1864_Lewald_163_99.txt

oben auf der Höhe wehte die Luft frischer. Die Baronin blieb eine Weile in Betrachtung versunken stehen. Sie dachte nicht daran, dass ihr Arm noch auf dem arme des jungen Mannes ruhe, und er hütete sich, sie daran zu erinnern. Mit dem Weben der natur, mit dem Hinblick in die Ferne war eine Reihe von Gedanken in ihm rege geworden, und der schwungvollen Freude folgte ihre Schwester, die Wehmut. Es war ohnehin das erste Mal, dass er Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und jugendlich froh gesehen hatte, und dass dieser Frohsinn so schnell entschwand, dass sich über ihr Antlitz schon wieder der Schleier der Melancholie herniedersenkte, das vermehrte seine elegische Bewegteit.

Wir sind an der Stelle, hier müsste die Capelle stehen! sagte er endlich, aber er konnte sich nicht überwinden, ihr hier die früheren Erklärungen zu wiederholen. Es kam ihm Alles so gering vor neben dem, was er empfand, was auch Angelikaer zweifelte nicht daranempfinden musste, denn auch sie stand in sich versunken da. Als sie emporblickte, schaute sie ihn an, es däuchte ihr, als sähe er traurig aus. Sie machte sich von ihm los, aber sie wagte die Frage nicht, wesshalb er nicht mehr heiter sei, und er liess ihr dazu auch nicht die Zeit. Dass wir so vergänglich sind! rief er aus, wir und der Frühling und die Jugend und die Schönheit! So vergänglich, während das Unbeseelte dauert!

Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben, und er bewegte sie; aber sie nahm sich zusammen und entgegnete: Und doch wollen wir hier einen Bau errichten, der Dauer haben soll!

Ja, rief er, indem er in die Ferne hinabwies, wo die Mauern der Kirche mächtig emporstiegen, ja, Dauer, Dauer so lange als möglich! Seit Jahren weilt mein Sinn an diesen Orten, noch Jahre lang wird er sich hierher wenden! All mein Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht! Und wenn dann der Tag kommen wird, an welchem das goldene Kreuz drüben von dem Turme und hier von der Höhe in die Ferne leuchtet, wenn diese Bauten vollendet sein werden, dannwerde ich gehen, um nicht wiederzukehren, dann ist meines Weilens hier nicht mehr! –

Es war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in seiner Arbeit, es war die alte Klage, dass der Mensch vergänglicher ist als das von ihm Geschaffene, welche ihm durch den Sinn zog, und in der Jugend überrascht uns die grausame notwendigkeit des Untergehens, des Sterbenmüssens immer wieder auf das Neue.

Er hielt inne, nachdem er gesprochen hatte, fasste Angelika's Hand und fuhr fort: Aber früh und spät, Sommer und Winter wird Ihr klares Auge sich hierher richten, wenn Sie an Ihr Fenster treten; hier werden Sie knieen im Gebet! O, möge nie die Stunde kommen, in welcher Sie hier Trost suchen müssten in dem Kummer Ihres Herzensdenn der Schönheit soll der Schmerz nicht nahen!

Angelika war wie verzaubert. Das hatte sie nicht erwartet. Einen Ton des Herzens, wie er aus den Worten dieses Mannes erklang, hatte sie nie vernommen, und er erweckte in ihrer Seele ein Etwas, das noch nie in ihr so klar gesprochen hatte. Glück und Erschrekken, Freude und Pein, ein stolzes Aufjauchzen, eine herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal. Es kam ihr vor, als fühle sie eben jetzt zum ersten Male, dass sie lebe und welcher Seligkeit sie fähig sei. Es zog sie mit süsser, mächtiger Gewalt zu Herbert, und doch scheute sie diese Gewalt. Sie sehnte sich, seinen blick zu geniessen, und wendete sich von ihm ab; und wie sie sich von ihm wendete, da sah sie hinunter in das Tal, und weitin zogen sie sich, die langen Windungen des schnellen, tiefen Flusses, der so hell und so heiter dahinschoss durch das Land, und sie waren eben so hingeflossen über Paulinen's Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült, an das Ufer hier unten im Park, vor ihren eigenen Augen!

Schrecklicher, furchtbarer als jemals stand das Bild jener Stunde vor ihrem geist, und heute zum ersten Male mischte sich in ihr Entsetzen und in ihre Verzweiflung über jenes Ereigniss eine zornige Empörung gegen ihren Gatten, eine Auflehnung gegen ihr Geschick, gegen die Vorsehung.

Warum war er in ihr Leben getreten, der ältere Mann mit der schuldbefleckten Vergangenheit, dem die Herzogin im grund mehr galt und näher stand als sie? Warum hatte der Himmel es ihr auferlegt, ein Verbrechen büssen zu helfen, das sie nicht begangen und das denjenigen, der es verübt hatte, jetzt lange nicht mehr so schwer bedrückte, als sie, die Schuldlose? Warum hatte Gott ihr das Glück versagt, die reine, die erste, heisse Liebe eines edlen Jünglings zu geniessen und freien Herzens die Empfindung zu fühlen, die jetzt plötzlich wie ein belebendes Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte?

Es war das Alles kein langsames Denken, keine Folge von Ueberlegungen; es war jenes plötzliche, allumfassende erkennen, das in einzelnen, entscheidenden Momenten dem Menschen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit verleiht. über sich hinausgehoben durch die Erregung des Augenblickes, überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten Zusammenhange und begreift seine Zukunft mit einer seherischen klarheit, die ihm das Ziel und das Ende derselben, die ihm sein künftiges Schicksal wie in einem untrüglichen