1864_Lewald_163_92.txt

als sie endlich schieden.

Drittes Capitel

Der Abmarsch der Truppen, die, erst zu einem Feldzuge gegen Russland zusammengezogen und dann als Reserven für den Krieg in Frankreich bestimmt, den ganzen Winter und das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren, verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr. Herr Flies hatte in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften vollauf zu tun, die Mutter, welche sonst derlei hülfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte, hatte heute wieder einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen, denn manch ein Ring und manch ein Andenken wurden noch erhandelt.

Die Haustüre stand nicht still, die Türklingel kam nicht viel zur Ruhe. Auch auf der Treppe war beständige Bewegung. Seba sah den Grafen mehrmals gehen und wiederkehren. Jetzt wird er kommen, jetzt ist er da, jetzt muss es sein! sagte sie sich, jedes Mal zusammenschreckend, wenn er sich ihrem Zimmer näherte, aber wieder ging er vorüber, und das angstvolle Hoffen und das Horchen und das Sinnen und das Grübeln begannen auf's Neue.

Draussen schien die Sonne strahlend hell, aber Seba vermochte sich nicht daran zu erfreuen. Es war ihr, als leuchte die Sonne heute so unerbittlich in ihr Herz, dass es sich ihr in der Brust krampfhaft zusammenzog. Sie hätte die Augen gern von sich selber abgewendet.

Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein, nicht Vater, nicht Mutter fragten heute' nach ihr. Erst um elf Uhr, als die Kinder aus der Schule heimkehrten, kam Paul zu ihr und verlangte bei ihr zu bleiben, da die Kriegsrätin ausgegangen sei, den Abmarsch der Soldaten anzusehen.

Ja, entgegnete Seba, bleibe bei mir! Aber er verlor beinahe die Lust dazu, denn ihr Gesicht war traurig, und noch ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt hatte, trat der Graf zu ihnen ein. Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten, fiel Seba d e m Grafen um den Hals, indess auch dieser sah nicht so heiter und so selbstzufrieden aus, als sonst.

Er umarmte Seba, er küsste sie, und küsste sie immer wieder. Er sprach leise mit ihr, dass Paul es nicht verstand, und endlich riss er sich aus Seba's Armen los, und Seba weinte bitterlich und laut.

Als der Graf schon auf der Schwelle stand, schrie Seba auf. Es schnitt dem Knaben durch das Herz. Gerhard, rief sie, Gerhard, so kannst Du von mir gehen?

Sie eilte ihm nach, sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn ewig halten, und küsste ihn unter Tränen. Er war erschüttert, er bat sie, sich zu beruhigen, sich zu fassen, auf ihn zu bauen. Indess sein Wort war eilig, sein Ton war kälter als sein Wort, und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht.

Da, als er sich entfernen wollte, fasste sie seine Hand, und mit einer Kraft, die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam, sagte sie: Gerhard, Du weisst es, ich liebe Dich sehr, sehr, undfügte sie klanglos und bebend hinzues ist furchtbar, aber mir ist heute, als fühlten wir beide jetzt nicht dasselbe! Wenn Du mich vergessen, mich verlassen könntest! O, nur das nicht, nur das nicht! rief sie flehend aus, indem sie ihre hände ängstlich wie zum Gebet faltete.

Der Graf blickte sie an, es zuckte durch sein Antlitz, er drückte sie noch einmal an sein Herz, und ohne ein Wort zu sprechen, eilte er von dannen.

Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen. Sie hörte, wie er fortging, die Treppe hinunter, wie er die Haustüre öffnete, sie hörte den Vater und die Mutter mit ihm sprechen, sie hörte den Hufschlag seines Pferdes, und hörte denselben weiter und weiter verhallen. Horchend, als hinge ihr Leben an dem Schalle, hatte sie die Augen geschlossen, die arme hingen ihr schlaff herab.

Das missfiel dem Knaben. Er ging zu ihr, ergriff und schüttelte ihren Arm und sagte: Seba, mach' doch die Augen auf! Der Graf ist ja fort!

Sie folgte dem Worte unwillkürlich, und wie sie um sich her blickte, wie sie sich mit dem Knaben allein fand, dessen dunkle Augen unverwandt in ihren Mienen zu lesen suchten, da fasste sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh aus dem Gemache. Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr bleiben, sie konnte das Geräusch und das Pferdegetrappel und das Rollen der Wagen nicht aushalten, die sich von der Strasse vernehmen liessen, sie konnte die Sonne und das Licht des Tages nicht ertragen.

Paul hingegen sah zum Fenster hinaus, und das bunte Leben und Treiben belustigte ihn; es war kaum durchzukommen vor dem haus. Die Packpferde, welche die Zelte und die Betten und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere trugen, die schweren Feld-Equipagen, welche den älteren Officieren nachgefahren wurden, die Fourgons und alles, was zum Train gehörte, kam zum Vorschein und machte sich breit, aber von den Truppen war noch nichts zu sehen.

Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem Paradeplatze, von unbarmherziger Disciplin zusammengehalten, dass kein Glied sich regte, keine Miene sich verzog, wie auch die Sonne ihnen senkrecht auf den Scheitel brannte und die Zunge ihnen am Gaumen klebte. Aber nur die Gemeinen hatten es so übel, die Herren Officiere waren besser daran