freute sich darauf, sie bald einmal wiederzusehen, er hatte eine Genugtuung daran, etwas für ihren Dienst zu übernehmen, und wenn er sie auch fortdauernd im Vollbesitze aller Glücksgüter sah, ertappte er sich oft darauf, dass er sie in seinem geist immer nur die arme Baronin nannte, und dass er ihrer mit Hingebung gedachte, weil sie ihm, er wusste selber kaum wesshalb, beklagenswert erschien.
Anders verhielt es sich mit dem Baron. Er war völlig wieder der frühere, selbstgewisse Herr geworden, und hatte es kein Hehl, dass er diese günstige Stimmung der Gesellschaft seiner Freundin, der Herzogin, verdanke, deren leichtlebiger Gleichmut ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe, welche Quellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze, der weise genug sei, sich den Sinn frei zu erhalten, sich nicht von Zufällen beunruhigen und sich nicht vor der Zeit altern zu lassen. Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der Vergangenheit hatte er vollkommen abgeschlossen, ja, er begriff es, Dank dem Zuspruche der Herzogin, kaum noch, wie sie ihn jemals in so sinnverwirrender Weise hatten peinigen können. War es denn seine Schuld, dass der gewaltsame Starrsinn Paulinen's sie verhindert hatte, sich nach hergebrachter Weise in das Vernünftige und Notwendige zu fügen, dass sie ihrer Leidenschaftlichkeit mehr als der Vernunft Gehör gegeben? Oder was konnte er dafür, dass ein unglücklicher Zufall seiner Gattin ein geheimnis entüllt hatte, welches ihr besser verborgen geblieben wäre?
Er hatte Stunden, in denen er mit seiner Gattin um ihres Ernstes willen recht unzufrieden war, und wenn er auch von dieser Unzufriedenheit, welche sich nicht nur auf Angelika, sondern auch auf den Caplan erstreckte, der sich mehr und mehr von der im schloss herrschenden Geselligkeit zurückzog, nicht viel merken liess, so kamen doch die Augenblicke immer häufiger, in denen die Herzogin ihm das geständnis derselben abzulocken wusste. Das gute Einvernehmen zwischen den beiden alten Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester, und, wie Herbert es bezeichnet hatte, die Herzogin bestimmte und leitete das Leben im schloss fast ausschliesslich.
Es war ein herrlicher Sommertag, an welchem der Baumeister nach jenem Mittage im Flies'schen haus wieder in Richten eintraf. Die Fenster des unteren Geschosses, welche bis zum Boden herniedergingen, waren geöffnet, die Luft regte sich nicht, die Wolken schwebten wie flüssiges, durchsichtiges Silber an dem blauen Himmel. Ueberall hörte man Vogelsang, überall spielten aufsteigend und sich in sich selber drehend zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine. Oben auf der First des alten Turmes sah die junge Storchfamilie nach den heranfliegenden Alten aus, und aus dem fetten Grün des Rasens wuchsen, von der Wärme gelockt, die Butterblumen, die Campanula, die Scabiosen und eine Fülle farbiger Gräser hervor. Aus den Volièren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher und das Singen ihrer gefiederten Bewohner, und die grossen Windspiele des baron sprangen in langen Sätzen neben einander her, ohne auf den kleinen Mops der Herzogin zu achten, der ruhig in der warmen Sonne da lag, leise und träge mit den grossen, schwarzen Augen blinzelnd, wenn eines der Windspiele in raschem Sprunge über ihn fortsetzte.
Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel gespeist und seine kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Freiherrn gehabt, ehe dieser sich zurückzog. Nun war die Zeit der Mittagsruhe vorüber, die Wärme fing an nachzulassen, und der Kaffee sollte desshalb im Freien eingenommen werden. Eine chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet, um gegen die Feuchtigkeit zu schützen, welche von dem Gewitterregen des frühen Morgens etwa noch im Erdreiche zurückgeblieben sein konnte.
Die Herzogin, welche nur selten einmal geneigt war, sich Bewegung zu machen, sass ruhig im Sessel und drehte die kleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde der Königin Marie Antoinette in der Hand, während die Diener mit den silbernen Teebrettern herbeikamen, um den Kaffee in kleinen Tassen von Sèvres-Porzellan herumzugeben. Sie war heller gekleidet als gewöhnlich, und als der Freiherr ihr die Bemerkung machte, dass ihr dies vorteilhafter stehe, meinte sie, man müsse es dem Wetter nachtun, das jetzt so freundlich sei, und es sei ihr hier ja auch so heiter, so völlig heimisch zu Sinne, dass sie es aus Dankbarkeit darauf angelegt habe, ihm zu gefallen.
Der Baron machte ihr das Compliment, welches diese Aeusserung verlangte, man begann zu scherzen, und obschon Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten entfernt gewesen war, fiel es ihm doch wieder auf, wie das Leben und das Behaben seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten, seit er zum ersten Male dortin gekommen war.
Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und mit dem Caplan seine Muttersprache geredet, jetzt sprach er, wo dies irgend tunlich war, das Deutsche nicht, während der Marquis, der sichtlich bemüht war, es zu erlernen, Herbert's Anwesenheit, mit welchem er fast gleichen Alters war, zur Uebung in der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen liebte. Sie waren auf diese Weise in eine Art von näherer Bekanntschaft geraten und auch an dem Nachmittage auf der Terrasse plaudernd umhergeschlendert, bis ein Zufall sie in das geöffnete Billardzimmer führte, in welchem man die Rapiere, die Fleurets und überhaupt die Gerätschaften bewahrte, deren man zu körperlichen Uebungen bedurfte. Der Marquis, welcher ein Meister in denselben war, forderte den Architekten auf, ein paar Gänge zu machen, und nachdem man sich damit genug getan hatte, nahm der bewegliche Franzose schnell ein Racket in die Hand, Herbert zum Federballspiele