Beziehung auf das gesellschaftliche Leben einen Wert haben, also einzig und allein der Bestimmung des Menschen, als Mitgliedes der Gesellschaft, entsprechen müssen. Der Mensch als Mensch bedarf keiner kultur, aber er bedarf der Aufklärung.

Stand und Beruf im bürgerlichen Leben bestimmen eines jeden Mitgliedes Pflichten und Rechte, erfordern nach Massgabe derselben andere Geschicklichkeit und Fertigkeit, andere Neigungen, Triebe, Geselligkeitssinn und Gewohnheiten, eine andere kultur und Politur. Je mehr diese durch alle Stände mit ihrem Berufe, d.i. mit ihren respectiven Bestimmungen als Glieder der Gesellschaft übereinstimmen, desto mehr kultur hat die Nation.

Sie erfordern aber auch für jedes Individuum, nach Massgabe seines Standes und Berufs, andere teoretische Einsichten, und andere Fertigkeit, dieselbe zu erlangen, einen anderen Grad der Aufklärung. Die Aufklärung, die den Menschen als Mensch interessirt, ist allgemein, ohne Unterschied der Stände; die Aufklärung des Menschen als Bürger betrachtet modificirt sich nach Stand und Beruf. Die Bestimmung des Menschen setzt hier abermals seiner Bestrebung Mass und Ziel.

Diesem nach würde die Aufklärung einer Nation sich verhalten: erstens, wie die Masse der Erkenntnisse, zweitens deren Wichtigkeit, d.i. verhältnis zur Bestimmung a) des Menschen und b) des Bürgers, drittens deren Verbreitung durch alle Stände, viertens nach Massgabe ihres Berufs; und also wäre der Grad der Volksaufklärung nach einem wenigstens vierfach zusammengesetzten Verhältnisse zu bestimmen, dessen Glieder zum teil selbst wiederum aus einfachern Verhältnissgliedern zusammengesetzt sind.

Ohne die wesentlichen Bestimmungen des Menschen sinkt der Mensch zum Vieh herab, ohne die ausserwesentlichen ist er kein so gutes herrliches geschöpf. Ohne die wesentlichen Bestimmungen des Menschen als Bürger hört die Staatsverfassung auf zu sein, ohne die ausserwesentlichen bleibt sie in einigen Nebenverhältnissen nicht mehr dieselbe.

Unglückselig ist der Staat, der sich gestehen muss, dass in ihm die wesentliche Bestimmung des Menschen mit der wesentlichen des Bürgers nicht harmoniren, dass die Aufklärung, die der Menschheit unentbehrlich ist, sich nicht über alle Stände des Reichs ausbreiten könne, ohne dass die Verfassung in Gefahr sei, zu grund zu gehen. Hier lege die Philosophie die Hand auf den Mund! Die notwendigkeit mag hier gesetz vorschreiben, oder vielmehr die Fesseln schmieden, die der Menschheit anzulegen sind, um sie niederzubeugen, und beständig unterm Drucke zu halten.

Aber wenn die ausserwesentlichen Bestimmungen des Menschen mit den wesentlichen oder ausserwesentlichen des Bürgers in Streit kommen, so müssen Regeln festgesetzt werden, nach welchen Ausnahmen geschehen und die Collisionsfälle entschieden werden sollen.

Wenn die wesentliche Bestimmungen des Menschen unglücklicherweise mit seinen ausserwesentlichen Bestimmungen selbst in Gegenstreit gebracht worden sind, wenn man gewisse nützliche